Hundeschicksale und Hundegeschichten

Alouis und seine Nelly

Der alte Mann  lebte in einer kleinen rußigen Stube, die er in den langen eisigen Wintern mit einem Kachelofen aufwärmte. Das ganze Jahr über sammelte er deshalb Brennholz, denn mit seinem 83 Jahren fiel ihm diese Arbeit mittlerweile sehr schwer. Er lebte allein, weitab von den nächsten Höfen und auch weitab von dem kleinen Ort im Ultental, der St. Pankraz hieß. Der verwunschene Ort an dem der alte Mann lebte hieß Mitterbad und war einst ein wohlbekannter Kurort gewesen, an denen die Reichen und Berühmten Europas zu kuren pflegten. Selbst Reichskanzler Bismark hatte hier gekurt, der alte Mann konnte sich nur allzu gut an die herrlichen Tage von früher erinnern, an denen es hier lustig zugegangen war. Nun war alles seit Jahrzehnten still und leer, das riesige Haus im Wald verfallen und verschlossen, die Heilquelle verwuchert und unzugänglich. 

Es gab kein Telefon und kein elektrisches Licht. Kerzen und Wein kaufte er sich von dem Geld, dass ihm dann und wann vorbeikommende Wanderer zusteckten, denn der alte freundliche Mann hielt für jeden stets ein Gläschen Wein bereit.

Auch die weit entfernten Höfe gaben ihm dann und wann ein Stück Südtiroler Schinkenspeck, eine gute liebe Frau aus dem Dorf St. Pankraz kam dann und wann vorbei und brachte ihm Brot und reinigte seine kleine Stube. Doch Alouis wie er wirklich hieß, war nicht allein. Er hatte seine Nelly. 

Nelly war eine fünfzehn Jahre alte, weiß-braun-schwarz gefleckte, kugelrunde Mischlingshündin mit riesigen Ohren und Ringelschwanz. Für sich erbat Alouis nichts, kamen aber Leute aus dem Dorf vorbei, bat er um Brot und Futter für Nelly. So ausgemergelt und dünn Alouis  war, so dick war seine Gefährtin, ja zweifellos war es unmöglich einen weiteren so dicken Hund im Ultental anzutreffen. Oftmals hungerte der alte Mann, Nelly aber bekam immer irgendetwas zu essen. Viele St. Pankrazer, einschließlich der Bürgermeister hatten sich schon darum bemüht, Alouis in das hiesige Altenheim in St. Pankraz einzuquartieren. Dies war jedoch unmöglich, denn dort durfte Nelly nicht sein. Und Alouis hatte seit seiner Jugend in Mitterbad gelebt, hatten den schönen, gepflegten reichen Damen das Wasser eingelassen, an einem anderen Ort mochte er auch gar nicht sein, schon gar nicht ohne Nelly. Das war ganz ausgeschlossen! Seit Jahren hielt man ihm so schon ein Zimmer in der Altenresidenz bereit, doch Nelly erfreute sich bester Gesundheit und so musste die Umsiedelung von Alouis noch warten.

In den eisigen Wintern war er oft wochenlang durch hüfttiefen Schnee von allem abgeschnitten. Zusammen kaute er dann lange mit Nelly am Speck, trank seinen Wein - den er ja wohlwissend schon im Herbst in Mengen eingekauft hatte. Sie teilten sich das eine Bett und wärmten sich gegenseitig unter den alten zerschlissenen Decken.

Kamen Wanderer vorbei, erzählte er mit glänzenden Augen von früher und vergaß dabei jedoch nicht, Nelly immer wieder zu streicheln. Herr und Hündin himmelten sich voller Liebe an, dass es einem ganz warm ums Herz wurde. 

Wie der alte Mann so viele Jahre alleine leben konnte? Nun, er war glücklich. Er hatte alles - aber besaß nichts, nur seine Erinnerungen - und natürlich seine Nelly. Er strahlte tiefes sorgenfreies Glück aus und man musste ihn einfach sofort ins Herz schließen. Für viele Menschen sollte Alouis unvergesslich bleiben.

Eines Tages kam die Frau aus dem Dorf vorbei und fand Alouis  nicht in seiner Stube vor. Auch saß er weder mit Nelly auf dem Holzstoß in der Sonne noch stapelte er Brennholz. Beunruhigt rief die Frau nach ihm, stellte den gefüllten Lebensmittelkorb ab und begann den alten Mann zu suchen. Hinter dem Haus am Waldrand fand sie ihn. Er hockte über einem frischen Haufen Erde und weinte, er der niemals geweint hatte.

"Meine Nelly, meine Nelly!", schluchzte er immer wieder auf und die Frau stand wie betreten da. Dann redet Alouis nicht mehr. 

Die Frau versuchte ihn zu trösten. "Sie war doch schon sehr alt", sagte sie, doch er hörte ihr gar nicht zu. Schweren Herzens ließ sie ihn später allein um am nächsten Morgen in Begleitung  des Bürgermeister wiederzukommen, um Alouis nun endlich in das Altenheim ins Dorf zu holen. Zurechtgelegt waren die Worte: nun, bald kommt ein neuer Winter und das ist hier doch kein Leben für dich, Alouis ... Doch sie sollten nie ausgesprochen werden.

Der Bürgermeister und die Frau fanden Alouis in seinem Bett liegend. Sein freundliches hageres Gesicht wirkte entspannt und sah zufrieden aus. Sein Blick war zu Decke gerichtet, mit Tränen in den Augen verschloss sie ihm die seinen. Alouis und Nelly sollten niemals getrennt werden. 

 

Ina Erwien, im Jahre 2003

 Alouis und Nelly verstarben 1983

  im Ultental in Südtirol.