Es war Dezember und kalt, ein eisiger Wind fegte durch die Straßen Manresas, und der abgemagerte alte Hund zitterte. Unentschlossen wandet er seine graue Schnauze von links nach rechts und trottete dann mit hängenden Kopf die Straße weiter. Die weihnachtliche Straßenbeleuchtung schimmerte warm auf seinen eingefallenen Körper, während die vielen Menschen hektisch auf der Jagd nach Weihnachtsgeschenken an ihm vorbeieilten, ihn einfach nicht wahrnahmen oder einen großen Bogen um den Schäferhundmischling schlugen.

Er aber nahm all dies nicht wahr, schon seit zwei Tagen eilte er wie verloren durch die fremde Stadt mit ihren fremden Gerüchen und all ihrer vorweihnachtlichen Hektik, sprang vor hupenden Autos davon, suchte und wusste, dass er alles was sein Leben ausgemacht hatte, verloren hatte. Da waren nur die unbekannten Gerüche, die vielen Menschen, die Kälte, der Hunger, die Einsamkeit, der Lichterglanz und die schmerzende Sehnsucht nach der Hand seines Herrn.

Noch immer fühlte er sie, die ihn von der schweren Kette gelöst hatte, die ihm das Halsband abgenommen hatte. Auf Befehl war er in das Auto gesprungen, das er so viele Jahre des Nachts bewacht hatte. Das Hochgefühl der wunderbaren Autofahrt neben seinem Herrn war aber vergangen, als dieser nach längerer Fahrt anhielt, die Autotür aufriss und ihm befahl hinauszuspringen. Er hatte gerne gefolgt, doch sein Herr hatte die Tür von innen zugeschlagen. 

Fassungslos hatte der alte Hund das Auto angestarrt, als es mit Vollgas davonbrauste. Von Panik erfasst, lief er dem Auto hinterher, lief, als hing sein Leben davon ab und brach mitten auf der befahrenen Straße zusammen, sprang mit letzter Kraft vor einem hupenden Auto davon und zitterte wie Espenlaub.

Er zitterte auch jetzt. Wartend blieb er stehen. Er war so allein. Er wartete auf ein vertrautes Wort, auf seinen Namen, der für immer Vergangenheit sein sollte. Da er stehen geblieben war, zog eine junge Mutter ängstlich ihr Kind vor ihm zurück, schlug mit der Einkaufstasche mit den Weihnachtsgeschenken nach ihm und schrie ihn an. Aus traurigen verlorenen Augen sah er sie an, dann trottete er weiter. Ein rotgekleideter Mann mit weißem Plastikbart stand plötzlich vor ihm, erschrocken wechselte der Hund die Straßenseite und verkroch sich unter eine Bank. Hier verharrte er benommen, winselte und legte seinen so schwer gewordenen Kopf auf die Vorderpfoten. Auf einem Schlag verschwanden schließlich all die vielen hektischen Menschen. Nun war alles wie ausgestorben. Nur die Weihnachtsbeleuchtung schien weiterhin warm auf sein Fell, das von der Kälte durchdrungen war.

Als er die Kälte nicht mehr ertragen konnte, stand er suchen auf und drückte sich in den eisigen Nachtstunden in den dunklen Eingang eines Hauses. Kaum war er trotz aller Kälte und Einsamkeit eingenickt, wurde er durch einen betrunkenen Mann jäh vertrieben.

"Verdammte Töle!", schrie dieser und trat nach dem alten Schäferhund. Mit steifen Gliedern und schmerzendem Körper eilte dieser davon. Der Schmerz seiner Verzweiflung verdeckte aber den Schmerz des Körpers, der Einsamkeit und den des Hungers.

 

Am nächsten Morgen war die Stadt wieder voll von den scheinbar suchenden, hektischen, fremden Menschen, die ihm alle nichts bedeuteten. Das was sein Leben ausgemacht hatte, war vergangen. Sein Gang war noch schleppender, noch langsamer, sein Körper noch hängender. Sein Schwanz hing eingezogen zwischen seinen Beinen, mühevoll und hoffnungslos nahm er nicht einmal wahr, dass ein Mann vor ihm zurücksprang, ihn ärgerlich anstarrte, diesen Anblick als nicht tragbar fand und sein Handy zückte. Er wusste nicht, dass dieser Mann die städtischen Hundefänger angerufen hatte. Er wusste nicht, dass bald Weihnachten war. Er wusste nicht, dass er durch einen jungen Hund ersetzt worden war, der nun an seiner Kette und an seinem Platz lag. 

