Erfahrungsberichte von Hundefreunden

Moses - oder vom Meerschweinchen zum erwachsenen Hund

Was wir von Welpen halten? Süß sind sie - und nervig - und unerzogen. 
Sie machen ungeniert in die Wohnung, zerkleinern beim Zahnwechsel das Lieblingsbuch und das Tischbein, finden es witzig Tapete abzureißen und verpassen einem beim spielen ungebremste Nasenstüber mitten ins Gesicht. Eigentlich lieben wir alte Tiere. Tiere - welche bereits Lebenserfahrung vorzuweisen haben. Sanfte Opas und Omas, die ein warmes Plätzchen an der Heizung zu schätzen wissen - Hunde mit dem unverwechselbaren Charme, welchen sie erst ab einem gewissen Alter ihr Eigen nennen können. Wie unseren Sultan zum Beispiel ...


Was uns dazu bewegt hat trotzdem einen Welpen in die "Familie" aufzunehmen?

Es begann an einem warmen Sommerabend im Tierheim Manresa. Wir tranken Wein, aßen zu Abend. Sultan lag - mit sich und der Welt zufrieden - zu unseren Füßen und beschwor unser Abendessen, doch zu ihm hinunter zu kommen (was es natürlich nicht tat). Das kleine - etwa eine Woche alte Welpenmädchen Hera, welches Ole am Nachmittag gefunden hatte - lag auf Oles Schoß und schlief. Unsere Ruhe wurde plötzlich durch einen Wagen gestört, der holpernd die Einfahrt hinunter Richtung Tierheimtor fuhr und kurz hielt, um dann schnell wieder davon zu fahren. Zusammen mit Sultan - der seinen Job als Inspektor sehr ernst nimmt - gingen wir um zu erkunden, was der Wagen wohl abgeladen hatte. 

Vor dem Tierheimtor entdeckten wir einen Karton, in dem sieben kleine Welpen lagen. Die Geschwister dürften in etwa genau so alt wie die kleine Hera gewesen sein. Flaschenbabys! Was also tun? Mit der nächtlichen Ruhe war es so wie so vorbei: "Lass uns mehr Milch machen!" - was will man sonst zu so einem Fund sagen?

Unser Urlaub im Tierheim verlief seit diesem Abend sehr schlafbefreit. Alle vier Stunden mussten die nunmehr acht Babys mit der Flasche gefüttert und sauber gemacht werden. An den Geruch von Sch... gewöhnt man sich übrigens nie.

Drei der Babys - unter ihnen der größte und dunkelste Rüde der wie ein dickes Meerschweinchen aussah - zogen mit uns nach Deutschland. Der Rest wurde von einer spanischen Ziehmama gefüttert bis - endlich endlich - die ersten Zähnchen wuchsen und die Kleinen auf Brei umsteigen konnten. So richtig Lust hatte keiner von uns sich alle vier Stunden um die prallbäuchige Welpenschar zu kümmern - zumal uns das Arbeitsleben wieder hatte. Klar waren die Babys süß - was sie aber nicht davon abhielt unsere Teppiche mit kleinen Bächen und übelriechenden "Überraschungen" zu verzieren. Kaum hatte man hinter dem einen hergewischt, schiss ein anderer ein paar Meter weiter auf die frische Wäsche oder auf dem Boden liegengebliebene Bücher. Mich wundert bis heute, das wir keine akute Allergie gegen Sagrotan und Co. entwickelt haben, welches gleich Literweise zum Einsatz kam. Um wenigstens tagsüber auf Exkremente in der Wohnung verzichten zu können, wurden unsere Babys illegalerweise mit ins Büro geschmuggelt. Unter dem Schreibtisch eines netten - und vor allem dem Chef gegenüber verschwiegenen - Arbeitskollegen, schliefen sie sich in aller Ruhe groß und hinterließen ihre netten Geruchsgeschenke der Putzfrau.

 

Moses mit 10 Tagen


Nach erfolgreicher Umstellung auf breiige Nahrung kamen noch zwei der Welpen nach Deutschland und gesellten sich zu unserem kleinen Rudel. Sultan hatte mittlerweile die Faxen und das herumtoben in seinen heiligen Hallen ziemlich dicke und strafte uns mit Missachtung und schlechter Laune. Einzig unser Kater Wutz schien seine helle Freude an dem Gewusel zu haben. Er tobte eifrig mit und stellte großzügig seine Spielmäuse zur Verfügung. Die meisten Pflanzen haben diese Zeit nicht überlebt ...

