Geschichten mit und über Herro ...

Herro der Türkenschreck 

Herros Gesichtsausdruck verändert sich schlagartig, seine Mundwinkel beginnen zu zucken, sein Fell sträubt sich und sein Körper spannt sich zum Angriff. Höchste Zeit für mich, einzugreifen. Herro hasst einen bestimmten Typ türkischer Männer und greift sie an, nicht mit der Absicht sie zu beißen - niemals in der Zeit an meiner Seite hat er gebissen, nein, er will sie verschrecken und erfreut sich an ihrer Angst. Herro ist Rassist. 

Der Männertyp ist der, der am Kleopratrastrand von Alanya auf- und ab gewandert ist; ungepflegt, eher ärmlich wirkend - auf der Jagd nach reichen und willigen Touristinnen. Einen wohlgekleideten aussehenden türkischen Mann greift er nicht an, schon gar keine Frau und auch nicht den typischen Feindbildtürken, der sich in Gesellschaft einer Frau befindet. Es muss ein eben der bestimmte türkische Mann sein, allein oder in Männergesellschaft, den Herro in seinem Leben in der Türkei hassen gelernt hat. Am Strand hat er mich beschützt und verteidigt. Er lag neben mir auf der Lauer und schoss bei Feindbilderscheinen voller Hass auf diesen zu um ihn zu verbellen. Oftmals passierten diese Männer wohlwissend mit einem dicken Knüppel den Strand. Herro kannte die Reichweite der Schlagstöcke und attackierte eben so, dass sie ihn nicht trafen. Männer warfen mit Sand nach ihm um sich vor dem rasenden Berserker zu schützen. Ach hätte ich doch eine Videoaufnahme von einst ...

Dieser Hass auf den bestimmten türkischen Mann hat Herro natürlich auch mit nach Deutschland genommen. In der ersten Zeit hat er jeden türkischen Mann angegriffen, der diesem Feindbild entsprach. Ich habe dann mit ihm geschimpft - und das auf türkisch. Ein paar Hundeausdrücke wie "Aus!" habe ich mir auf türkisch beigebracht und diese dann auch benutzt. 

Ich erinnere mich an einen Moment, wo Herro an der Leine neben mir einen türkischen Feindbildmann angreifen wollte, eben in dem Moment, als wir eine Straße auf einem Zebrastreifen passierten. Der bedauernswerte Türke sprang erschrocken vor meinem schwarzen Herro davon und begann hemmungslos auf türkisch zu schimpfen, während ich auf türkisch mit Herro schimpfte. Der Angegriffene zuckte zugleich so erschrocken zusammen, dass er das Schimpfen vergaß. Es war für ihn fast noch erschreckender, dass ich mit meinem schwarzen Hund auf türkisch geschimpft habe. 

Er machte zudem ganz deutliche Unterschiede zwischen Türken oder sonstigen arabisch - schwarzen oder etc. Ausländern, nein, er kannte seine Türken genau heraus. Ob bei der Hunderunde oder aus dem fahrenden Auto, dieses Feindbild musste "verputzt" werden. Sein Feindbild wurde optisch erkannt oder dessen Angst erfühlt, wie auch immer - es MUSSTE ein türkisches Feindbild sein.

Doch Herro hat mit der Zeit gelernt, dass es keinen aktuellen Grund mehr dafür gab und seine lautstarken Attacken wurden immer weniger. Dann und wann gab es sie noch, doch mit den Jahren legte sich unser Türkenproblem.

Und heute, wo Herro schlecht sieht und ein alter Herro ist und es zudem hier in Spanien, zumindest da wo wir leben, so gut wie keine Türken gibt (in anderen Städten schon), da gibt es nun ein neues Feindbild. Das sind die betrunkenen Männer, die unkontrolliert in der Nacht die Bar-Kneipen unsicher machen. Die müssen auch angeblufft werden, klar. Beim Spazieren gehen trifft man sie ja nicht sehr oft, und bei einem Herrobesuch in der Fira Bar von Cardona muss ich eben mal wieder Augen und Ohren offen halten, damit ich sie schon vor Herro erkenne und seinen Angriff vorab abstoppe. Wir sind ja schon Profi im Feindbilderkennen - wir beide.

 

PS: Aber was muss ein Hund erlebt haben, der sich so in einen Feindbildhass versteift? 

Wer mag auf Herro geschossen haben - und was hat Herro für Schmerzen erleiden müssen, danach, mit einer kirschkerngroßen Kugel im Bauch, die er heute noch immer in sich trägt? 

Wer mag ihn derart geprügelt und misshandelt haben, dass er einen deformierten Rückenwirbel hat? 

Wer trägt Schuld daran, dass Herros Hinterlauf kahl und verbrannt ist? 

Wer hat ihn mit Motorrädern über den Strand getrieben und warum eigentlich? Ist es so schön, einem Tier in seiner Angst und Qual zuzusehen und sich daran zu weiden?

Was geht in der Seele eines so sanften Hundes vor, dem dies alles am eigenen Leib wiederfahren ist? Wieviel Leid und Schmerz erträgt ein Hund? Nun, ich verstehe sein Verhalten und habe gelernt, damit umzugehen. Niemals hat er einem Menschen Schaden zugefügt, die Menschen ihm aber wohl.

Ina Erwien, 2003