Hundegeschichten aus Katalonien

Zwei gebrochene Herzen

An dem Tag, als Ful in einem Park von Manresa von seinen Menschen ausgesetzt wurde und sein kleines Hundeherz zerbrach, brach das Herz von Sabine, einer Frau im tausendfünfhundert Kilometer Düsseldorf. Ihr über alles geliebter Hund Wotan musste mit seinen elf Jahren nach kurzer aber schwerer Krankheit eingeschläfert werden. Wotan war für die alleinstehende Sabine alles, sie teilte ihr Leben mit dem riesigen dickköpfigen Schäferhundmischling und durch den Tod Wotans, hatte ihr Leben ein tiefes schmerzendes Loch erhalten.

Ful dagegen irrte an jenem Tag hungrig und einsam durch den Park. Er wusste nichts von Sabines großem Schmerz und Sabine wusste nichts von dem verzweifelten Schäferhundwelpen, dem nichts mehr auf der Welt geblieben war. Menschen beobachteten den Welpen mehrere Tage lang, dann erbarmte sich ein tierlieber Mann und brachte den jungen Hund in das Tierheim Manresa. Es war der Samstag als Sabine Wotans Urne zurückbekam und sie unter Tränen an den Platz stellte, an dem Wotan immer so gerne gesessen hatte, um nach draußen zu schauen. Sowohl die Frau als der junge Hund waren unendlich traurig.

Der Welpe war vielleicht zwölf Wochen alt. Er hatte schwarzes dickes Fell, eine hellbraune Brust, einen hellen Bauch und ein wunderschönes schwarzbraunes Köpfchen, indem helle intelligente Augen schon etwas trotzig in die Welt hinaus schauten. Diese Augen waren es, die mich an Wotan erinnerten. Es war eher der Ausdruck und nicht die Farbe, es war etwas stolzes und etwas dickköpfiges, es war der Blick, der mich an Wotan immer fasziniert hatte. Nun beobachtete ich fasziniert diesen jungen Hund, der alles verloren hatte und dachte an Sabine, die in ihrem Schmerz untröstlich war. Und plötzlich wusste ich es: dieser junge Hund war das was Sabine brauchte um wieder glücklich zu sein und diese tierliebe Frau war es, die diesen Hund glücklich machen konnte. Lebten sie auch an völlig verschiedenen Orten weit entfernt, es lag an mir, sie zusammenzubringen.

In den nächsten Tagen fotografierte ich den jungen Schäferhundmischling und schickte ihn dann mit wenigen Worten zu meiner Freundin. Je mehr ich mich mit ihm beschäftigte, desto sicherer wurde ich, dass dieser Hund trotz seiner wenigen Wochen so war wie der Hund sein musste, der meine Freundin Sabine, glücklich machen konnte.

Sabine führte indes in Düsseldorf ein trauriges hundeloses Leben. Für einen Menschen, der nie hundelos war, ist das eine schmerzhafte Veränderung. Wenn man Tag für Tag mit seinem Hund seine Hunderunden dreht und diese dann wegfallen, verändert sich das Leben sehr. Es fehlt etwas ganz entscheidendes. Sabine hörte zudem Wotan noch immer hinter sich hertrotten, glaubte in merkwürdigen Momenten in denen ihre Gedanken sich von der Wirklichkeit befreiten, dass ihr Hund gleich zu ihr kommen würde um gestreichelt zu werden, dass sie ja mit ihm vor die Tür gehen musste, dass sie ja für ihn einkaufen musste, dass ... und dann fiel ihr im nächsten Gedankengang ein, dass er ja nicht mehr lebte und nie mehr zu ihr kommen würde, um gestreichelt zu werden. Immer und immer wieder schreckte sie so zusammen, immer und immer wieder musste sie sich aufs Neue bewusst machen, dass eine andere Zeit angebrochen war. Die alte Zeit war unwiderruflich vorbei und das tat weh, Tag für Tag. Sie lauschte nach seinen Geräuschen, die über zehn Jahre so vertraut geworden waren, um sie doch nicht wieder zu hören, nie wieder.

