Hundegeschichten aus Katalonien

Das Wunder (für meine Nachbarin aus dem Erdgeschoss)

Sie war den ganzen Tag und die ganze Nacht allein, wieder einmal. Ihr Zuhause war ihre grosse verwahrloste Terrasse, ausgeführt wurde sie nie. Schon als Welpe war sie auf diese Terrasse gesperrt worden und nun, nach drei Jahren, war sie immer noch da. Da die Terrasse nach hinten heraus lag, kannte sie nichts anderes als den alten Feigenbaum hinter ihrem mit Drathverhau abgesperrten schmutzigen traurigem Ort und die drei wilden Katzen, die ebenfalls in dem verfallen grossen Hinterhof lebten, mitten in der Altstadt von Manresa.

 

Es war Ende März und seit wenigen Tagen waren die Temperaturen stark gestiegen. Sie, die Huskyhündin mit dem blauen und dem braunen Auge, wusste das am allerbesten. Hechelnd suchte sie Schatten – und Wasser – was sie beides nicht fand. Ihre Herrin war forfgegangen, dass wusste sie. Dann und wann durfte sie in die Wohnung, was ihr aber auch nicht viel half. Dann durfte sie zugleich nicht auf ihre Terrasse und oftmals lief ihre Notdurft dann unter der Haustür ins Treppenhaus – hatte sie doch keine andere Möglichkeit sich zu entleeren. Ihre Herrin ging oft fort und sie war ebenso oft alleine.

 

Alleine war sie auch heute, schrecklich alleine – und mit der Zeit brannte nicht nur die Sonne und die quälende Einsamkeit, die sie dann und wann traurig animierte ihre Stimme zu einem wehen Wolfsgeheul anschwellen zu lassen – nein, nun brannte auch der Durst. Ein schrecklicher unerträglicher Durst.

Japsend und keuchend schritt sie unruhig auf und ab. Mit den Stunden und der Sonne wurde er immer schlimmer und die hübsche Huskyhündin überfiel eine grelle Panik.

 

Sie war nun über vierunzwanzig Stunden ohne Wasser und Futter und ertrug ihre Pein nicht mehr. Verzweifelt sprang sie an der völlig zerkratzen Holztür hoch, schrie und keuchte, doch niemand tat ihr auf. Der Betonboden unter ihr war mit ihrem Kot verschmiert in dem sie stand, schlief und auf- und abschritt, nun kratzte sie ihn auch an die Tür.

 

Die Sonne stieg höher und höher, kannte kein Erbarmen. Zu allem Hohn hing die marokanische Mieterin aus der Wohnung über ihr ihre Wäsche auf und unschuldige Wassertropfen stropften auf den heissen Beton. Gierig stürzte sich die Huskyhündin darauf und leckte den feuchten Boden ab, bis ihre Zunge von Weichspüler und dem scharfen Waschmittel erst recht anschwoll und schrecklich brannte. Die Wassertropfen hatten alles nur noch schlimmer gemacht – wie so oft, doch die Hündin konnte niemals einhalten die Tropfen zu lecken.

Nun geriet sie erst recht in Panik. Sie schrie, hechelte, kratzte an der Tür, fuhr sich mit der Pfote über die brennende Schnauze und röchelte aus trockener Kehle.

 

Und dann geschah das Wunder:

Im Moment grösster Verzweiflung spürte sie plötzlich Wassertropfen auf ihrem Rücken und zugleich nahm sie einen Schatten über sich wahr. Unschuldig senkte sich ein Eimer, kam neben ihr zu stehen und war voll kühlem, klaren, frischen, köstlichen Wasser. Wimmernd trank die Huskyhündin, stürtzte ihren Kopf in den Eimer und trank, trank, trank. Seelig rann das frische Nass in ihre Kehle, wimmernd konnte sie nicht einhalten um zu trinken. Sie trank den ganzen Eimer leer, erst dann ging es ihr besser.

Keuchend setzte sie sich neben ihn und sah dann, dass der rettende Eimer sich plötzlich bewegte und sich wieder Richtung Himmel aufmachte, aus dem er gekommen war. Die Hündin folgte ihm mit den Augen, und begriff dann, dass der Himmel der dritte Stock war. Dort stand eine junge Frau und zog den leeren Eimer an einem Strick wieder zu sich. Zwei Hunde und eine Katze sahen ihr dabei zu und die Hündin konnte den Blick nicht von den Augen der Frau lassen. Fassungslos hielt sie daran fest und soviel Dankbarkeit stand in ihrem Blick, dass es der jungen Frau im dritten Stock ganz komisch wurde.

 

Ab diesem Tage tat sich der Himmel noch sehr oft auf. Eben immer dann, wenn der Durst allzugross wurde, kam der magische Eimer herabgeschwebt.

 

 

Ina Erwien, Manresa im März 2005

Für meine nordische Nachbarin unter mir, deren Qualen sehr schwer zu ertragen sind

und die man mit Wasser zum glücklichsten Hund der Welt machen kann ...