Geschichten mit und über Herro ...

Abschied von Herro 

Der unglaublich grausame letzte Morgen war strahlend schön. Schon früh stand ich auf obwohl ich kaum geschlafen hatte und ja erst nach 4 Uhr nachts im Bett gewesen war, eilte herunter wo Herro schon auf mich wartete und kaufte ihm als erstes eine dicke Wurst und fütterte ihn. Ich war die letzten Tage nicht mehr zum Essen gegangen und eilte auch heute nur mit Herro zum Strand. 

 

Der Tag war wundervoll. Ich wanderte mit dem Hund durch Alanya, ganz in mich gekehrt und dann die ganze lange Bucht entlang, immer weiter und Herro begleitet mich. Ich wollte nie wieder zurück, nur weiter, immer weiter ... Immer wieder eilte Herro auf am Strand sich sonnenden Touristen zu, um sie anzubetteln, und ich rief ihn nicht zurück. Ich sah wie selbständig er dabei vor ging und wusste, dass ich nicht das Recht hatte, ihn davon abzuhalten, sein Leben hier auch heute zu führen. Ich konnte nur beobachten, wie er sein Leben lebte, um schließlich festzustellen, das er nach seiner bestimmten Art Touristen anzubetteln, immer wieder den gewünschten Erfolg bekam: etwas zu Fressen. 

Nach der verrichteten Bettelarbeit, die er perfekt beherrschte, kam er freudig erregt zu mir zurück um mir zu sagen, dass wir zusammen gehörten. Ganz offensichtlich freute er sich, dass ich auf ihn wartete, bis er wieder zu mir kam. Alles geschah sehr selbstverständlich. Wir verstanden uns ohne Worte.

 

Gemeinsam schritten wir am Meer entlang, weiter und weiter. Er ging neben mir, lief vor und sah sich nach mir um oder kam zu mir, um mich anzustupsen. Unterwegs kaufte ich ihm immer wieder etwas zu essen und erfreute mich an seinen glücklichen goldenen Augen, die soviel Liebe ausstrahlten. Wie glücklich waren wir miteinander!

 

Wir kamen, nachdem wir das Stadtgebiet endgültig hinter uns gelassen hatten, an ein Flussmündungsgebiet, wo es mir plötzlich Angst und bange wurde. Überall lagen Hundeleichen herum, entsetzt wich ich zurück. Die toten Hunde waren zum Teil verwest, zum Teil aber erst vor kurzer Zeit gestorben. Was war hier geschehen? Was hatten die Menschen den Hunden angetan? Mir grauste es um Herro.

Voller Entsetzten und schweren Herzens traten wir nun den Rückweg an. Wir waren schon Stunden unterwegs, doch ich hatte mich einfach nicht aufraffen können, umzukehren, denn dies bedeutete das Ende meines Zusammenseins mit Herro! Ich wollte und konnte nicht mehr nachdenken, ich wollte einfach den letzten Tag meines Lebens mit Herro genießen, denn schon morgen würde ich ihn für immer verlieren, diesen wunderbaren Hund.

 

Auf dem Rückweg belästigte mich wieder zwei Türken, die, nachdem Herro mich gegenüber ihnen siegreich verteidigt hatte: "Sex with dogs!", riefen. Ich glaube ich habe in dieser Woche niemals zuvor so viele geistig minderbemittelte Männer getroffen.

Auf was für kranke Gedanken manche Türken kamen, und doch waren sie ja eifersüchtig auf den Hund, der scheinbar eine Eroberung gemacht hatte, die sie nicht machen konnten. Was aber würden sie mit Herro tun, wenn sie auf Herro treffen würden, wenn ich nicht mehr hier war? Herro würde allein und ungeschützt sein, ich ertrug den Gedanken nicht.

 

Auf dem Rückweg kamen ich an Kasims Restaurant, das Lila Restaurant, vorbei. Ich hatte diesen Türken in jener Woche kennen gelernt und er gehörte nicht zu denjenigen, die ich gerade eben beschrieben habe. Er war ein feiner ehrenwerter Mann, der sich aber leider einwenig Hoffnung auf mich gemacht hatte. Auch ihm war ein Hund zuvorgekommen ...

Ich bat ihn Herro zu füttern und ließ ihn hundertfünfzig Mark da. Von den Kellnern wusste ich, dass das einem Monatsgehalt eines einfachen Angestellten entsprach.

"Herro, immer nur Herro. Morgen wirst du weg sein und du denkst nur an Herro!", sagte er traurig, doch seine Traurigkeit war eine andere als meine. Mein Herz war zerbrochen und einsam und hatte kein Verständnis für Kasims Schmerz.

