Leben, Liebe, Leiden

In der Nähe von Cardona gibt es einen Bauernhof, über dessen Tür die Zahl 1888 prangt. Ein alter Hof, zuvor schon einmal abgebrannt, mit einer zahlreichen traditionsgebundenen Familie. Die Tradition schrieb auch vor, dass Hunde nicht ins Haus gehören. Im alten gewölbeähnlichen steinerden Eingang konnten sie sich, so sie einmal nicht an der Kette lagen, gegen die unbarmherzige Sommerhitze kühlen und in den eisigen klirrenden Wintern aufwärmen, die Steinstufen die zu den Wohnräumen führten, durften sie nicht betreten.

Die Katzen wohl! Diese lümmelten sich auf den Stühlen und auf dem Teppich vor dem offenen Kamin, unter der Marienstatur und unter der riesigen Pendeluhr, die immet so beruhigend tickte.

Dann kam Perla - und alles wurde anders.

 

Die zahlreichen Kinder waren sogut wie aus dem Haus, als die Bäuerin eines Tages fand, ihre Tage seinen unausgefüllt. Die drei Katzen auf den Stühlen störten sie plötzlich und die drei Hofhunde waren groß, schmutzig und alt, eben immer da. In einer ruhigen Abendstunde äußerte sie deshalb laut den Wunsch, eine kleine niedliche Haushündin zu besitzen. In so unsicheren Tagen, und jetzt war ja auch die Straße nach Adevol führte asphaltiert, konnte sich so manches Pack einfinden. Ein Hund im Haus sei doch eine zusätzliche Sicherung. 

Das sahen dann auch ihr Mann und ihr ältester Sohn ein und schon am nächsten Tag trug der Ehemann sowie auch sein Sohn unabhängig voneinander "die" kleine niedliche Wachhündin ins Haus. Also gab es auf einen Schlag zwei niedliche Wachhunde: Perla und Daphnie.

Perla hatte Glück, Daphnie hatte leider kein Glück. Beide so um die zwei Monate jung, begannen ihr neues Leben als Hauswachund sehr unterschiedlich. Perla war kleiner und niedlicher als Daphnie, zumindestens in den Augen der Hausherrin. Perla durfte von da an aufs Sofa, Daphnie nicht. Perla mochte keine Katzen, Daphnie wohl. Von heute auf morgen wurden die alteingesessenen Katzen, die die Welt nicht mehr verstanden, aus dem Haus in den Hof verbannt. Perla störten sie ja einfach. 

Perla war sich sofort bewusst, dass sie die Nummer eins war. Machte Daphnie etwas, was Perla nicht passte, knurrte sie schon ab dem dritten Monat ihres jungen Daseins. Daphnie schnellte dann in ihre ausgelegte Apfelkiste und wartete ab, Perla sprang auf den Schoss der Hausherrin, die dann ausgelassen lachte.

"Eigentlich stört Daphnie ja nur", sagte sie in solchen Momenten und knuddelte Perla. Daphnie wurde nie geknuddelt. Sie war schlank und hochbeinig, hatte längliches rauhes Fell, Perla dagegen war winzig klein, hatte kurzes beiges Fell, kurze niedliche Beine und eine Stummelrute.

"Ach wie süß sie ist", seuselte die Hausherrin, wenn sich Perla auf ihr rekelte. Daphnie sah dem aus ihrer Apfelkiste zu, sie war niemals süß. Die Katzen auch nicht mehr. Einst waren sie es gewesen, in den Augen der Hausherrin.

Gris, der zärtliche graue Hauskater, war dementsprechend eifersüchtig auf Perla. Er bekam einen derben Tritt in den Hintern, als er eines Tages Perla fauchend anfuhr, während sie sein Fressen für sich beanspruchte, untem im Hof. Von diesem Tage an war alles sehr einfach. Nun war Perla die uneingeschränkte Herrin des Hauses.

Die schwarze Kettenhündin mit den braunen Punkten über den Augen bekam ebenfalls einen Tritt in den Hintern, als sie Perla eines Tages anflaumte. Von diesem Tage an war Perla auch die Herrin des Breton Spaniel und des alten, räudigen, einäugigen Rüden, der Negr hieß. Vor Jahren hatte ein Jäger Negr eine Ladung Schrot ins Gesicht genallt. Seit diesem Tage war er halbblind und entstellt. Eine Woche hatte er um sein Leben gekämpft und diesen Kampf schließlich gewonnen. Im Alter von vierzehn Jahren hatte er leider Räude bekommen. Nun war er fast kahl und blutig gekratzt - einen Tierarzt hatte er nie gesehen.

