Der Kampfpedro

Pedro lief aufmerksam vor uns her. Herro schnupperte interessiert an allerlei Straßenecken, Pedro hielt uns wie immer, das ist seine selbstgesetzte Aufgabe, den Weg frei, weiß er doch sehr gut, dass Herros Gehör und auch seine Sehkraft nachgelassen hat.

Herro verlässt sich auf Pedro und wenn wir in einen neuen Weg einbiegen, wirft Herro stets einen Blick auf Pedro.

Signalisiert Pedro durch seine Körperhaltung, das nichts Besonderes anliegt, trabt Herro unbezwungen in den Weg ein, deutet Pedro aber an, dass da etwas Bedeutsames entgegenkommt, wird Herro unweigerlich wachsam und sein Fell sträubt sich.

 

Pedro, so gut an die 30 Meter vor uns, signalisierte an diesem Tag keine Besonderheiten und so schnupperte Herro ausgelassen. Auch ich war in mir selbst vertieft und so kam es, dass wir etwas unvorsichtig an jenem Grundstück vorbei gingen, hinter dem ein armer großer Schäferhund sein trostloses Leben als Kettenhund fristet. Wer will es ihm verübeln, dass er im Laufe seiner einsamen traurigen Jahre angriffslustig und aggressiv geworden war? Wie immer begann er wie wild die Zähne zu fletschen und an seiner kurzen Eisenkette zu ziehen und zu springen. Diesmal war es jedoch anders. Der Kettenhund warf sich mit voller Kraft in seine Kette und diese zersprang. Mit wild gefletschten Zähnen sprang er auf meinen völlig überforderten Herro zu. Mir blieb das Herz stehen, alles ging so schnell.

Schon setzte der Angreifer zum Sprung an und hatte Herro erreicht, als ich meinen Augen kaum trauen konnte.

 

Pedro hatte sich herumgeworfen und war auf Herro zugelaufen. Herro, sein ein und alles, musste verteidigt werden und Pedro, bisher immer freundlich zu Hund und Mensch, tat etwas Unglaubliches. Er sprang dem fremden Rüden auf den Rücken und verbiss sich in seinen Nacken. Auch dies dauerte nur kurz, denn nun war Herro an der Reihe. Noch ehe der Angreifer Pedro abschütteln und angreifen konnte, verteidigte Herro seinen Pedro. Der Angreifer, viel größer als meine beiden, wusste nicht wen er sich packen sollte oder auch nur konnte. Er kam nicht dazu. Meine beiden Rüden verteidigten jeweils den anderen Freund wie ich es niemals zuvor gesehen habe. Da ergriff der Schäferhund die Flucht. Mit eingekniffenem Schwanz rannte er in seinen Hof zurück und Pedro befreite verächtlich sein Maul von dem Büschel Haar, was er darin hielt. Herro nieste verächtlich.

Stolz und sehr zufrieden kamen beiden "Jungs" zu mir und ich streichelte sie aufgewühlt. Pedro war dem Schäferhund doch wirklich auf den Rücken gesprungen ...

 

Mein Kampfpedro hat meinen alten Herro verteidigt und mein Herro den Pedro. Es war kein Blut geflossen und sehr mit sich zufrieden begann Pedro schon bald wieder vor uns herzutraben, nur diesmal tänzelte er selbstbewusst.

 

 

Ina Erwien, 2003

Das ist er übrigens, der Agressor. Will man es ihm eigentlich verübeln, wenn er bei diesem Leben, Tag für Tag, Jahr um Jahr, agressiv wird? Immer an dieser Kette?

Keine Liebe, keine Spaziergänge, das Nichts?

Und wenn dann seine Kette reißt und zudem dieses Tor geöffnet war ...