Hundegeschichten aus Katalonien

 

 

 

 

 

 

Das Land der toten Hunde

Katalonien ist ein wunderschönes Land, wild, ursprünglich, bedeckt von weiten Wäldern, Felsen, die Nähe zwischen Meer und Pyrenäen lädt zum Wohlfühlen ein. Immer wieder trifft man auf mittelalterliche Dörfer und Städte - und auf tote Hunde, der andere Aspekt von "Catalunya".

Das vor jedem Bauernhaus ein oder mehrere Hunde an der Kette hängen, lebenslänglich ihrem Schicksal ausgeliefert, nun, das findet man auch noch in ländlichen Gegenden Deutschlands. Nicht so heftig, nicht so krass, aber dann und wann findet man ihn auch noch, den guten alten Kettenhund. Hier aber ist er allgegenwärtig, es ist einfach normal so, nicht einmal einen Gedanken wert. Eine alte Tonne, ein gemauerter Unterschlupf, eine kurze oder lange Kette mit Schatten - oder auch nicht ... mehr nicht. Ist der Hund alt, krank oder stirbt er gar, wird er ersetzt

Den auf immer gequälten Jagdhund, findet man ebenso häufig. Da leben und sterben sie im Sinne der Jagd, denn sonst haben sie kleinen. Die Jagdsaison beginnt Mitte November zu San Pilar und endet im März. In dieser Zeit werden mehr Jagdhunde von Wildscheinen zerrissen, als man sich vorstellen kann. Eigentlich gibt es hier nur Wildscheine, Kaninchen und Wachteln als Jagdobjekt. 

Zu den "heiligen" Tagen Donnerstag, Samstag und Sonntag werden die Jagdhunde in die Wälder gehetzt und der Waidmann versucht dann das wenige Wild, was so noch verblieben ist, machohaft zu erlegen. An diesen Tagen sieht man immer wieder Autos, die auf ihrem Kühlergrill ein erlegtes halbwüchsiges Wildschein mit sich führen. Geht man an Jägerhäusern vorbei, sieht am einen blutigen abgeschnittenen Wildscheinkopf vor der Tür prangen - kein Scherz, leider bittere Wahrheit. Das Jägerauto schmückt eine abgeschnittene Wildscheinpfote, das Jägerhaus ziert eben ein Wildscheinkopf - und wenn es nur der Balkon ist.

Viele Bauern sind mittlerweile dazu übergegangen, Kaninchen in Massenställen zu züchten, eine lukrative Möglichkeit sich das Leben zu verdienen, denn wildlebende Kaninchen gibt es eigentlich kaum noch - sie sind mit der Zeit alle abgeschossen worden. Da der Waidmann in Katalonien aber sein Jagdobjekt braucht, kauft er pfiffig wie er ist, gezüchtete Kaninchen zum Abschuss bereit (zudem die armen Tiere ja keine Ahnung haben, was es heißt, frei zu leben und dementsprechend eine leichte Beute sind). 

Das Leben der Jagdhunde ist grausam. Meist sind sie kurzhaarig, mittelgroß, haben Pointer - oder Galgo - oder Podencoeinschlag, sind aber durchweg Mischlinge. Sie werden in den Jagdmonaten genutzt und in den restlichen fristen sie ein trostloses Dasein in stinkenden dunklen Ställen, ohne Ansprache, ohne medizinische Versorgung, ohne Liebe, ohne das Nichts. Viele Tiere bekommen nicht einmal täglich etwas zu fressen. Sie sind eine Last und nichts wert - und dementsprechend werden sie auch in jener Zeit wenig beachtet. In der Jagdzeit aber, werden sie unzählig in winzige Autohänger gesperrt und dann irgendwo (unausgebildet wie sie sind) laufen gelassen. 

Im Jahre 2002 kippte ein solcher Hänger mit neun Jagdhunden in der Nähe von Cardona um und die Hunde entkamen. Der Jäger hat sie nur zum Teil wiederbekommen oder sie später auf der Landstraße nach Su totgefahren wiedergefunden. 

Wenn sie Glück haben, treiben die (unausgebildeten) Jagdhunde Wild auf, weil es in ihnen steckt. wenn sie Pech haben, stellen sie ein Wildschein in Todespanik oder haben einen Herrn der schlecht sieht. Hunde werden von schlecht zielenden Jägern selber abgeschossen. Das heißt, man findet sehr oft tote Jagdhunde, wenn man sich auf einen Spaziergang durch die hiesigen Wälder begibt. Man findet Hundeschädelknochen, Hundegrippe, Teile von Hunden, halb verfaulte Hunde, noch frische Hunde, alle tot ... man findet frisch erlegte Hunde und zu Fetzen verfallenden Hunde.