Sie ging mit ihren Hundefreunden hinaus zum Rhein, ohne Wotan, musste aber immer wieder weinen, wenn sie Wotans alte Wege und Plätze sah, und vermied es mit der Zeit. Sie verließ das Haus schließlich nur noch, um zur Arbeit zu gehen und einzukaufen. Ihre Freunde wollten ihr in ihrer Trauer helfen, denn alle waren sich einig, dass sie einen neuen Hund brauchte. Man schleppte sie zu einer Frau, die einen weißen spanischen Streuner abzugeben hatte, doch als sie den Hund sah, "funkte" es bei ihr überhaupt nicht. Auch Wotan war in ihr Leben gekommen, indem es zwischen dem dickköpfigen Hund und der Frau "gefunkt" hatte, nun "funkte" es eben nicht. Sabine wusste im Grunde ihres Herzens, dass sie irgendwann einen neuen Hund wollte, eben wenn der gröbste Schmerz über den Verlust Wotans nachgelassen hatte, Sabine wusste aber nicht wann dieser Zeitpunkt war und welcher Hund es sein sollte. Immer war sie der Meinung gewesen, dass das was geschehen sollte, auch geschehen würde und so vergrub sie sich in ihrer Trauer und versuchte ganz normal weiterzuleben, bis eines Tages jener Brief aus Manresa in ihre Wohnung flatterte. Sie freute sich, denn es war schön für sie zu hören, wie es mir, ihrer Freundin, in Spanien so ergangen ist, doch als sie dann auf die Fotos des jungen Ful starrte, die ganz überraschender Weise in ihre Hände glitten, machte es in ihrem Herz einen Stich. Sie starrte auf die Fotos, lange Zeit, las meine Worte dazu, die ich geschrieben hatte, dachte erstenmal gar nichts doch dann, als sie sich etwas beruhigt hatte, griff sie zum Telefonhörer und wählte mit zitternden Fingern die Nummer, die ich ihr aufgeschrieben hatte.

Ich weiß nicht warum ich so sicher war, doch mir war, als würde mir ein Stein vom Herzen fallen, als ich Sabines Stimme hörte. Ich hörte in mir ein "und ... und", und konnte es gar nicht abwarten, ehe sie weitersprach. Natürlich unterbrach ich sie nicht, doch dann sagte sie das wundervolle: "Und der junge Hund ... ich meine ist der noch da ..."

Sie war völlig aufgeregt und ich auch. Ja, Ful war noch da und ich erzählte ihr von ihm und ehe ich mich versah, sagte sie: "Und ich will ihn, egal was auch immer das bedeutet, ich will ihn das ist mein Hund. Ich weiß nicht warum ich so sicher bin, doch das ist mein Hund!" Ful sah einwenig so aus wie Wotan und einwenig wie Zappa, ihr erster Hund und was ich ihr von seinem Wesen beschrieb, ließ sie innerlich aufjubeln. Nun waren wir alle drei glücklich, wenn gleich Ful auch drei Wochen auf jenen Moment warten musste.

Zu Weihnachten fuhr ich nach Deutschland zurück und in meinem Auto befand sich zu meinen eigenen beiden Hund Ful, der nun Max heißen würde. Max war schon mächtig gewachsen und er würde sicherlich voll und ganz in Wotans Fußstapfen treten, im wahrsten Sinne. Nach einer aufreibenden Fahrt hielt ich nachts in Düsseldorf vor Sabines Wohnungstür und dann geschah etwas eigenartiges. Frau und Hund sahen und liebten sich, es war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Ful alias Max wich keinen Millimeter von Sabine, nahm sein Hundekörbchen so in Beschlag, als hätte er schon Jahre darin gelebt und strahlte Sabine mit endlos glücklichen Augen an. Sabine wiederum weinte vor Glück und Rührung und alles traurige viel von ihr ab.

Schon am nächsten Tag meinte sie das Gefühl zu haben, dass Max schon Jahre lang bei ihr gewesen wäre und der Hund wiederum wich auch draußen nicht von ihrer Seite, blickte sich ständig nach ihr um und zeigte ihr ganz deutlich, dass sie es war, die er wollte, sie, und niemand anderes sonst.

Und ich dachte kurz an den Moment, an dem ich Ful das erste Mal im Tierheim Manresa gesehen hatte und strahlte vor mich hin. Zwei gebrochene Herzen waren geheilt worden.

 

Ina Erwien, 2000

Und aus Ful - Max wurde ein wunderschöner großer Hund, der heute in den Düsseldorfer Rheinwiesen weite Spaziergänge genießt.