Geschichten mit und über Herro ...

Sternennacht 

Herro wartete vor dem Hotel Gardenya auf mich, wie selbstverständlich, ruhig, mit gespannten Sinnen. Es war schon späte Nacht und sein schwarzer Hundekörper malte sich kaum von den Oleanderbüschen ab. Eigentlich fühlte ich ihn mehr, als dass ich ihn sah. Er saß da wie eine Statur und erst als er mich wahrnahm, kam Leben in ihn, voller Freude eilte er mir entgegen und mich durchflutete wieder das Gefühl der heißen Liebe, wie immer, wenn wir zusammentrafen. Und noch während wir uns begrüßten und uns aneinander drückten, zerfraß mich wieder dieses schreckliche Gefühl des Leids, des unsäglichen Verlustes, denn morgen noch, nur noch morgen, und diese eine unbeschreibliche Woche würde ihr Ende finden - und ich würde diesen wundervollen schwarzen Hund, der doch hier ein Leben in Angst, Kummer, Schmerz und Hunger fristete, für immer verlieren. Und er mich auch. So sehr tat dieser Gedanke weh, dass ich vor Glück Herro zu sehen, fast schon wieder in Tränen ausbrach. Das alles war doch so unbeschreiblich wichtig für mich und auch für ihn, denn wir empfanden doch so gleich, wie und in aller Welt konnte ich die Türkei ohne ihn verlassen und mein Leben in Deutschland wieder aufnehmen? Doch das würde ich tun, oder? Ich würde ihn hier allein zurücklassen, oder? Wie aber konnte ich ihn aber in mein Leben lassen, wo er einfach keinen Platz hatte, diesen wundervollen Hund ...

 

Doch mir wurde bewusst, dass ich seinen Körper hielt und ich von völliger Liebe durchflutet wurde. Da besann ich mich. Es war eine wundervolle klare Sternennacht und was auch immer geschehen würde, jetzt und hier befand ich mit dem Hund, der alles für mich bedeutete. So stand ich auf, rief mit den Händen Herro zu mir und machte mich in seiner Begleitung auf in Richtung Strand. Es war Anfang Januar, es war das Jahr 1995, und es roch nach Blüten, nach Salz, nach fremden mir unbekannten Gerüchen, die Alanya ausmachten. Das Gefühl neben Herro zu gehen, war wunderschön. Als meine Füße den Sand des Kleopratrastrandes berührten, zog ich meine Schuhe aus und ging barfuss, genoss die Verbindung mit der Erde, genoss das Rauschen des Meeres und die Schwärze der Dunkelheit. Herro schlug vor Freude einen Harken, sah glücklich zu mir auf und er, ich und diese Nacht wurden zu einer wundervollen Einheit. Alles war so himmlisch schön, dass mein Schmerz um den Abschied für immer ausblieb und sich dagegen mit Freude und Dankbarkeit füllte.

 

Er und ich, wir gingen bis zum Meer und als sich groß, undefinierbar und grau die Wellen der Brandung auftaten, aus dem Nichts schienen sie auf uns zuzukommen um uns zu verschlingen, aber sie konnten uns dennoch nicht erreichen, setzten wir uns in den feinen weichen Sand. Seite an Seite, wir berührten uns, drückten uns gegeneinander aber bewegten uns nicht. Wir lauschten, Herro mit stolz erhobenen Kopf, wachsam, bereit mich bis aufs Blut zu verteidigen, ich, meinen Gedanken und seinen Empfindungen lauschend. Zeit verging, aber sie war unerheblich. Es war so wundervoll, was gerade geschah. Über uns prangte der Sternenhimmel, erfüllte langsam und bestimmt die ganze Nacht.

 

Erst, als plötzlich wie aus dem Nichts ein weiterer Hund zu uns kam und sich wie selbstverständlich zu uns setzte und ebenso selbstverständlich auf das Meer starrte, sah ich auf. Es war die schwarz-weiße trächtige Colliemischlingshündin, mit der Herro Seite an Seite schlief. Ich mochte sie sehr und streichelte sie, ohne mich von Herros Körper zu entfernen. Schon bald kam ihre Tochter hinzu, ob sie auch Herros Tochter war? Alles geschah so selbstverständlich, war so voller Harmonie und tiefer Ruhe.

