Hundegeschichte aus Katalonien

Der Schrottplatzhund 

Ein Telefongespräch:

"Ich habe einen neuen Pflegehund", sagte Andrea am Telefon und ich horchte auf. "So ein ganz armer Kerl, und so lieb."

"Was ist es denn für einer?", fagte ich neugierig.

"Ein Jagdhund", bekannte Andrea, "wirklich einer der Ärmsten. So eine Gemeinheit. Er wurde streundend aufgegriffen, ein Bild des Jammers und er tat mir so leid. Wir haben bald herausgefunden, dass er einen Microship hatte und freuten uns. So haben wir bei der Organisation angefrufen und bekamen schon bald die Telefonnummer seines Besitzers. Und weißt du was? Dieser Mann sagte doch wirklich: Machen Sie mit ihm was Sie wollen! Töten Sie ihn oder machen Sie meinentwegen gar nichts, ich will ihn nicht mehr! Ja, und so sah er auch aus. Niemand wollte ihn und er tat mir so leid. Jetzt ist er bei mir und er ist so lieb, verschüchtert, aber er liebt meine Katzen und meine beiden Hundedamen begegnet er so lieb ... was gibt es nur für Menschen ..."

Also hatte Andrea einen neuen Pflegehund und für Ben, so hieß er, musste es das größte Glück sein. Andrea erzählte auch, dass er leider Leismanisose hätte und sein Körper von vielen Hautabschürfungen und mehr sprach. Ein ganzes Hundeleben hatte er an der Kette verbracht, als Wächter eines Schrottplatzes in der Provinz Lerida, der arme Kerl. So um die fünf Jahre musste er alt sein, als sein Besitzer beschlossen hatte, er sei unnütz und müsse weg. Vielleicht hatte ihm jemand die Symptome für Leismanisose beschrieben: offene Stellen in der Haut ... wer weiß. Vielleicht hat er ihn nicht einmal angesehen und eines Tages beschlossen, der Hund müsse nur weg. Und was ist die einfachste Lösung einen Hund der über ist zu beseitigen - nun - aussetzten.

So wurde Ben beseitigt, so wurde Ben ausgesetzt. Doch wie das Leben so spielen kann, wurde aus seinem größten Unglück sein Glück. Nun lebt er bei Andrea und im Tierparadies. Er wird behandelt und erlebt lange Spaziergänge, Liebe, gutes Futter und vieles mehr. Und zum ersten Mal hat Ben nun die wirkliche Chance auf sein Glück für immer. Wird es einen Menschen geben, der sich eines Tages in Ben verlieben wird und ihm ein Zuhause für immer geben wird, obwohl er ein ausragierter Kerl ist, obwohl er Leismaniose hat??? Nach dem Telefongespräch dachte ich nachdenklich an all die vielen Hundeschicksale und besonders an Ben.

... Machen Sie mit ihm was sie wollen - ich will ihn nicht mehr ...

 

Doch es sollten noch drei Wochen vergehen, ehe ich Ben wirklich sah und in jenem Moment bekam ich eine Gänsehaut: ICH KANNTE IHN!

 

Ben:

Als ich Andreas Wohnung betrat, sah ich ihn. Einen völlig verunsichten lieben und ach so sanften Jagdhundrüden und mir lief eine Gänsehaut über den Körper. Seine Augen sahen mich an, hatten mich schon einmal angesehen ...

"Woher ist er?", fragte ich erregt und hockte mich hin. Er kam nach längeren Zögern zu mir und dann konnte ich ihn anfassen und streicheln. Sein kurzes glattes Fell, seinen mit vernarbten Wunden bedeckten Körper ... Er roch an mir und ich streichelte ihn sanft.

"Von einem Schrottplatz aus der Provinz Lerida, mehr weiß ich ja auch nicht ..."

Und dann erinnerte ich mich, ja, es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Mein Freund war auf ein Autofenster aufmerksam geworden, was er auf einem Schrottplatz gesehen hatte, woran er jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit, vorbeifuhr. Er brauchte es, um es in seinen Lieferwagen einzubauen. Eines Samstags fuhren wir zu jenem Ort, nahe des Dörfchens Ardevol. Viele Autowracks und eine völlig verwahrloste Autowerkstatt fanden wir vor, ein Ort des Schmutz. Doch während mein Freund mit den ebenso schmutzigen und mir völlig unsympatischen Männern redete, wurde ich auf einen braungrauen Jagdhund aufmerksam, der in der prallen Sonne mit einer ein Meter langen Kette an einem Autowrack angekettet war. Aufgeregt lief er hin und her, der kurze Radius seiner möglichen Bewegung hatte einen tiefen Pfad in den Boden gedrückt. Langsam ging ich auf ihn zu. Er hatte kein Wasser und kein Futter und auch keinen Schatten, er hatte keine Decke und hatte keine Hütte, er hatte das Nichts. Er sah mich an und ich schaute ihn an. Seine weisen traurigen Augen verfolgten mich, taten mir weh. In all dem Schutz und Dreck nicht einmal Wasser ... So weh tat mir das, dass ich ihn kaum ansehen konnte. Aber diese Augen ... ein ganzes Hundeleben hier, verlassen, einsam, ohne eine Hoffnung. Er tat mir so leid.

Als wir wieder wegfuhren, sah er mir nach und ich drehte mich noch lange nach ihm um.

Als wir nach zwei Wochen wieder kamen, um das Fenster abzuholen, war zwar das Fenster da - aber der Hund nicht mehr. Auf meine Frage wo er denn sei, wurden die Schultern gezuckt. Ich bekam die Antwort. Die dreckige Töle sei eben nicht mehr da. Noch immer sichtbar war der ausgetretene Radius im Dreck, das einzige Zeichen eines Hundes, der hier sein Leben verbracht hatte.

 

Und nun streichelte ich ihn, ihn. Seine Augen hatten ihn verraten. Mir lief eine Gänsehaut über den Körper, noch eine. Die wirren des Schicksals hatten ihn zu Andrea gebracht, jetzt und hier.

"Ach Ben!", sagte ich und erzählte Andrea, was mir soeben bewusst geworden ist. Die durch seine Pfoten ausgetretene Stelle kam mir in den Sinn und ich sah in seine schönen Augen.

Das Leben kann viele Wirrungen bereithalten, hat sie für Ben bereitgehalten.

Ich wünsche dir alles Gute, du lieber Junge, und ich wünsche dir das Glück und eine Zuhause für immer!

 

Ina Erwien

 

Cardona, 2004 für Ben, der nun bei Andrea auf sein Glück wartet

Und schauen Sie doch einmal auf der Homepage des Tierheims Òdena nach. Hier warten Ben und seine Freunde auf ihr Glück ...

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