Geschichten mit und über Herro ...

Das Geheimnis, wo die Touristen hingehen 

Der Tag, als Herro mit mir für immer die Türkei verließ, es war der 3. Februar 1995 ...

 

Am letzten Tag in Alanya, eilte ich schon früh zum Strand und Herro begrüßte mich ausgelassen und glücklich, genau wie ich ihn.

"Mein Hund!", sagte ich stolz zu ihm und sah ihm glücklich in seine lieben goldenen Augen.

Ein Ehepaar aus Dresden war bei ihm, das unsere ganze Hundeodyssee mitbekommen hatten und fragte: "Und wann?"

"Heute Nacht!", lächelte ich glücklich.

"Dann dürfen Sie ihn aber heute nicht am Strand lassen. Wer weiß wo er heute Nacht ist".

Ich nickte. "Natürlich nicht. Und wenn ich die ganze Nacht mit ihm am Strand bleibe ...".

"Sie reisen heute ab? Wir auch. Wann werden sie abgeholt?", fragte ein Ehepaar aus Duisburg, in ihren sportlichen Freizeitdress gekleidet. "Und ist es wirklich wahr? Sie nehmen wirklich diesen Hund mit nach Deutschland?"

Ich nickte mit Herzklopfen. "Ja, er kommt mit. Ohne ihn fliege ich nicht wieder weg! Und wir fliegen um 3.00 Uhr nachts", antwortete ich unruhig, denn zu viele Informationen störten mich. Ich hatte Angst, dass in letzter Sekunde noch etwas schief gehen konnte. Das durfte einfach nicht sein ...

"Wir auch. Dann fliegen wir zusammen. Mensch Hektor (in Alanya hatte Herro viele Namen bekommen. Von Pluto bis Blacky war alles dabei. Dieses Ehepaar nannte ihn Hektor.), wir fliegen zusammen, na, wat ‘n Glück, wer hätte das gedacht!", lachte der Duisburger so ehrlich, dass ich ihn plötzlich sehr sympathisch fand.

Mein damaliger Freund, der mich beim zweiten Mal in die Türkei begleitet hatte, kam erst viel später zum Strand. Um vorzubeugen, dass noch etwas geschehen könne, hielten wir Herro vorsorglich die meiste Zeit an der Leine. Wir gingen gemütlich spazieren, aßen in einem Fischrestaurant zu Mittag und verbrachten den Nachmittag am Strand. Sowohl der Hund als auch seine beiden Menschen waren viel ruhiger und ausgeglichener als all die Tage zuvor. Um so mehr fiel es auf, als Herro sehr unruhig wurde, fiepte und an der Leine zog, während er zuvor entspannt neben mir im Sand geschlafen hatte. 

Sofort ergriff mich ein großer Schreck. Wollte er etwa von mir fort? Doch wenn er fort wollte, durfte ich ihn nicht daran hindern. Er war ein freier Hund und wenn er mit mir kommen sollte, sollte er das auch freiwillig tun. Ich löste bestimmt den Karabiner an seinem Halsband und Herro trabte augenblicklich sehr entschieden und schnell den Strand herunter von uns fort.

"Warum tust du das?", fragte mein Freund entsetzt. "Wenn er nun nicht mehr wieder kommt?"

Ich fühlte einen Stein im Magen und antwortete mit hartem Gesicht. "Wenn er nicht bei uns bleiben will, soll er frei sein!"

Herro wurde ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont des Strandes und es sah ganz so aus, als würden sie ihn bald aus den Augen verlieren, bis sie aus der großen Entfernung sahen, dass er zu einem den Strand durchdringenden Süßwasserfluss lief, um dort durstig zu trinken. Aber natürlich, er hatte großen Durst! Ich atmete auf. Sofort, nachdem Herro seinen Durst gestillt hatte, kam er zurück und begrüßte mich dankbar, das ich sein Bedürfnis verstanden hatte und ich drückte ihn still.

