Hundegeschichten aus Katalonien

Ninu, der kleine Streuner

Es war dunkel und kalt, als der kleine braune Hund einen viel zu weiten Bogen auf die Straße lief, wo gerade ein Auto ankam. Ich hielt den Atem an, das Auto bremste zum Glück, was nicht jeder Fahrer für einen so kleinen Hund getan hätte. Die zwei alten Damen zu denen der kleine Hund zu gehören schien, interessierte das wenig. Zweifel kamen in mir auf. Gehörte er wirklich zu ihnen?

 

Es war ein ausgesprochen netter kleiner Hund mit intelligenten braunen Augen und ich hatte ihn noch nie gesehen, obwohl ich so gut wie alle Hunde von Cardona kannte. Schnell trat er aber wieder in Vergessenheit, bis ich am nächsten Morgen meinen zur Routine gewordenen Besuch in Cardona unternahm, begleitet von meinen beiden Hunden. Als ich mit ihnen über den Firaplatz schlenderte, sprang auch schon Pedro auf eben jenen kleinen Hund zu, der gestern vor meinen Augen fast überfahren worden war.

Er war winzig, hatte strohiges Fell und panische Augen, denn mein Pedro war riesig für ihn. Er klemmte den Schwanz ein und rannte davon. Plötzlich wurde mir bewusst, dass er nun wohl wirklich nicht zu den alten Damen gehört hatte und ein böses Wissen kam in mir hoch: ausgesetzt.

 

Nachdem ich meine Besorgungen erledigt hatte, passierte ich wieder den Firaplatz. Vor der Firabar kam ein alter Mann sehr höflich auf mich zu und zeigte auf den selben kleinen Hund. Ich sei doch so gut zu meinen Hunden und alle Menschen aus Cardona würden wissen, das ich Hunde lieben würde ... Und ob ich denn nicht etwas für diesen dort, er zeigte auf den kleinen Braunen, etwas tun könne, gerade hätte ihn fast ein LKW überrollt.

Eine Frau rief aufgebracht: "Ich habe heute Morgen gesehen, wie zwei Jungen ihn getreten haben. Seit drei Tagen hetzt er herrenlos durch Cardona."

"Er ist ausgesetzt!", rief ein anderer alter Mann und schon war ich umgeben von etlichen Menschen. Herro witterte neugierig an einer duftenden Einkaufstasche, der kleine Hund hatte längst die Flucht ergriffen.

Eine andere Frau, sie führte mit ihrem Mann eine Konditorei sagte: "Ich habe ihn mir Kochschinken gefüttert! Er hat großen Hunger und ist so dünn."

Schon bald stellte sich heraus, das mindestens zwanzig Personen sich um den kleinen Hund sorgten und dass sie sogar schon im Ajuntamiento, dem Rathaus von Cardona waren. Dort konnte man nicht helfen, ein herrenloser Hund ging die Stadtverwaltung nichts an. Das einzige was man tun könne wäre die Hundefänger zu rufen, den den Kleinen dann in eine Perrera nach Barcelona bringen würden. Dort würde er höchstwahrscheinlich getötet. Da man das nun auch nicht wollte, unternahm man lieber gar nichts.

 

Ich starrte nachdenklich auf den kleinen dürren Kerl, der aus sicher Entfernung auf die vielen Menschen starrte, die wiederum ihn anstarrten. Da traf ich meine Entscheidung.

"Also gut!", sagte ich entschlossen. "Ich gehe nun ins Ajuntamiento und dann nehme ich ihn mit. Hier herrenlos herum stromern, dass geht ja nun wirklich nicht ...."

 

Gesagt, getan. Mit meinen beiden Hunden im Schlepptau ging es nun, von mindestens 40 Augen beobachtet auf die andere Seite des Platzes, wo das Rathaus lag. "Mira, la Alemana!", hieß es wohlwollend. Im Ajuntamiento sagte ich bestimmt: Also wenn ich ihn jetzt mitnehme, dann ist er meiner. Soll ich ihn also mitnehmen? Ja, sollte ich. Alles freute sich sehr.

