Hundeschicksale und Hundegeschichten

Stella - einen Sommer

Das Ultental bei Meran in Südtirol beherzigt noch immer eine wildromantische Ursprünglichkeit, die für die Ultentaler jedoch eine kurvenreiche und schlechte Straßenverbindung hinab ins Tal nach Lana bedeutet.

In Südtirol, besonders im Ultental, fühlen sich die Südtiroler nicht den Italienern zugehörig. Sie sprechen Deutsch und beäugten deshalb auch etwas skeptisch das italienische Straßenbauteam, das einen Sommer lang Einzug ins Ultental hielt. Nahe des malerischen Ortes Sankt Pankraz begannen sie gekonnt die Straßenführung zu entschärfen und Felsen abzutragen - was ja für den Straßenverkehr ja durchaus von Vorteil war. Dennoch misstrauten die Sankt Pankrazer den italienischen Arbeitern und diese wohl auch dem Jahrhunderte alten Talvolk in seiner Bergeinsamkeit. Deshalb gab es einen Sommer lag Stella.

Stella war eine junge Schäferhundmischlingshündin, die von den Italienern aus ihrer Heimat mitgebracht worden war. Sie bekam einen sonnigen schattenlosen Platz und eine kurze Kette. Ihre Aufgabe war es, die Baustelle zu bewachen, doch nicht einmal ein halbes Jahr alt, freute sie sich natürlich über unerwünschte Besucher, was die italienischen Arbeiter jedoch nicht sonderlich erfreute. 

Stella war freundlich, verschmust, verschüchtert und immer hungrig. Sie hatte helle freundliche Augen und große Ohren, die sich noch nicht so recht entschließen konnten, ob sie lieber stehen oder hängen wollten. Meistens taten sie beides, was Stella ein lustiges Aussehen gab, das zu ihrem Wesen durchaus passte. Man musste Stella sofort ins Herz schließen - die italienischen Arbeiter jedoch schlossen sie nicht ins Herz. Am Wochenende führen sie zu ihren Familien nach Mailand zurück und überließen Stella sich selbst. Angekettet, einsam, hungrig blieb sie allein zurück, bis schließlich der Bauer Heinz Gamper sich ihrer annahm und nach Absprache mit ihren Herren ihr jeden Tag Wasser und Futter brachte. Die einsame junge Stella war dankbar und überglücklich, wenn der Sankt Pankrazer Bauer sie aufsuchte. Er war es, den sie schon bald am meisten liebte. 

Die Ultentaler quälten ihre Hunde nicht. Ihre Hunde hatten stets eine Aufgabe und wurden wie seit Jahrhunderten mit dieser gehalten. Jedoch wurden sie respektiert, gefüttert und gehörten zu ihren Höfen. So gefiel es Bauer Gamper gar nicht, wie Stella gehalten wurde, doch er konnte ihr nicht helfen. Sie gehörte ja den Bauarbeitern. Aber er half ihr mehr, als ihm bewusst war, denn er half ihr nicht zu verhungern und zu verdursten. Einen Sommer brachte er ihr Futter und Wasser, streichelte sie, die nie gestreichelt wurde, ließ sie dann und wann von der schweren Kette und nahm sie zum Schluss des Sommers am Wochenende zu seinem Hof, wo sie mit seiner Jagdhündin Diana spielen konnte, glücklich war und aufblühte. Stella gehorchte ihm aufs Wort und liebte ihn für alles, was er für sie tat. 

Dann, am Ende des Sommers, begannen die Arbeiter ihr Lager abzubauen. Die Straße war fertig, die Kurven entschärft, Felsen abgetragen. Heinz Gamper hatte schon länger überlegt, was wohl mit Stella geschehen würde, wenn die Italiener in ihre Heimat zurück kehrten und er war zu dem Entschluss gekommen, dass ein weiterer Hund auf seinem Hof eigentlich kein schlechter Gedanke sei. Er mochte die junge Schäferhündin, die nur Freude verbreitete mehr als er sich eingestehen wollte. So machte er sich am letzten Tag auf, um die Italiener zu bitten, ihm Stella zu überlassen.

Als er das fast abgebaute Lager betrat, sah er, dass Stella sich nicht an ihrem Platz an der Kette befand. Die Kette war leer, das Ende lag verdächtig still auf der staubigen Erde. Und dann sah er sie. Sie lag leblos ausgestreckt in einer noch frischen Blutlache neben den vielen blauen Müllsäcken und dem großen Abfallcontainer. Stella war tot, eine Kugel steckte in ihrem Kopf. Nun erst acht Monate alt, hatte sie ihre Aufgabe als Wachhund für diesen Sommer abgeschlossen. Mehr war von ihr nicht erwartet worden, ein leben nach dieser Arbeit als Hüterin der Betonrohre und Wohncontainer ebenfalls nicht.

Bauer Gamper starrte betroffen auf Stella und zog seinen Hut. Seine Hände steckte er in seine blaue Bauernschürze. 

Er wollte niemand sehen oder hören. Nach einiger Zeit drehte er sich um und marschierte zu seinem Hof zurück. Das Abendessen, das seine Frau Berta ihm brachte, rührte er kaum an.

"Ja Heinz, was is'sn?", fragte sie beunruhigt.

"S' habens erschossen, das kleine Mädel", sagte er scheinbar unbeteiligt, doch er konnte seiner Frau dabei nicht in die Augen sehen. Die hätten ihn verraten.

 

Ina Erwien

  Stellas Geschichte hat sich im Sommer 1982

  im Ultental in Südtirol zugetragen.