 

Als sich die Sonne schon neigte und ich unruhig über den Rückflug nach dachte, würde wirklich alles gut gehen, würde Herro morgen früh unbeschadet in Düsseldorf landen, hörten ich hinter uns provozierend lachende Männerstimmen und zugleich wütendes Hundegebell. Herros Nackenhaare sträubten sich augenblicklich und er begann ebenfalls wütend zu bellen. 

Mein Freund und ich fuhren herum und sahen vier Männer vor der Stranddiskothek "Holiday" mit dem Finger auf Herro zeigen, während sie einen riesigen braunen Boxer von der Leine ließen. Dieser nahm mit gefletschten Zähnen Kurs auf Herro. Es war eigentlich nicht zu glauben und doch war es so. 

Wir sprangen auf, während sich Herro wie wild gebärdete, so das ich verstand, das diese Situation schon öfter vorgekommen sein musste.

Mein Freund schrie wütend die Männer an, sie mögen ihren Hund zurückrufen, doch diese lachten nur spöttisch, während der Boxer in der Zwischenzeit Herro fast erreicht hatte. Mit Herro an der Leine wich ich zurück, nestelte aber nach meinen Gasspray, den ich immer bei mir trug.

"Gib ihn mir", schrie mein Freund und ich warf ihn ihm zu. Sofort spritzte er über den Boxer Reizgas in die Luft. Der Hund stockte, ohne wirklich etwas abbekommen zu haben.

"Ruft den Hund zurück, oder er kriegt das Gas in die Augen!", drohte mein Freund nun sehr böse und das wirkte. Die lachenden amüsierten Gesichter der Männer an der Stranddiskothek veränderten sich schlagartig. Sofort schrien und pfiffen sie nach ihrem Hund, völlig aus der selbstsicheren Ruhe gebracht, während der Boxer seinen Herren gehorchte und unverrichteter Dinge zu den Männern zurücklief.

"Seht ihr, es geht doch!", schrie mein Freund wütend und nicht nur ich freute mich, dass die Männer in ihre Schranken gewiesen worden waren. Herro war außer sich vor Stolz. Er bellte noch immer wütend und mir wurde bewusst, das der Hund verstand, dass er verteidigt worden war. Er war nicht mehr allein und allen Schikanen ausgeliefert, nein, seine Herren beschützten ihn und das machte ihn unglaublich stolz. Es war ihm zugleich unfassbar. Dankbar leckte er, als er verächtlich geniest hatte, unsere Hände.

"Ihr könnt nicht immer auf den räudigen Köter aufpassen!", schrie einer der Männer uns von Weiten zu. "Wartet nur, wenn es Nacht wird!"

"Willst DU das Gas ins Gesicht?", schrie mein Freund zurück, und die Männer lachten böse.

Es dauerte lange, ehe wir und Herro uns beruhigen konnten.

"Nur gut, das wir ihn mitnehmen. Nie wieder bleibt unser Herro allein an diesem Strand! Was für Typen - was für ein Land!", sagte mein Freund wütend und schüttelte den Kopf.

Ich war sehr stolz auf ihn und sagte ihm das auch. Zudem hatte er unser Herro gesagt. "Und sicher war es nicht das erste Mal, dass sie ihren Hund auf Herro gehetzt haben", stellte ich traurig fest und wusste das ich damit Recht hatte. 

"Der arme Hund", sagte mein Freund traurig, "was hat er nur alles mitgemacht!"

 

Es war längst dunkel, als wir mit Herro an der Leine zu unserem  Hotel gingen, fest entschlossen Herro diesmal mit auf unser Zimmer zu schmuggeln. Falls es nicht gelingen würde, würde ich mit ihm die Nacht in irgendeiner Kneipe verbringen, während mein Freund unsere Sachen packen würde.