 

Als ich wieder draußen war, stand schon der hilfsbereite Konditor neben mir und rief. "Dort ist er!" Und ich ging bestimmt auf den kleinen Hund zu, hockte mich hin, klopfte auf dem Boden und er kam, trotz meiner riesigen Rüden und seiner Angst. Ich nahm ihn auf den Arm und fühlte, dass er so gar nichts wog - und, da war noch etwas an seiner Seite. Er zitterte, als hätte seine letzte Stunde geschlagen, doch ich tastete und glaubte dann meinen Augen nicht. An seiner Seite steckte ein Geschoss, eingewachsen, verkapselt. Auf den kleinen Kerl war geschossen worden! Das gab es doch nicht, wer konnte auf so einen kleinen süßen Hund schießen?

Alle Menschen kamen an und redeten durcheinander, während ich Kurs auf mein Auto nahm. Voller Freude über meine Entscheidung bekam ich sogar ein Baguette, was ich kaufen wollte, geschenkt. Alles sah mir zu, wie ich meine Hunde in mein Auto ließ und den Kleinen auf den Fahrersitz setzte. Wäre er eine Dogge gewesen, hätte sicherlich mein ganzes Auto vibriert. Da er aber genau 26 cm groß war, starrte mich nur mit aufgerissenen Augen an. Ebenso als er die Wohnung betrat, zitterte er und fressen wollte er auch nicht, er hatte pure Angst.

Das Schönste war für ihn was dann passierte: schlafen. Neben meinem Hunden, mir und meinen Computern schlief er den Schlaf des Gerechten, was ihm unglaublich vorkommen musste. Schlafen auf weichen Kissen, schlafen entspannt und voller Ruhe, einfach sich gehen lassen und noch einmal nur schlafen. Danach war die Angst weg, sowohl vor meinen Hunden als auch vor mir. Mir wurde nun gefolgt, jeder Bewegung unter Kontrolle gehalten. In der Zeit geschah es auch, dass ich seinen Namen wusste. Von da an hieß er Ninu.

Bis, nun bis unser Tierarzt kam und ihn mit in seine Tierklinik nahm, wurde nichts anderes getan. Vorher hatte er Ninu noch das Geschoss entfernt, was er so tapfer an mich gedrückt ertragen hat. Ich war sein leuchtender Stern, nun war er sich ganz sicher. Dann wurde er mir entrückt, denn den Nachmittag musste er in der Tierarztpraxis meines hilfsbereiten Tierarztes verbringen, wurde entfloht und untersucht. Keine Leismaniose, was für eine Freude, ich war dankbar.

 

Abends wurde entspannt die Teppichrunde begonnen. Eingebettet in meine großen Rüden lag der Kleine wie ein schlafender Prinz da. Als er wieder zurück gebracht worden war, hatte er sich so gefreut, als würde mich sein ganzes Leben lang kennen, und die Wohnung und meine Hunde auch. Nun wurde auch gefressen, Ninu war daheim!

In der Nacht schlief er brav und ruhig neben meinem Bett. Ab und zu tauschte er mit meinem Hund Pedro die Position. Er machte nicht in die Wohnung, verhielt sich so vorbildlich, wie es besser gar nicht sein könnte. Ich ließ Ninu auch schon am nächsten Tag ohne Leine laufen und auch im Feld wich er mir keinen Millimeter von der Seite - und wenn doch, kam er auf Zuruf sofort.

 

Nun liegt er wieder bei meinen Hunden unter dem Arbeitstisch und sieht aus seinen großen Augen fragend auf, dieser kleine braune Hund. Soviel Dankbarkeit ist darin zu lesen und Liebe. Mir wird warm und auch schwer ums Herz. Erst etwas mehr als ein Jahr ist er alt und sein Leben war schon so schwer. Seine Augen erzählen davon, sie sprechen eine weise Sprache. 

Wird er seinen Menschen bekommen, seinen Menschen, den für immer? Seinen Menschen, dem er seine ganze Liebe schenken kann? So klein wie dieser süße Hund ist, so groß ist doch sein Herz.

Ich wünsche es ihm so. In der Zwischenzeit passe ich gut auf ihn auf!

 

Ina Erwien, Cardona, 05.03.04

PS: Ninu kam am 4. März 2004 zu mir. Am 21. März fand er sein Zuhause für immer in Cardona - und das im selben Haus ...

 ... und weitere Fotos von Ninu ... 

Jetzt ist erst einmal Erholung angesagt, Ninu hat sie bitter nötig!