Hundegeschichten aus Katalonien

Der Wochenendhund

Barcelona war ein hektisches energiegeladenes Pflaster. Besonders am Wochenende lockte es viele Barceloner hinaus in die frei Natur der Vorpyrenäen, da diese in gut einer Autostunde zu erreichen waren. Cardona, hundert Kilometer von Barcelona entfernt, lag am Fuße der Pyrenäen und bot sich mit seiner schönen Natur geradezu an, ein beliebtes Ziel der durch Stress, Hektik und Arbeit geplagten Stadtmenschen zu sein.

Viele Barceloner begnügten sich aber nicht nur mit einem Wochenendausflug, sie strebten ein zweites Zuhause in schöner Landschaft an, sie erstanden alte Fincas und Landhäuser, die sie dann zu ihrem Refugium erklärten. Es kam dabei gar nicht darauf an, ein luxuriöses modernes Quartier zu erstehen, wichtig war die gute Luft, die unberührte Natur und die Schönheit der Landschaft. Besonders für die Kinder war das Wochenende jeweils das Highlight der Woche. Es bedeutete herumtoben, Freiheit und Abenteuer. Dieses besondere Gefühl bestärkte sich dann noch viel mehr, wenn auch der lang ersehnte Wunsch eines eigenen Tieres damit verbunden wurde. Und welches Tier eignete sich hierbei besser als ein eigener Hund, der billig zu erstehen war, zugleich eine Wachfunktion ausüben konnte und zudem bei Verlust schnell zu ersetzen war.

So war zusätzlich zu dem verwunschenen Steinhaus im Flusstal des Aigua d'oras bei Cardona, Nika in das Leben der Familie Boix gekommen. Es war ein herrliches Glück gewesen, das Mühlenhaus mit dem Bächen und dem eigen kleinen See erstehen zu können. In unberührter Natur konnten sich die Eltern wunderbar von Alltagsstress der Woche erholen und die Kinder mit Nika tollen. Nika war eine schwarze Mischlingshündin mit langem Fell, weißer Brust und schönen goldenen Augen. Wie herrlich war es für die Familie Boix heim zu kehren, von Nika begrüßt zu werden, dann die Haustür zu öffnen und zwei ruhige Tage zu verbringen. Nika konnte sich vor Freude kaum beruhigen, wenn sie das Auto ihrer Menschen vorfahren hörte. Abgesehen von der erschreckenden Einsamkeit bedeuteten sie doch auch Futter, denn ihr niedergelegtes Trockenfutter ging stets Mitte der Woche zur Neige. Völlig verhungert fiel sie über ihr Essen her und wähnte sich im Paradies. Die Woche über war sie allein, von Sonntagabend bis Freitagabend war sie sich selbst überlassen und kamen fremde Menschen an dem alten Gehöft vorbei, bellte sie vor Angst und vor Entsetzen. Ihren Menschen war es egal warum sie bellte, wichtig war, dass sie bellte und das sie so das herrliche Eiland bewachte. Zudem war es ihren Menschen wichtig, dass sie schwarz war, denn schwarze Hunde wirkten gefährlich, ob sie es waren oder nicht.

Nika lebte nun schon sieben Monate ein Leben, das in der Woche aus Einsamkeit, Hunger und Angst bestand, am Wochenende aus Glück, Futter und Liebe. Man hatte ihr in einem kleinen Raum unter dem Haus ein Quartier eingerichtet, indem eine Matratze lag und wo sie sich des Nachts, bei Regen oder bei Gefahr zurückziehen konnte. Hier stand auch ihr Futternapf, der viel zu schnell leer wurde. Dann musste sie hungern. Den Hofplatz verließ sie nie, was ihre Besitzer erfreute, war sie doch schon Nika 4 und ihre ebenfalls schwarzen Vorgängerinnen waren entweder beim Wildern auf frischer Tat erschossen worden oder einfach verschollen. Wer konnte schon sagen ob sie davongelaufen waren, gestohlen oder sonst wie abhanden gekommen waren, sie waren eben fort.

Für die Kinder war das jeweils ein großer Schock gewesen. Man wartete zwei oder drei Wochen, dann wurde die alte Nika durch eine neue Nika ersetzt und die Kinder waren wieder glücklich. Nika 4 war den Kindern diesmal sehr ans Herz gewachsen, war sie doch überaus lieb zu ihnen. Sie konnten sie in wilde Spielereien verwickeln, sie konnten sie treten oder fesseln, stets ließ die junge Hündin alles über sich ergehen, da ihr alles lieber war als die schreckliche Einsamkeit, die furchtbaren Geräusche der Nacht oder die Menschen, die dann und wann in der Woche auf den Hof kamen, sie mit Motorrädern jagten oder sich an ihrer Angst weideten. Manchmal kamen auch Menschen die freundlich zu ihr redeten, doch sie misstraute ihnen, sie liebte einzig und allein die Menschen, die sie zu ihrem Wochenendhund erklärt hatten, die am Wochenende gut zu ihr waren, die ihr Futter gaben und für sie da waren, an zwei Tagen in der Woche. Stets brach ihr Herz, wenn sie in das gehasste und geliebte Auto stiegen, um sie wieder alleine zu lassen. Mit ihren goldenen treuen Augen sah sie ihren Menschen lange nach, nachdem sie dem Auto noch ein kurzes Stück nachgerannt war. Sie hatte Angst zu weit in den Wald zu laufen, denn er war für sie furchterregend, wie die Tiere, die manchmal in die Nähe des Hofes kamen. Wildschein, Wildkatzen und Fuchs waren für sie Anlas, in ihre Kammer zu flüchten und abzuwarten, bis sie wieder fort waren.

Fünft Tage Angst und Schrecken, zwei Tage Glück und Essen, sie war der Wochenendhund der Familie Boix und sie war allein.

 

Ina Erwien, 2000