Hundegeschichten aus Katalonien

Der Jagdhund

Er war weiß und hatte einen schwarzen Fleck ums Auge. Seine Augen waren braun und sahen voller Traurigkeit aus seiner kleinen Box auf, wusste er doch nicht, was mit ihm geschehen war. Sein Körper gehorchte ihm noch nicht, sein Unterteil schmerzte und fühlte sich taub an. Seine riesigen langen Ohren hingen dementsprechend tief herab. 

Den ganzen Samstagnachmittag war er operiert worden. Seine Erinnerungen rissen ab, als er voller Jagdleidenschaft und Passion das Wildschwein gestellt hatte - wie es seine Aufgabe war. Doch das Wildschein war über ihn hergefallen, in äußerster Not, über ihn, dem besten und dem vordersten der Jagdhunde - tapfer und leidenschaftlich wie er war, wie es auch sein Herr dem Tierarzt in Solsona erzählte. Umsonst hätte er seinen besten Jagdhund nicht hergebracht. 

Er wurde operiert, viele Stunden. Man entfernte seine Hoden und auch seinen Penis, hatte das Wildschein doch alles zerbissen, was seine Männlichkeit ausmachte. Das Problem war jedoch, dass auch seine Harnleiter und das was ihm zum Wasserlassen angeboren war, nicht mehr vorhanden waren. So war ihm in aller Not ein Katheder einoperiert worden - und ein künstlicher Ausgang in seinem zerfetzten Leib, der Tropfen für Tropfen seinen Urin ablassen sollte. 

Er wusste nicht, was mit ihm geschehen war. Ergebungsvoll verbrachte er Wochen in der Tierarztpraxis, in seinem kleinen Käfig, damit er überlebte. Er überlebte auch, doch sein künstlicher Harnausgang erfüllte nicht seinen Zweck und er litt. jeden Tag wurde ihm sein Urin abgezogen, gewissenhaft - er ertrug alles, war er doch gedultsam und sanfter Natur, zweifelte er nicht an den Menschen die ihm Gutes wollten. 

Seine Herren kamen ihm besuchen, dann und wann. Sie kamen um dem jungen Tierarzt mitzuteilen, dass es doch besser sei, den Hund einzuschläfern. Sie ärgerte es jetzt, dass sie den Jagdhund in einer Welle von Blut und Gefühlen unüberlegt zu dem Tierarzt gebracht hatten - nur weil er der Beste war. Noch viel mehr schreckte sie die ernorm hohe Tierarztrechnung, die doch nun bald kommen würde. 

Der Jagdhund jedoch kämpfte und der junge Tierarzt kämpfte auch. Er dachte nicht an das Geld, er dachte an den Hund. Schließlich aber war klar, dass der tapfere Patient es überleben würde. Nach vier Operationen und vielen Wochen schaffte er es, zwar mit hängenden Riesenohren, alleine Wasser zu lassen und seinen grausamem Verletzungen zu trotzen.

Er lebte. Er konnte alleine Pipi machen, er erfreute sich seines Lebens, wurde zärtlich von den beiden Frauen der Tierarztklinik verabschiedet, als seine Herren ihn abholten. Diese waren unendlich froh - schien ihnen die Tierarztrechung doch erstaunlich gering, bei all den Wochen und Mühen. Sie würden diesen Tierarzt weiter empfehlen - bei ihren Jagdfreunden, wurden doch stets an den Jagdtagen Donnerstag, Samstag und Sonntag Hunde zerrissen ...

Dankbar nahm der Jagdhund alles an, fast so wie es gewesen war, er, der Beste der Jagdhunde: seinen Stall, die anderen Hunde, sein Leben, wie  er es kannte ... Er rollte sich auf das Stroh zusammen und wartete, so wie er immer gewartet hatte - sein Leben lang. 

Die Jagdzeit dauerte von Oktober bis Februar. Er lebte in dem schmutzigem Stall mit den anderen Hunden den Sommer über, war ihm die schwere Verletzung doch im Februar beigebracht worden. Es war ein heißer Sommer, mit vielen vielen Zecken, durstigen und hungrigen Tagen, hatten seine Herren doch nicht jeden Tag Zeit, ihm Futter zu bringen. Sein Leben, wie das der Anderen bestand aus Langeweile und Warten. Er wartete und konnte Wasser lassen, durch seinen künstlichen Harnausgang, zerfleischt wie er war. Sonst aber erwartete er nichts.

Dann aber, im Oktober, begann sie wieder - die Jagdzeit in Katalonien, an jenem Sonntag zu Mare de Déu del Pilar. Er wurde in einen viel zu kleinen Anhänger gesperrt, mit fünf anderen Jagdhunden. Als man ihn in jenem Waldgebiet freiließ, dass an diesem Tag für die Wildscheinjagd freigegeben war, hetzte er los. Voller Jagdleidenschaft streckte er sich, die Fährte in der Nase. Er war der Beste, und er starb als der Beste. Das Wildschein zerfetzte ihn, was er stellte. Mit der Jagdleidenschaft im Blut ging seine Seele dahin - und sein Körper lag zerrissen und blutig auf dem feuchten grünen nach Pilzen duftenden Waldboden.

Lebe wohl, Patient mit den langen Ohren und dem traurigem Blick.

 

Ina Erwien, 2003