Hundegeschichten aus Katalonien

Hund ohne Zukunft

Eines Tages war sie da. Sie war noch sehr jung und von "Pedigrí", das heißt, sie war eine rassereine Mittelschnauzerhündin, was ihr aber keinerlei Vorteile für ihr kommendes Leben bieten sollte. In Manresa und Umgebung gibt es viele Tiergeschäfte, die niedliche Welpen in ihren Schaufenstern anbieten. Plattgedrückte Nasen von Außen vor dem Schaufenster zeigen auch, dass diese Welpen durchaus wahrgenommen werden. Kinder deuten aufgeregt mir gestikulierenden Händen darauf, dann und wann bleibt dann den Eltern gar nichts anderes übrig, als die aufgeregten Kinder zu befriedigen. Kindern schlägt man hier doch so gar nichts ab ...

So kam sie her, in ihr neues Leben, einsam, verlassen, verstört, süß anzusehen, noch. Auch noch nicht lästig, einfach ein niedlicher Welpe, den die Tochter des Hauses, kaum fünf Jahre jung, in jenem Schaufenster in Manresa gesehen hatte.

 

"Mama, ich will einen Hund!", hieß es zuvor und als die Mama dann an den Papa herantrat, den Wunsch verkündete, das Töchterlein wolle einen Hund - aber ich will keinen Hund im Haus, der bringt Schmutz und Unannehmlichkeiten -  begann der Vater ernsthaft zu überlegen. Also in nördliche Richtung, direkt hinter dem neugebauten Reihenhaus gab es ja noch die brachliegende Fläche, ein Meter mal drei Meter. Und wenn das Töchterlein wirklich einen Hund wollte, dann war dort der richtige Ort. Am nächsten Samstag begann der Herr des Hauses ernsthaft, seine eingestaubten Bentonsäcke hervorzuholen, den gewissenhaft abgemessenen Grund zu betonieren und aus Holz eine Kiste zu bauen, an die er vorneweg einen eisernen Ring eingab. Sie wurde weiß gestrichen. Allerdings hatte er nur den halben Grund betoniert. Er rechnete. Ein Meter mal anderthalb Meter, der ideale Platz für einen kleinen Hund. Auf der anderen Seite wollte er einen Baum pflanzen. Bäume waren ihm ohnehin lieber als Hunde ...

Perfekt, dachte er zufrieden am Samstagabend, nachdem er auch noch vier Holzpflöcke in den Boden gerammt und einen grünen Plastikzaun aufgezogen hatte. Der ideale Platz war geschaffen.

 

Der nächste Samstag war es dann, als sich das Töchterlein die Nase platt drückte. Vier kleine Welpen tollten nett anzusehen in einer mit Holzspreu ausgelegten kleinen Kiste und das Töchterlein konnte sich gar nicht satt sehen. Als die Familie in das Tiergeschäft eintrat, fand der Vater bald heraus, was denn ein ganz rassereiner Mittelschnauzer kostet. Gar nicht soviel, dachte er, ebenfalls an den wunderschönen Bentongrund denkend, im Geiste sah er schon den Baum, der prächtig neben dem Hund gedeihen würde. Beide würden dem Haus ein neues Ambiente bieten. Das Töchterlein zeigte auf einen bestimmten Hund. Für den Vater sahen sie alle gleich aus, aber um so besser.

"Das ist eine Hündin!", sagte der geschäftstüchtige Verkäufer. "Hündinnen sind ohnehin ruhiger und anschmiegsamer."

Ein ruhiger Hund ist vom Vorteil, dachte der Vater und sagte: "Wir nehmen den!"

 

Der Verkäufer ergriff nun den kleinen schwarzen Welpen und zog ihn aus den spielenden Knäuel hoch. Sita zappelte und wusste nicht wie ihr geschah. Der Verkäufer ließ sie sanft in die Arme des kleinen Mädchens geleiten und sagte: "Eine gute Wahl! Sie verstehen etwas von Hunden, das merkt man gleich. Sie haben sich den Schönsten aus dem ganzen Wurf ausgesucht."

Der Vater fühlte sich geehrt. Wahrscheinlich war es gar nicht so verkehrt, einen Hund anzuschaffen. Das Töchterlein quiekte vor Begeisterung, die junge Hündin quiekte auch, weil sie so überraschender Weise gequetscht und schmerzhaft gedrückt wurde. Es tat ihr weh und sie zappelte.

 

Eine Stunde später wurde ihr ein niedliches Halsband umgelegt, was mit einer nagelneuen Kette verbunden war. Die Kette wurde an dem Eisenring festgemacht, der Vater strahlte. Die Mühe von letzter Woche hatte sich gelohnt.