 

Das Geheimnis wo die Touristen hingehen

Das Glück war uns aber hold, denn an der Rezeption saßen zwei Mädchen die uns zwar eine "Gute Nacht" wünschten, doch den großen schwarzen Hund nicht beachteten.

Hastig huschten wir alle drei auf unser Zimmer und packten unsere Koffer. Herro, der Strandhund, schnüffelte das ganze Hotelzimmer neugierig ab und ich fand es so unglaublich schön, Herro dabei zuzusehen, dass mir schon wieder Tränen in die Augen traten. 

"Jetzt ist es aber gut mit den ganzen Tränen!", lachte mein Freund. "Er ist hier und er kommt mit und du hast sicher für drei Jahre im Voraus geweint!"

Ich lachte auf und nickte ihm zu.

Die Nacht war sehr kurz. Herro hatte neben meinem Bett Platz genommen und verhielt sich sehr vorbildlich. Er war zwar sehr verunsichert, doch durch mein Lob wusste er, dass er alles richtig machte. Schon bald klingelte der Wecker und aufgeregt trugen wir unsere Sachen herunter. Ich hielt Herro stolz an der aus Deutschland mitgebrachten Leine. Unten angekommen, ging ich mit Herro an jener Leine eine kleine Runde spazieren, damit er sich erleichtern konnte. Wir trafen auf die Colliemischlingshündin, mit der Herro Seite an Seite geschlafen hatte und die seine beste Freundin war. Sie war damit beschäftigt, eine Mülltonne nach Fressbarem zu durchstöbern. Herro und sie beschnüffelten sich wedelnd und ich fühlte eine tiefe Wehmut in mir aufsteigen. Diese Hündin war Herros Freundin und sie war eine sanfte liebe Hündin die es so schlecht hatte. Wenn ich ihr nur helfen könnte, doch das konnte ich nicht. Ich musste unendlich dankbar sein, wenn ich Herro aus diesem hundefeindlichen Land herausbringen konnte.

Mit merkwürdigem Blick sah die hübsche Hündin von Herro zu mir. Eine wissende Traurigkeit lag in ihren gelben Augen verborgen, so als erahne sie, was geschehen sollte. Ich streichelte sie zärtlich, wünschte ihr alles Gute, und als ich mit Herro weiter ging, sah die Hündin uns noch lange nach. Ich werde ihren Blick niemals vergessen! Sie WUSSTE, was geschehen würde!

 

Nur ein kurzes Stück weiter trafen wir auf den Nachtwächter des Hotels, der Herro ein paar Tage zuvor in meiner Anwesenheit einen dicken Stein an den Kopf geschmissen hatte. Er starrte irritiert auf den Hund an der Leine neben mir und ich sah ihn bewusst und überheblich an. Schließlich grinste ich spöttisch. Dieser Mistkerl, dachte ich.

"Nein mein Hund, er wird dich nie wieder mit Steinen beschmeißen!", sagte ich und ging mit genauso stolz erhobenen Kopf an ihm vorbei wir Herro. Der schwarze Hund wusste nur zu gut, dass sein Peiniger nicht mehr das Recht hatte ihn zu quälen und fortzuschicken. Es war wunderbar einen Menschen zu haben, immer wieder sah er zu mir auf und freute sich.

Etwas Entscheidendes geschah, dass wusste Herro genau. 

"Du musst dich nun von deiner Heimat verabschieden, Herro!", sagte ich zärtlich zu ihm. "Du wirst nie wieder hierher zurückkommen, doch ich werde dafür sorgen, dass du glücklich sein wirst, dort, wo wir nun hingehen. Und du kommst mit mir! Jetzt lernst du das große Geheimnis kennen, wohin die Touristen gehen ...".

Herro sah mich aus seinen treuen goldenen Augen aufmerksam an, in denen soviel Liebe zu lesen war.