Wieder kamen weitere dunkle Schatten hinzu, immer mehr dieser wunderschönen, lieben und doch so einsamen Strandhunde von Alanya. Der kleine braune Schäferhund, der Terriermix, dem man Ohren und Schwanz abgeschnitten hatte, der alte gefleckte schwarzweiße Jagdhund, sicher ausgesetzt weil er zu alt für die Jagd war, die helle Schäferhündin mit den grünen Augen, der riesige braune Kangal, dessen Hinterlauf gebrochen und falsch zusammengewachsen war. Alle kamen sie wie selbstverständlich, setzten und legten sich zu uns und sahen auf das Meer. Herro und ich saßen in der Mitte von allen und alle drängten sich um uns. Alle herrenlosen Strandhunde schienen mich zu lieben und behandelten mich so selbstverständlich, als gehörte ich zu ihrem Rudel. Aber so war es doch auch, ich hatte das absolute Gefühl, dass es so war und hätte mich in diese Sternennacht schwingen können um mit allen Freunden um mich herum davonfliegen. Ich war so voll und satt vor Glück, so sehr, wie es nur in wenigen Momenten in meinem Leben jemals geschehen ist.

Eigentlich sind wir eine große Familie, lächelte ich über mich selbst erheitert. Der Gedanke erfüllte mich mit Wärme im Herzen. Ich befand mich in der wundervollsten und besten Gesellschaft. Über uns lächelte die sternklare Nacht und Herros warmer Hundekörper gab mir Ruhe und Frieden. Wie viel Zeit so verging, wusste ich nicht, werde es nie wissen, aber das spielt auch keine Bedeutung. So nah fühlte ich mich allem Wesentlichen, das nichts, aber auch gar nichts anderes zu mir durchdrang.

 

 

Erst als ich sehr müde wurde, es war schon weit nach Mitternacht, stand ich widerwillig auf und schritt mit Herro zum Hotel zurück. Es fiel mir schwer, die wundervolle Runde und das tiefe freie Glück zu verlassen.

 

Vor dem Hotel Gardenya unterhielt sich der Nachtwächter mit dem alten Nachtportier. Sie tranken Raki und ich bekam sofort ein Gläschen eingeschenkt. Der Nachtwächter musterte mich freundlich, während ich Herro streichelte.

"Ist das dein Freund?", ließ der Nachtwächter, der kein Deutsch sprach, durch den anderen Mann fragen. Ich nickte stumm und war schon wieder den Tränen nah. Sehr lange saß ich so noch auf den Marmorstufen, zusammen mit Herro, der sich an mich lehnte.

Der alte Türke beobachtete mich dabei genau und musterte auch den schwarzen Hund, der einen ganz anderen Ausdruck in seinen Augen als gewöhnlich hatte.

Und ob sie den Hund nicht mit aufs Zimmer nehmen wolle?, fragte der Nachtportier. Ich bekam glänzende Augen.

"Ich darf?!? Darf ich?", fragte ich aufgeregt zurück. Doch der Nachtportier konnte nur mit dem Kopf schütteln und sah, wie ich in mich traurig zusammen sackte. 

"Er ist ein besonderer Hund!", ließ der Nachtwächter stattdessen übersetzten. "Kein Hund ist wie er und sein Leben ist schwer. Doch kennt er die Regeln der Straße und ist schlau. In vielen Nächten kommt er zu mir, ich kenne ihn gut."

Ich kenne ihn gut - er ist ein besonderer Hund, schallte noch lange in mir nach. Er ist mein besonderer Hund, mein besonderer Hund, dachte ich immer und immer wieder, voller Liebe und Verzweiflung.

 

Es war nach vier, als ich schlaflos - verwirrt im Bett lag und Herro herren- und heimatlos am Strand zurückbleiben musste, heute und auch morgen ein Leben, das kein Leben für ihn war sondern dem er ausgeliefert war, führen musste. Morgen war mein letzter Tag und dann würde ich Herro niemals wieder sehen - morgen, und dann niemals mehr. Die wunderbare Sternennacht kam in mich zurück, das Rauschen der Wellen, Herros warmer Körper, die wunderbare Gemeinschaft der anderen Hunde, der Sand, die Gerüche, die tiefe Ruhe und vor allem Gefühle. Tiefe Gefühle, für einen schwarzen vom Leben gezeichneten Strandhund, so tief, dass ich wusste, das diese Sternennacht mein ganzes weiteres Leben für immer fest in mir leben würde. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich sie niemals mehr verlassen, so aber wird sie für immer in mir leben, genau wie Herro..

 

Ina Erwien - für meinen wundervollen Herro, 

den ich einst in der Türkei zurückgelassen habe ... 

aus dem Jahre 1995, Alanya

Das Foto zeigt die hübsche Schäferhündin mit den grünen Augen, Herro und mich (beide in schwarz)

und die Tochter der Collimischlingshündin am Tage meiner ersten Abreise.

 

Doch ich bin zurückgekehrt, drei Wochen später, und Herro hat mit mir dieses hundeunfreundliche Land für immer verlassen. Danke!