"Stinkt es hier nicht?´", fragte die Mutter abfällig und fühlte sich schmutzig. Neben ihrer Tochter sitzend hatte sie das unruhige Hündchen im Auto festgehalten, was ihr selber so gar nicht gefiel. Ständig hatte es gezappelt, doch Cristina hatte gelacht. Nun hatte sie das Bedürfnis sich selber und auch Cristina zu baden.

Die Familie stand mit einem halben Meter Abstand vor dem Welpen und begutachtete ihn. Der Welpen wiederum zerrte an der Kette, stemmte die Pfoten in den Boden, keuchte vor Entsetzen, wusste nicht was geschah. Als das Töchterlein an ihn herantreten wollte, sprang das Hündchen an Cristina hoch und Cristina wich erschrocken zurück. Was auch immer in ihrem Köpfchen vorgegangen war, ein springender Hund war es nicht gewesen.

So ging die Familie ins Haus, die kleine Sita lieb allein zurück, verzweifelt, mit der schweren Kette kämpfend, schließlich wimmernd und heulend. Mehr als ein Nachbar öffnete in der Nacht sein Fenster, um verwirrt aus dem Fenster zusehen, was denn der Krach zu bedeuten hatte. Sitas Familie schief nach Süden und hörte ihre Pein nicht.

 

Am nächsten Morgen, es war eine lange Nacht für Sita geworden, kam das Töchterlein und deren Eltern, um Sita "Guten Morgen" zu sagen, wie es Cristina gewünscht hatte. Sita wurde hochgerissen, die Kette wurde noch schwerer, doch nach der Einsamkeit war ihr alles recht. Sie versuchte Cristinas Gesicht zu lecken, doch nun schrie die Mutter auf. Das ging ja nun wirklich nicht, und sie ekelte sich.

Cristina war noch Feuer und Flamme für Sita, noch, denn in den nächsten vier Wochen stellte sie fest, dass Sita nichts anderes unternahm, als an ihr hochzuspringen, wenn sie sie besuchte. Zuerst wollte sie sie mehrfach am Tag besuchen, dann aber wurde es ihr lästig und sie verdrängte Sita aus ihren Wünschen. Nur nach gut einem Monat war Sita uninteressant und sollte es bleiben.

Sita wurde nicht mehr besucht, es gab jetzt eine neue Puppe und der Mutter war das nur recht. Hunde waren schmutzig und weder sie noch ihr Töchterlein sollten von ihnen bedrängt und beschmutzt werden.

 

Sitas junges Leben zeichnete sich nur durch Einsamkeit aus. Es gab niemand, der für sie da war, niemand der sie liebkoste, niemand, der ihr zeigte, dass er sie wollte. Keiner  wollte sie, hatte sie je gewollte, alle zeigten ihr, dass man sie nicht wollte. Sie hatte eine 90 cm lange Kette und begann als einzige Beschäftigung den grünen Plastikzaun einzureißen, den sie vor ihrer Nase hatte. Wenn am Abend der Vater ihr ihr Trockenfutter vor die Nase stellte, sprang sie vor Aufregung ununterbrochen an ihm hoch. Sie war temperamentvoll und ungestüm, wie sollte sie auch ihrem Bewegungsdrang nachkommen, der in ihr war? Oftmals trat der Vater nach ihr, während er ihr möglichst schnell den gefüllten Napf hinstellte, enttäuscht von dem schrecklichen Hund, der hier auf seinem Grund und Boden leben durfte. Er widmete sich lieber dem gepflanzten Baum, der jedoch schon nach kurzer Zeit einging, hatte er doch viel zuwenig Wasser und Sonne bekommen. Der Hund war ihm lästig, blieb es doch an ihm hängen, dem Viech Wasser und Futter zu bringen und seine springenden Aufdringlichkeiten zu ertragen. Weder seine Frau und nun auch nicht mehr das Töchterlein kümmerten sich um den Hund, der ständig wuchs und ebenso beständig seinen Zaun zerkratzte. Der Hund wurde zu einer Last, abseits von einem Leben, in jener schattigen Gasse hinter dem Reihenhaus, wo sein Platz ein Meter mal anderthalb betrug, abzüglich der zehn cm Kette, ein Spielraum exakt an jenem Samstag abgemessen. Der Vater ärgerte sich bald über seine Entscheidung den Hund hergeholt zu haben, zumal der schmucke Plastikzaun schon nach zwei Monaten von den spitzen Pfoten des Hunde zerfetzt war.