 

Gemeinsam mit meinem Freund warteten sie auf den Reisebus, der sich jedoch als kleiner PKW entpuppte. Der jugendliche Reiseleiter, der uns vor einer Woche abgeholt hatte, starrte verwirrt auf den Hund und die riesige Hundeflugbox. Zuerst schien sie nicht in sein Auto zu passen, dann jedoch konnten Hund, Box und Koffer irgendwie untergebracht werden.

"Wie gut, dass ich meine Doggenhündin nicht mitgebracht habe", sagte der junge Türke. "Deutsche lieben doch Hunde und ich hatte überlegt ...".

Ich atmete auf. Mit Herro auf dem Arm hatte ich auf der Rückbank Platz genommen. Er kuschelte sich ergeben und vertrauensvoll an mich und bewegte sich kaum. Ich war ganz gerührt über sein Vertrauen zu mir, wusste er doch nicht, was geschehen würde. Oder wusste er es doch? Verstand er nicht nur zu gut, dass er jetzt nicht winselnd auf der Straße hockte um mir hinterher zu sehen, wie vier Wochen zuvor, sondern auf meinem Schoß lag und mit mir in die Ferne fuhr? Ich glaube, er wusste es!

 

Die Fahrt von Alanya nach Antalya zum Flughafen war lang. Auf halber Strecke wurden wir durch eine Polizeikontrolle angehalten, weil in Istanbul eine Bombe gezündet worden war. Man suchte hochbewaffnet nach verdächtigen Fahrzeugen die Terroristen verbergen könnten. Als der junge Reiseleiter den Polizisten klarmachte, dass es sich bei den Menschen in seinem Auto nicht um Terroristen sondern um Touristen handelte, durften wir weiterfahren. Herro hatte die Polizisten kritisch gemustert und hätte sie um ein Haar angefletscht. Seine Mundwinkel hatten deutlich gezuckt, sein Blick war starr und hasserfüllt geworden und sein Nackenhaar hatte sich aufgerichtet.

"Um Himmelswillen halte den Hund ruhig!", hatte der junge Türke gefleht, nun atmeten wir alle auf. Es ist ein unangenehmes Gefühl, wenn sich Maschinengewehre auf einen richteten. 

 

Am Flughafen von Antalya angelangt, trugen mein Freund und der Türke das unhandliche Gepäck ins Innere des Flughafens, während ich Herro noch ein letztes Mal über türkischen Boden führte, damit der sich erleichtern konnte. Als wir jedoch die Eingangshalle passieren wollten, verlangte der Beamte von mir mit der Begründung, der Hund hätte vielleicht Rauschgift im Magen, Herro solle durch das Röntgengerät geschickt werden, mit dem die Koffer und die Gepäckstücke durchleuchtetet wurden.

"Nein! Nein, nicht mein Hund! Auf gar keinen Fall!", schrie ich hysterisch, doch der Beamte ließ nicht locker. Ich, stets von ruhiger Natur, schrie so laut und zornig auf und diskutierte kampfbereit mit dem Beamten, dass sich alle anwesenden Menschen des Flughafens nach mir umdrehten. Als es dem Beamten zu peinlich wurde, durfte Herro mit mir die Signaltür passieren.

Mein Freund, der junge Reiseleiter, das Ehepaar aus Duisburg und noch unbekannte Hundefreunde eilten auf uns zu.

"So beruhige dich doch", flehte mein Freund.

"Aber er wollte, dass Herro durch das Röntgengerät geht ...", zeterte ich aufgebracht. "Er hätte Rauschgift im Bauch!"

"So ein Quatsch!", sagten die anwesenden Menschen, doch der junge Reiseleiter betonte, dass wohl so schon oft Rauschgift außer Landes geschmuggelt worden war. Die Hunde verendeten, doch das Rauschgift befand sich dort, wo die Schmuggler es hinbringen wollten.