"Wirst du ihn füttern, bitte!", flehte ich ihn an.

Er sagte es ihr zu und ich gab mich zufrieden. 

 

Die Uhr tickte schnell und unaufhaltsam. Es wurde Abend, es wurde Nacht. Ich blieb die halbe Nacht mit Herro am Strand, eng aneinandergekuschelt. Wieder waren viele Hunde dort, so wie in der letzten Sternennacht. Da war der braune Terrier mit dem verstümmelten Schwanz und Ohren, die tragende hübsche Colliemischlingshündin, die ich für mich Eische getauft hatte und mit der Herro Nacht für Nacht aneinander gekuschelt schlief. Um sie hatte sich eine Rentnerin gekümmert, doch sie konnte ihr Elend auch nicht mindern. Waren es gar Herros Babys, die sie bald zur Welt bringen würde? 

Weiteres war hier ein riesiger Kangalrüde, der lahmte und verkrüppelt war, die schwarzbraune Hündin, die so hübsch war, eine silbergraue Schäferhündin mit grünen Augen, eine weiße sehr magere Hündin mit großen Stehohren, die ein vernarbtes Einschußloch am Bauch hatte, viele schöne Hunde ohne Zukunft. Da war die große Hündin die mit ihnen den Burgberg hinauf gelaufen war und noch ein Schäferhundmischling, ein Rüde, braun und kleiner als ein reinrassiger Schäferhund. Sie alle saßen mit Herro und mir schweigend am Meer und sahen auf die Brandung, grau und groß. Das Meer rauschte und die riesigen Wellen brachen sich am Strand. Mein Herz blutete. Umgeben von den vielen Hunden saß Herro dicht an mich gedrückt da und die Zeit stand still. Sein Herzschlag und meine Wärme waren unser Herzschlag und unsere Wärme. Morgen, Morgen, Morgen ...

 

Und der Morgen kam unaufhaltsam. Um zwölf Uhr ging der Bus zum Flughafen und ich gab meinen Koffer schon früh an der Rezeption ab und saß mit Herro am Strand, solange, wie es nur irgend ging. Es war ein grauer Tag, so grau wie meine verzweifelten Gefühle. Mir war übel, alles war sinnlos und tat weh. Kein klarer Gedanke kam in meinen Kopf.

Irgendwann kam Kasim auf mich zu. Auch er sah traurig aus, so unendlich traurig, dass es mich noch trauriger machte. Nun, er hatte nicht das bekommen, was er wollte. Ein Hund war ihm zuvorgekommen, doch dieser Hund würde ihn mit mir verbinden. Er würde ihn füttern und ich würde ihn anrufen, und fragen, ob es Herro gut ging, ob er noch lebte ...

Ich hielt Herro im Arm und rang nach meiner Fassung, die ich verloren zu haben schien. Die Zeit tickte, unaufhaltsam. Es ist sehr merkwürdig mit der Zeit. Es gibt Momente, da vergehen Sekunden wie Stunden. Jetzt und hier verging eine Stunde wie ein Atemzug.

Kurz vor zwölf ging ich zum Hotel zurück. Nun würde gleich der Bus da sein, es gab kein Zurück. Ich holte meinen Koffer. Vorbei! Und Herro blieb hier?!

 

Ich ging ein letztes Mal zu dem schwarzen Streuner mit den goldnen Augen, doch der war wie versteinert. Wusste er, dass bald ein Bus kommen würde, um mich für immer von ihm zu entreißen? Ja, wusste er es? Wie oft hatte er es mitgemacht? Ich schluckte.

Irgendetwas war falsch, war nicht richtig!

Ich verabschiedete mich von Kasim, und sah aber doch nur Herro vor mir. 

Kasim musste auf Herro aufpassen, er musste, er musste ...

 

Herro war starr und steif, verzweifelt sah er mich aus seinen goldnen Augen an. Als der Bus kam, weinte er wie ein Kind, wimmerte unnatürlich verzerrt, doch er kam nicht näher. Er starrte nur entsetzt und panisch auf mich und den Bus, sah zu, wie sie einstieg, rührte sich nicht und wimmerte.

Nein, schrie es in mir, nein, nein. Er wusste was geschehen würde!

Doch ich stieg in den Bus und der fuhr mit mir davon. 

Nein, nein, nein!!!! Aus! Vorbei!

 

 

Ina Erwien, so geschehen im Jahre 1995

Für meinen geliebten Herro, der nun bald neun Jahre an meiner Seite lebt.