Hundegeschichten aus Katalonien

Das Halsband von Stella

Jaros Mutter

 

Sie war völlig schwarz, eine kleine Schäfermischlingshündin mit mandelförmigen braunen Augen, die stets weise und besonnen ihre Welt anschauten. Sie lebte an einem heruntergekommenden Schweinestall nahe Cardona mitten im Feld. An ihrer Seite lebten ein wolfsähnlicher grauer grosser Hund, der aber im Gegensatz wie sie immer angekettet war. Mit ihm zusammen hatte sie einen wunderschönen schwarzen Sohn, Jaro, der unweit seines Vaters ebenfalls an der Kette lag, Sonne, Durst und Hunger ausgesetzt war, Zecken, Einsamkeit und schliesslich dem Tod – genau wie sein Vater. Ihr aller Schicksal war bitterböse und sehr sehr traurig.

 

Stella aber, so nannte sie ihr Herr den sie liebte, hatte sie ja sonst niemand, war nicht angekettet. Sie verliess den Hof nie. Schon von Weitem sass man sie sitzen und Wache über ihn halten. Deshalb konnte sie auch trinken wann sie wollte. Sie fing Mäuse und war nicht so mager wie ihr Sohn und der schöne graue Hund. Alles in allem war sie ruhig und ausgeglichen. Kam ihr Herr auf den Hof, was nicht jeden Tag geschah, heftete sie sich an seine Seite und wollte gestreichelt werden. Das war das Schönste, leider passierte das viel zu selten.

Von den gequälten Hunden an dem traurigen Ort ging es ihr deutlich am besten. Oft ging sie auch zu ihrem Sohn und schlief Seite an Seite mit ihm. Sie war sanft und zärtlich und besonders wenn sie ihre Ohren spitzte ein sehr schöner Anblick.

 

Mit der Zeit kam eine junge Frau zu dem Schweinstall und begann ihren Sohn regelmässig Wasser und Futter zu bringen. Stella bekam stets einwenig ab. Wunderschön war es dann, als die junge Frau begann, ihren Sohn spazierenzuführen. Stella ging einfach mit. So sanft sie war, so dreist war sie auch. Immerhin war es ihr Sohn und es gab da keine Zweifel, dass die Spaziergänge auch für sie bestimmt waren. Da die Frau aber ihre zwei eigenen schwarzen Hunde mitnahm, ging diese alsbald mit vier grossen schwarzen Hunden spazieren. Alle verstanden sich bestens.

Ein heisser endloser Sommer ging so vorrüber und die schwarze Hündin erfreute sich an der jungen Frau und ihren Besuchen, genau wie ihr Sohn. Auch ihr Gemahl und Leidensgenosse, der grosse graue Hund wurde mit Futter und Liebkosungen bedacht, eben solange, bis er eines Tages tot in seiner Kette lag. Er war so dünn und verwahllost, sein Anblick war so schmerzhaft. Es dauerte lange bis er von dem Platz fort auf den Misthaufen geschmissen wurde, wo er langsam vor sich hinfaulte. Stella besuchte ihn nicht mehr, obwohl sie seine Jungen wieder einmal im Bauch trug.

 

Stella war läufig gewesen und hatte sich mit ihm gepaart. Jede Hitze ihres Lebens war sie trächtig geworden und so war ihr Gesäuge stark ausgeweitet und hing auch denn tief und schwer, wenn sie einmal nicht trächtig war. Nun schwoll ihr Bauch an und sie keuchte auf den Spaziergängen, die sie nur noch mühsam durchhielt. Trotzdem ging sie ständig mit, war es doch die Freude ihres einsamen Lebens geworden.

Als der Tag der Niederkunft kam, suchte sie sich weit unter einem alten Heuwagen und unter Stroh und Müll einen sicheren Ort, wusste sie doch das ihr Herr ihr immer wieder ihre Welpen nahm und sie tötete. Nur Jaro hatte er ihr einst gelassen und dann noch einmal einen weiteren schwarzen Welpen, den er verkauft hatte.

 

Auch dieses Mal suchte der Mann nach ihren Welpen und er brauchte lange ehe er sie fand, hatte sie ihren Ort doch sehr geschickt und wissend ausgewählt. Er zerrte sie von ihrem Welpen weg und sie schrie und wimmerte. Es waren sechs graue und schwarze Winzlinge und verzweifelt wimmerte Stella, als er einen nach dem anderen nahm, und sie kaltblütig erschlug. Stella hatte er zuvor einnagelneues Halsband umgelegt, braun, breit und aus Leder. Es sollte zum Ausgleich für ihre Trauer sein, so dachte ihr Herr.

 

Als die junge Frau am nächtsen Tag an den Ort kam, suchte sie nach Stella und fand sie mit trockener Nase apathisch im Gras hocken. Sie sah nicht auf, ja wedelte nicht einmal. Benommen setzte sich die junge Frau zu ihr und streichelte sie. Nun sah Stella doch auf und ihre Augen schienen wie gebrochen. Voller Trauer sah sie die Frau an.

„Hat er deine Jungen tot gemacht?“, fragte sie mitleidig und die Hündin legte ihren Kopf ins Gras und starrte ins Nichts.

Eine Woche vielleicht verhielt sie sich so, sie wollte nicht fressen und trinken.

Irgendwann traf die junge Frau auf den Tierquäler, Stellas Herrn, und fragte direkt was geschehen sei.

„Ist so, seit ihre Jungen tot sind“, sagte er, was treibt die sich auch immer rum. Dafür habe ich ihr ein wunderschönes Halsband gekauft“.

 

Dieser Mistkerl!

 

Und dann kam der Tag, als Stella fort war. Ihr Herr suchte sie sogar aber sie sollte nie wieder kommen, das Halsband auch nicht. Wahrscheinlich hatte sich ihre Gebährmutter entzündet und sie hatte sich im Fieber zum Sterben in den Wald gelegt. Ihr Ende ist ungewiss, aber sie war sehr krank.

Wieder, diesmal sehr entsetzt, fragte die junge Frau ihren Besitzer, doch der fluchte nur.

„Und dabei habe ich ihr das teure Halsband gekauft“, zischte er wütend. „Verdammte Töle!“

Gefühle für die Hündin kannte er nicht.

Von nun an ging die junge Frau ohne Stella spazieren, aber noch oft hat sie sie im Geiste vor Augen gesehen, wenn sie den traurigen Ort besuchte, der ihr selber das Herz brach.

Leb wohl, Stella!

 

Ina Erwien, 2005

so geschehen im Jahre Jahre 2001

 

Anmerkung: Andertalb Jahre später folgte Jaro seiner Mutter und verliess wie sein Vater und seine Mutter den schrecklichen Ort.