"Mein Gott, der Hektor iis‘ ja wirklich hier!", rief der Duisburger aufgeregt, doch Herro drückte sich nur an mein Bein, von seinem Namen Hektor wollte er nun nichts mehr wissen. Die ungewohnte Umgebung, der fast körperlich sichtbare Stress der in der Wartehalle stand, verunsicherte ihn, doch in meiner Nähe blieb er ruhig. Wieder und wieder war ich über sein unerschütterliches Vertrauen in mich gerührt.

Nun tranken wir alle einen Kaffee zusammen. Herro verband die Duisburger mit dem türkischen Reiseleiter, einem unbekannten Hundefreund, der lästige Tipps gab und meinem Freund und mir.

"Warum ist es eigentlich dieser Hund?", fragte der junge türkische Reiseleiter plötzlich. "Er ist ja nun wirklich keine Schönheit. Es gibt doch so viele schönere Hunde, auch am Strand ..."

"Für dich vielleicht", lächelte ich stolz, "für mich ist er der schönste Hund der Welt!"

Die Leute in der Runde nickten. "Und die kahle Stelle findest du auch schön?", fragte der Türke weiter.

"Sie sagt mir, wie viel MEIN Hund erleiden musste und eigentlich sehe ich die Stelle nicht mehr. Außerdem macht sie Herro zu etwas Einzigartigen. Kein anderer Hund hat das, was er hat - und schon gar nicht so weise melancholische Augen wie er", lächelte ich und streichelte ihn zärtlich.

"Mensch Hektor, was has‘ du dir da für ein feines Frauchen ausgesucht!", grölte der Duisburger anerkennungsvoll.

 

Mein Freund und der Türke bauten Herros eindrucksvolle Flugbox auf, was einige Menschen neugierig ansammelte. Währenddessen gab ich dem Hund die gelben Schlaftabletten, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte.

"Nein, Tabletten ...", murmelte der junge Türke neidisch, der mich nun mit viel freundlicherem Blick als am Anfang musterte. Mein konsequente Art wie ich mich in seinen Augen für den für ihn hässlichen Streuner einsetzte, imponierte ihm. "Tabletten und eine Ausreise nach Deutschland ohne Visum, was hat der Hund für ein Glück!"  Was im Scherz gesprochen wurde, enthielt auch ein Stück Wahrheit, dass fühlte ich.

 

Als es an der Zeit war die Hundebox aufzugeben, stand Herro auf wackeligen Füßen. Beruhigt stellte ich fest, dass das Medikament seine erste Wirkung zeigte. Ich polsterten die Box mit Handtüchern und Bettzeug aus, dann schob ich Herro liebevoll in die Box und streichelte ihn beruhigend. 

"Es muss sein, es geht nicht anders!", sagte ich, mich zugleich selber tröstend. In meinen Augen standen schon wieder Tränen, als ich die Tür der Box fest verriegelte. Nun starrte Herro mich zum ersten Mal panisch an und als mein Freund die Box zum Wiegen auf das Gepäckband schob, flehte er mit entsetztem Blick hinaus. Mit letzter Kraft hob er die Pfote und kratzte an der Tür, doch das Schlafmittel wirkte bereits und er sank auf den gepolsterten Grund der Box zurück.  Herros Ausreise aus der Türkei kostete nur knapp 150 DM, doch eigentlich bekam ich das kaum mit.

"Ist gut, ist alles gut!", sagte ich flehentlich, während der junge Türke auf den von dem Bodenpersonal geklebten Aufkleber der Box starrte.

"Moment!", rief er plötzlich mit scharfer Stimme. "STOP!!" Das Fließband wurde angehalten, was Herro schon davon zerren wollte. "Nein, der Hund fliegt nach Düsseldorf und nicht nach Frankfurt! Der Aufkleber ist falsch, ändern Sie das sofort", rief er, natürlich auf türkisch, übersetzte es uns aber sofort. Schnell wurde der falsche Aufkleber entfernt und durch Düsseldorf korrigiert.