Er wusste auch nicht wie ihm geschah, als sich nur wenig später eine Drahtschlinge gekonnt um seinen Hals legte und diese zugezogen wurde. 

Er wurde zu einem dunklen Käfig geschleift, dessen Tür sofort verschlossen wurde. Im Dunklen wimmerte er wie ein kleines Kind, kratzte verzweifelt an der Tür, die sich nicht auftat, später dann wohl, als er mit derselben Drahtschlinge aus seinem Gefängnis hinausgezogen wurde. Nun bellten viele Hunde um ihn, verstört versuchte er zu entkommen, war aber hilflos und allem ausgeliefert. Zwei Männer zerrten ihn an vielen Zwingen und bellenden Hunden vorbei in einen Zwingergang. Sie wussten genau was sie taten. Schließlich fand er sich in einem Zwinger wieder, wurde von der Drahtschlinge befreit und war schließlich allein. Die anderen Hunde hörten auf zu bellen. Wie betäubt stand er da, setzte sich schließlich und sah verwirrt und resigniert ins Nichts. Zeit verging, schließlich hörte er Stimmen und dann die Schritte zweier Menschen. Eine Frau erschien vor seinem Zwinger und sah ihn aus verständnisvollen Augen an. Er erwiderte ihren Blick und fühlte plötzlich Wärme und etwas Schönes von dieser Frau ausgehen. Frau und Hund sahen sich lange in die Augen und da musste der alte Hund plötzlich von tiefsten Herzen winseln. Da war sie die Sehnsucht, die Wärme und die Liebe nach der er sich so sehnte.

Ein junger Mann begleitete die Frau. "Ja, wer ist denn das?", fragte die Frau mit warmer Stimme. Der Hund lauschte genau. Der junge Mann zuckte mit den Schultern. "Er wurde heute Morgen von den städtischen Hundefängern gebracht. Scheinbar wurde er in der Innenstadt von Manresa ausgesetzt. Nun, er ist wohl schon sehr alt und niemand wird ihn hier herausholen. Wer will denn schon einen alten Schäferhund?" Die Frau schaute dem Hund noch immer in seine schönen und ach so traurigen Augen. 

"Aber das ist doch ganz einfach", sagte sie. "Ja, siehst du das denn nicht? Das ist doch unser Weihnachtshund. Und weißt du wie er heißt? Noel." Sie hockte sich zu ihm und streichelte ihn zärtlich lange Zeit, während Noel seufzte und sich gegen die Frau drückte, die ihm soviel Wärme und Liebe schenkte -  nach all diesen einsamen eisigen Tagen.

Noel wurde in der Vorweihnachtszeit im Dezember 2001 von den Hundefängern der Stadt Manresa aufgegriffen und in die städtische Aufnahmestation gebracht. Vom Tierheim Manresa aufgenommen, wurde er zum Weihnachtshund ernannt, tierärztlich versorgt und ihm ein Weihnachtsfest in Frieden ermöglicht. Mit all den zugesandten Futterspenden tierlieber Menschen aus Deutschland, lernte er bis dahin ungeahnte Hundeköstlichkeiten kennen. Er wurde liebkost und gestreichelt, mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht und fotografiert. Und als Weihnachtshund wurde ihm auch sein größter Wunsch wahr, zwar musste Noel darauf noch anderthalb Jahre warten, doch dann verliebte sich eine junge deutsche Frau in ihn. Sie störte sich nicht an seiner grauen Schnauze, sondern sah ihn, den Weihnachtshund, als den der er war und ist. Diesem alten Hund wollte sie seinen Lebensabend verschönern und so kam sie eigens her um ihn persönlich nach Deutschland zu holen. Noel letzter glücklicher Lebensabschnitt hat somit begonnen. Als Weihnachtshund muss ja alles gut werden!

Einen frohen Lebensabend und ein schöneres Weihnachtsfest in Liebe wünschen wir für dich, Noel!

 

für das Tierheim Manresa

Ina Erwien, 2003

Nachwort von Noels Besitzerin: In seinem jetzigen und endgültigem Rudel fühlt sich Noel total zufrieden und sehr geborgen. Das mehrmalige, tägliche Ballspielen ist zu seiner absoluten Lieblingsbeschäftigung geworden. Dadurch fällt auch gleich das Anbellen fremder Hunde weg, denn mit einem großen Quietschball im Maul, kann man nicht mehr bellen sondern nur noch quietschen und das ist äußerst lieblich und witzig.

PS: Den Ball loslassen - Niemals der ist mein!

Seit dem 3.August 2003 ist für Noel jeder Tag noch schöner als Weihnachten!