"Das sich Perla nur nicht ansteckt", sagte die Hausherrin besorgt und ihr Mann nickte. Ja, der alte Negr war ein Schandpfleck auf seinem Hof. Unansehlich, blutig, hässlich, sein totes Auge blutunterlaufen und trübe. Eines Montags zückte der Bauer so sein Gewehr, rief den alten Hund, der brav folgte zu sich, und schmiss seinen Leichnahm später auf den Misthaufen. Der Schandpfleck war beseitigt.

Perla dufte weiterhin alles, Daphnie durfte nichts. Zu allem Unglück war sie auch noch weiter gewachsen und so wurde Daphnie ebenfalls in den Hof verdammt. Die alte Blechtonne von Negr war ja jetzt frei geworden. Daphnie nun größer als angenommen und so - das fand die Hausherrin - viel zu groß um die gute Stube zu betreten. Die war absofort nur noch für Perla bestimmt. 

 Nach einigen Tritten und harter Schelte rollte sich Daphnie resigniert in Negrs alter Tonne zusammen - ohne Apfelkiste. Sie lebte nun nass und schmutzig neben dem Breton und der alten Hündin, die bei jeder Hitze trächtig wurde und sobald sie ihre Jungen geboren hatte, diese erschlagen und auf den Misthaufen geworfen wurden.

Auch Daphnie wurde trächtig, während Perla wohlbehütet, unruhig zwar, ihre erste Hitze mit Zärtlichkeiten der Bäurin auf dem Sofa widerfand. 

"Jetzt bist du eine Frau!", sagte diese, zu Daphnie sagte niemand mehr etwas.

Wenn die Schwiegertochter, die in einer Gaststätte arbeitete, am Nachmittag den Abfallsack derselben, bestehend aus Knochen, Würsten und Hühnchenfleischresten auf den Hof brachte, durfte Perla ihren Kopf hineinstecken und fressen soviel sie wollte. Die anderen hungrigen Tiere mussten zusehen. So klein sie war, und auch so kugelrund mittlerweile, schnappte sie doch nach Gris, dem Kater, und allem, was sie vom Sack abhalten wollte. So auch nach den Händen ihrer Herren. Den Unterschied zwischen ihnen und den anderen Tiere hatte sie nie kennengelernt. Sie war die Herrin über alles, so glaubte sie und wurde darin ja auch stets bestätigt. Um sich an der "tapferen" Perla zu erfreuen, nahm manchmal ein Hofbewohner Perla beim Fressen im Futtersack hoch, besser er versuchte es, denn Perla schnappte nach allem und jedem, wenn ihr etwas nicht passte. Die Herrin lachte ausgelassen darüber und der Gebissene versuchte ebenfalls durch ein überbrückendes Lachen seine Empörung und auch dann und wann seinen Schmerz zu vertuschen. Perla war halt zu niedlich.

Einige Monate ging das so gut, eben bis zu dem Tag, als die Bäuerin einen duftenden Schweinebraten fallen ließ, Perla sofort zur Stelle war und das große Fleischstück für sich beantspruchte. Für sie war das zweifellos klar, denn alles war ja schließlich immer ihr's gewesen.  Diesmal sah die Hausherrin das aber entschieden anders und als sie sich beugte um den Braten der begeisterten Perla zu entreißen, fuhr diese der Frau schnappend und knurrend ins Gesicht. Sie erwischte deren Nase und biss sie zur Strafe blutig. Eine schlechte Entscheidung!

Vor Schreck, aufkommender Panik, denn Perla wollte so garnicht mehr loslassen, und Schmerz, schrie und weinte die Hausherrin und hielt sich das blutige Gesicht. So fanden sie Tochter und Mann, der sofort erkannte, was geschehen war. Er eilte herbei, ergriff die kleine äußerst empörte Hündin und regelte die Geschichte auf seine altvertraute Weise.

 

"Hunde gehören nicht ins Haus", sagte die Hausherrin später, als ihre Bissverletzung langsam abheilte und dachte wehmütig an die süße Perla zurück, die sich nur wenig später, wie einst Negr, auf dem Misthaufen wiedergefunden hatte. An Daphnies Schicksal änderte das alles wenig, die Katzen dagegen durften sich wieder auf den Stühlen rekeln und sich auf dem bequemen Teppich zur Ruhe begeben.  

 

Ina Erwien, 2003