Mir stockte der Atem, und ich wäre dem Türken am liebsten um den Hals gefallen, denn er hatte Herros Reiseziel gesichert. Was für ein schrecklicher Gedanke. Während wir in Düsseldorf auf Herros Box gewartet hätten, wäre Herro nach Frankfurt geflogen worden. Herrenlos hätte die Hundebox auf dem Frankfurter Flughafen gestanden ... Ich konnte und wollte mir das Bild  nicht vorstellen, tat es aber doch.

 

Nun wurde Herro mit den Koffern davongefahren. Ich erhaschte noch einem kurzem Blick von ihm, dann war er fort und ich starb wieder tausend Tode der Angst um ihn.

Wir verabschiedeten uns dankend von dem äußerst cleveren und mitdenkenden jungen Türken und schritten den Weg der normal abreisenden Touristen.

Erst später, als wir mit einem Bus zu unserem Flugzeug der Sun Express gefahren wurden, sah ich Herros Flugbox aus der Ferne. Sie wurde mit einem dachlosen Fahrzeug holpernd angefahren. Sofort rannte ich darauf zu, ohne an irgend etwas zu denken. Hinter mir rannten zwei mit Maschinengewehren bewaffnete Söldner und dahinter mein Freund, der ob meines Verhalten langsam ebenfalls die Nerven verlor. Die Tatsache, das in dieser Nacht zwei Mal Maschinengewehre auf mich gerichtet waren, kommt mir im Nachhinein sehr verwirrend vor. 

Erst als ich die Hundebox erreichte und Herro darin schlafend vorfand, erreichten auch die Flughafensoldaten mich, dicht gefolgt von meinem Freund. Die Männer zeigten auf das Flugzeug, ich zeigte auf den Hund und mein Freund führte mich zum Flugzeug zurück. Als ich im Flugzeug saß und gedankenverloren aus dem kleinen runden Fenster starrte, sah ich plötzlich wie die Hundebox als letztes nach den Koffern in den Flugzeugbauch befördert wurde. Es war, als wollte mich irgendwer beruhigen, denn ich stand so furchtbar unter Strom. Allein die Tatsache, dass Herro eigentlich schon für Frankfurt eingecheckt gewesen war, hatte meinen Nerven den Rest gegeben. So aber durfte ich sehen, dass Herro sich wirklich im selben Flugzeug befand. Eine unglaubliche Erleichterung machte sich in mir breit.

"Sieh, sieh nur!", rief ich aufgeregt. Herro befand sich im Flugzeug und ich hatte mit ansehen dürfen, dass es so war. Nun lehnte ich sich entspannt in den Sitz und atmete tief durch. Da rannen Tränen der Erleichterung über meine Wangen. Ich schluchzte auf, drückte mich noch tiefer in meinen Sitz und fühlte die Anspannung und die Qual der letzten Wochen in mir aufsteigen und dann von mir abfallen. Herro befand sich im Flugzeug auf dem Weg nach Düsseldorf!

Als das Flugzeug mit der kostbarsten Ladung, den türkischen Boden verließ befand ich mich in einem wunderbaren Rausch des Glücks.

 

Dreieinhalb Stunden später landeten wir in Düsseldorf und einige Zeit später konnten wir am Gepäckband die Koffer in Empfang nehmen. Voller Unruhe warte ich auf Herro und als sich in der Gepäckhalle eine Seitentür öffnete und die Box in die Halle geschoben wurde, hetzte ich darauf zu. 

Herro schlief selig. Als ich die Tür öffnete, öffnete er mit verschlafenem Blick die Augen und wedelte freudig. Er schien den ganzen Flug verschlafen zu haben und war noch immer durch das Medikament betäubt. Vielleicht habe ich ihn einwenig zu hoch dosiert, dachte ich, doch so hatte er wenigstens nicht die schreckliche Zeit im Frachtraum des Flugzeugs mitbekommen. Nachdem ich ihn angeleint hatte, kletterte er mühsam aus der Box und ich trug ihn, während mein Freund sich mit den sperrigen Gepäckstücken samt Hundeflugbox abmühte.