Sita schäumte auf, sobald sich ihr ein lebendiges Wesen näherte. Sie sprang und tobte an ihrer Kette, bettelte um Liebe und um Aufmerksamkeit, doch niemand aus ihrer Familie wollte sie verstehen. Kamen andere Menschen vorbei, konnte sie sich kaum beruhigen. Hockte sich jemand zu ihr, um sie zu streicheln, ließen diese das bald sein, denn sie gebärdet sich wie tollt, hüpfte und sprang, vollführte Drehungen, kratzte und leckte.

Noch einmal kam das Töchterlein in einer Anwandlung heraus um sie zu besuchen. Sita, nun zwei Monate älter, sprang in absoluter Begeisterung an ihr hoch, so das Cristina erschreckt an zu weinen begann und ins Haus flüchtete. Seit diesem Tag hat sie Sita nie mehr besucht und wäre der Vater nicht gewesen, wäre Sita sicherlich verhungert. So aber lieb ihr nur die Einsamkeit, die Leere, die Trostlosigkeit.

 

Bald neun Monate war Sita jung, hatte einen klirrendkalten Winter und über zweihundert einsame Tage und Nächte an ihrer neunzig cm langen Kette erlebt, als eines Tages eine junge Frau und deren Hunde vor ihr stehen blieben.  Die junge Frau war fast jeden Tag zu ihr gekommen um sie zu streicheln, so freute sich Sita wie jeden Tag, hüpfte und sprang und war vor Begeisterung eigentlich gar nicht anzufassen. Die Frau warte wie stets etwas, ehe sich Sita beruhigte und streichelte dann ihren hübschen Kopf. In diesem Moment öffnete sich ein Fenster in dem schmucken Reihenhaus, und der Herr des Hause lugte mürrisch hervor. Noch ehe er etwas sagen konnte fragte die junge Frau: "Wie heißt die junge Hündin?" Nicht mehr und nicht weniger, doch die Frage brachte den Herr des Hause aus dem Konzept, er, der gerade zum Schimpfen angesetzt hatte. Was hatte diese Frau auch auf seinem, ein Meter und drei Meter großen Grund zu suchen?

"Ähhäh," sagte er, "ähmmm." Er hatte den Namen der Hündin verdrängt und brauchte einige Zeit, ehe er sich daran erinnerte. "Sita", sagte er schließlich, zufrieden, dass er ihm wieder eingefallen war.

"Ein schöner Name und ein schöner Hund!", sagte die Frau und streichelte Sita.

 

Eine Woche danach war Sita nicht mehr da. Über fünf Mal hatte der Herr des Hauses den schmucken grünen Plastikzaun erneuern müssen, hatte ihn doch der blöde Köter ständig wieder eingerissen. Seine Frau hatte ihn sofort zugestimmt, als er meinte, der Hund müsse beseitig werden. Cristina hatte Sita schon lange nicht mehr interessiert. Er dachte an das herausgeschmissene Geld und ärgerte sich noch mehr über den Hund.

Wieder an einem Samstag packte er ihn, schmiss ihn grob, da er ja ständig an einem hochspringen und lecken wollte, in den Kofferraum, und fuhr in die nahen Wälder hoch, die Straße nach Su, die in Kurven geschwungen aus Cardona herausführte. Als er wieder kehrte, hatte er keinen Hund mehr im Kofferraum.

"Was hat du mit der Töle gemacht", fragte die Frau, der Mann zuckte mit den Schultern, die Frau dann uninteressiert auch.

 

Sitas Kette liegt noch heute da, auf dem Betonboden, vor ihrem kleinen Holzhäuschen. Alles ist, wie sie es verlassen har, selbst der fünfte eingerissene grüne Zaun ist noch heute so eingerissen, wie sie ihn verlassen hat. Die Erinnerung an Sita ist für "ihre" Menschen wie ausgelöscht, für "ihre" Menschen, doch nicht für alle Menschen. Geht man an dem Ort vorbei, meint man sie noch immer an ihrer kurzen Kette springen zu sehen, ihre strahlenden begeisterten braunen Augen, ihr freundliches aufgeregtes Gesicht. Es ist gar nicht zu begreifen, das sie nicht mehr da ist. Und doch ist es besser für sie, egal wo sie nun ist. Neun Monate war sie alt, als sie "entsorgt" wurde, neun Monate, verbracht auf ihrem Betonboden und ihrer neunzig Zentimeter kurzen Kette, ohne Liebe, ohne das Nichts.

 

Ina Erwien, 2003

 

Sita wurde im Jahre 2002 in Cardona "entsorgt". Wie sie "entsorgt" wurde, ist ungewiss.