Ridi, dieser zierlichen kleinen Podenca-Jagdhündin, hat man den vorderen Teil der Nase abgeschnitten. Dies ist eine durchaus gängige Methode der hiesigen Jäger, ihre Hunde "scharf" auf die Jagd zu machen: so riechen sie besser ... 

In der Jagdzeit sieht man sie auch oft auf den hiesigen Landstrassen laufen: die Jagdhunde, die dem Jäger abhanden gekommen sind. Dies kalkuliert er ein, deshalb hat er ja auch so viele Hunde. Immer verliert er Hunde, genug Hunde muss er aber haben ... Jagdhunde sind nichts wert - es ist eben nur der Nutzwert da, und auch der Wert vor den Jagdfreunden zu protzen: diese Saison habe ich zwölf ... So sieht man sie eben, lebendig oder tot - je später der Donnerstag, der Samstag oder der Sonntag, desto eher sieht man sie tot neben der Straße als lebendig auf ihr.

Eine Überlandfahrt lädt zum Strichlistenführen ein. Wie viele totgefahrene Hunde sehen wir denn heute? Wenn man sich traut, links oder rechts in den Straßengraben zu sehen, wird man stets fündig, denn wer hält es denn für nötig, für einen Hund zu bremsen? Leider nicht sehr viele Menschen ... Selbst wenn sie einen "erwischt" haben, halten sie nicht an um zu schauen, ob der Hund vielleicht noch lebt und Hilfe braucht. Eher wird an das Auto gedacht und geflucht: je kleiner, desto besser, da gibt es keine Beulen ...

Dann liegen sie da - und meistens bleiben sie auch liegen, bis sie weggefault sind. Nur wenige Hundekadaver werden beseitigt. Tot ist tot und wird besser nicht mehr angefasst. 

Ein Hund ist zu mindestens in den ländlichen Gebieten Kataloniens nichts wert - hat einen Nutzwert - wie ein Huhn vielleicht, nicht mehr und nicht weniger. Gefühle gibt es nicht.

Natürlich gilt dies nicht für alle Hundehalter Kataloniens. Auch hier werden Hunde geliebt, gehegt und gepflegt, doch leider leider findet man viel mehr eher jene Menschen, die das Gegenteil beweisen. Läufige Hündinnen werden gedeckt, ein Bauer käme nie auf die Idee seine Hunde kastrieren zu lassen. Ist die Hündin trächtig, wird gewartet bis ihr ihre Junge bekommt, die dann eben rasch getötet werden - der Normalzustand. 

Welpen werden getötet, ausgesetzt, oder ohne Anleitung und Pflege aufgezogen - und sie produzieren wieder Welpen.

Welpen sind niedlich. Zu den "Reis", den heiligen Drei Königen werden sie unter dem Weihnachtsbaum verschenkt, sind sie lästig, dann wieder ausgesetzt - die einfachste und billigste Lösung. (Zu dieser Zeit findet man sie besonders oft in den hiesigen Schaufenstern der Tiergeschäfte. "Mama, schau mal, ist der niedlich ...":)

Besonders vor den großen Sommerferien findet man halbwüchsige Welpen lebendig neben den Straßen ausgesetzt oder totgefahren auf ihnen. Und die hiesigen Tierheime schwemmen über vor der Sommerwelpenflut, aber eigentlich geht es schon kurz nach den "Reis" los, wenn die Menschen schnell merken, dass Welpen eben nicht nur niedlich sind, sonder auch Dinge anknabbern oder mal Pipi machen ...

Das Leben der Hunde ist grausam in Katalonien. Und trifft man auf die wenigen Hunde, die glücklich leben, hört man schlimme Geschichten. Die Hündin Krey, heute über alles geliebt, wurde am Strand von Cambrills in einem Schuhkarton als Welpe aufgefunden.  Heute lebt sie glücklich, vielleicht einwenig zu dick aber sehr geliebt, neben ihrem Frauchen in Cardona. Der Rüde Lucky sollte gerade getötet werden, als das jetzige Frauchen dazukam. Die anderen Geschwister waren schon tot. Der Nachbarhund Trasto (unnütz) wurde als Halbwüchsiger neben der Landstraße aufgegriffen, ausgesetzt. Der Rüde Gray stammt aus dem Tierheim, wohin er ausgesetzt hingekommen und dann adoptiert wurde. Nuka, auch etwas moppelig, stammte von der Kette, der Jagdhund Tim hat eines Tages herrenlos vor der Tür gesessen und die heutigen Herren konnten seinen treuen Augen nicht widerstehen ... Sie hatten glück, die wenigen - und die Anderen?

Im Namen der Hunde von Katalonien wünsche ich mir so sehr, dass Einsicht in die herzen der Menschen kommt, die einfach nicht begreifen können oder wollen, das Hunde Gefühle, ein Herz und ein Recht auf ein hundewürdiges Leben haben.

 

Ina Erwien 2003