Um genau 9.00 Uhr betrat so der türkische Streuner deutschen Boden und sein alptraumhaftes Leben als herrenloser Strandhund von Alanya war für immer beendet. "Nie wieder wird dich jemand schlagen oder mit Steinen bewerfen, mit heißen Öl übergießen oder mit Motorädern über den Strand jagen!", schwor ich dem betäubten Herro. 

Am Zoll wollte niemand Herros Papiere sehen, obwohl sie der türkische Tierarzt in Alanya, Erseu Kenaz, ordnungsgemäß vorbereitet hatte. Alle nickten mir freundlich zu und zeigten wohlwollend bis begeistert auf den großen schwarzen Hund in meinen Armen, der doch, obwohl er sehr mager , gar nicht so leicht war. Wir suchten uns ein Großraumtaxi und als ich schließlich mit Herro auf dem Schoß auf der Rückbank desselben saß, klopfte es laut an mein Fenster. Der Duisburger stand keuchend vor dem Taxi, winkte und zeigte dann seinen Daumen gedrückt nach oben. Sein Gesicht strahlte über beide Ohren und ich lächelte ihm glücklich zu. Eine dicke Träne aus meinen Augen tropfte auf Herros schwarzes Fell, denn mir wurde bewusst, das sich MEIN Hund wirklich in Düsseldorf befand. Er lag in meinen Arm gedrückt und war wirklich hier.

 

Wir fuhren zu meiner Bilker Wohnung und ich trug ihn die vielen Stufen keuchend hinauf, um ihn oben angekommen auf mein gutes schwarzes Sofa zu legen, was ab dem Moment sein Sofa wurde. Hier wurde er nach einiger Zeit wach. Mit wackeligen Schritt lief er suchend in die Küche, wo er den größten Bach seines Lebens auf vier Beinen hinterließ. Es war das einzige Mal in seinem Leben, dass Herro in die Wohnung machen sollte und ich wischte alles wortlos weg. Ich war so unendlich glücklich und Herro strahlte mich verwirrt an, wedelte und drückte sich an mich. Wo er war, das verstand er nicht, doch wenn ich da war, war ja alles richtig so.

Als er einen riesigen Napf mit Hundefutter gefüllt vor die Nase gestellt bekam, fraß er ihn gierig auf. Alles erschien ihm unbegreiflich. Alles war neu, aber doch so gut.

 

Sein erster Spaziergang verlief Seite an Seite mit mir an der Düssel entlang in den Volksgarten, der mit weitläufigen Wiesen, Sträuchern und Bäumen ein echtes Hundeparadies war. Alles roch anderes und war anders, nur ich an seiner Seite sagte ihm, das alles so richtig war, wie es war. Obwohl er noch leicht wackelig auf den Beinen war, sprang er an mir hoch und sah voller Liebe in mein Augen und grunzte, wie immer, wenn er glücklich war. Ich drückte ihn an mich und streichelte ihn.

"Du bist nun Zuhause, Herro. Du bist mein Herro und ich bin deine Ina. Für alle Zeiten wird das so sein und ich werde dafür sorgen das du glücklich bist. Nie wieder sollst du Angst vor dem nächsten Tag oder Hunger haben. Nie wieder sollst du verstoßen oder getreten werden. Sei herzlich willkommen, geliebter Hund!"

Herro leckte mein Gesicht und grunzte noch einmal. Ich begann still zu weinen, soviel Glück und Dankbarkeit waren in mir. Weder er noch ich hätten in diesem Moment glücklicher sein können.

 

Ina Erwien, so geschehen im Jahre 1995

Für meinen geliebten Herro, der nun bald neun Jahre an meiner Seite lebt.