Bei unseren Freunden waren wir mit den - ach so süßen - Welpen nur so lange beliebt, bis wir anfingen, ständig mit dem ganzen Rudel bei ihnen aufzulaufen. Da wir selten einen Dogsitter zum Pampers wechseln finden konnten, musste die Horde eben überall mit hin. Die Inneneinrichtungen unserer Freunde wurde - ebenso wie unsere - arg in Mitleidenschaft gezogen was ich sehr amüsant fand, denn: Wer "ach wie süß" sagt, der muss auch Pipi wischen! Einige Menschen wurden davon überzeugt, das nicht nur Welpen in Frage kommen können wenn man ernsthaft mit dem Gedanken spielt, sich einen Hund anzuschaffen. Sultan genoss den ihm zuteil kommenden Respekt - war er doch der einzige anwesende Hund, der sein Geschäft bis zum Spaziergang bei sich behalten konnte.

 

Moses mit 9 Wochen

Das dicke Meerschweinchen entwickelte sich - wie alle anderen auch - prächtig und nahm immer mehr die Form eines Hundewelpen an. Nach wie vor war der kleine Moses unser Favorit - einen Liebling hat man schließlich immer. Wir waren uns einig keinen der Welpen zu behalten. Ole schien nicht richtig zugehört zu haben denn mit der Zeit stellte sich heraus, das er nicht aufgepasst und sein Herz an den kleinen Dreckmacher verloren hatte. Wir diskutierten hin und her und was soll ich sagen: Ich habe diese Diskussion haushoch verloren! Alle Welpen zogen aus - Moses blieb und schiss sich weiter fröhlich durch unser Leben.

Wenn einen ein kleines Welpenkind anschaut, hat man keine Chance mehr.
Sultan wehrte sich heftig gegen Moses Schmeicheleien - mit dem Ergebnis, das beide einträchtig nebeneinander liegend im Körbchen schliefen. Irgendwann schien er es einfach leid zu sein jedes Mal aufzustehen und einen gemütlichen Schlafplatz zu verlassen, nur weil sich der kleine Quälgeist dazu gesellte. Er ließ es einfach geschehen und heute sind die beiden dicke Freunde. Wenn Sultan auf einem Spaziergang aufgrund seiner mangelnden Kenntnisse in der Hundesprache Schwierigkeiten bekommt, eilt Moses ihm zu Hilfe und stellt sich schützend vor seinen alten Freund (so scheint es zumindest). 

Moses ist mittlerweile der Boss in unserem Hunderudel - trotz allem lässt er dem alten Brummbär seine Verschrobenheiten und seine teilweise recht "unhündischen" Eigenarten durchgehen - gerade so, als würde man die ein oder andere Beklopptheit seiner Oma ignorieren. Als Sultan krank war und operiert werden musste, ist Moses nicht von seiner Seite gewichen und hat ihm immer wieder - wie zur Beruhigung - über den Kopf geleckt.
Heute ist Moses neun Monate alt. Jung und dynamisch fegt er durch unser Leben und bereichert es in hohem Maße. Niemals wieder würde ich seine Zärtlichkeiten und seine Lebensfreude missen möchten. Unsere Teppiche und Bücher lässt er in Ruhe und - was soll ich sagen? Ein dickes Meerschweinchen ist erwachsen geworden und hat sich - klammheimlich - in unsere Herzen geschlichen.

Wenn mich heute jemand fragt was ich von Welpen halte sage ich: Süß sind sie - und nervig - und unerzogen. Was sich geändert hat? Unsere "Familie" hat sich um eine Seele erweitert und auch wenn Moses nicht die Weisheit des Alters und den lebenserfahrenen Ausdruck in seinen Augen trägt: Eine echte Hundepersönlichkeit ist er dennoch und es bereitet mir wahre Freude, ihn auf seinem - hoffentlich - langen Lebensweg zu begleiten.

von Luzia Albrecht (27.02.2003)

 

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