Hundegeschichten

Der Hund aus Poros

Eine Hundegeschichte aus dem Sommer 1987

Mein Mann und ich verbrachten im Sommer 1987 unseren Urlaub in Athen/Griechenland. Wir unternahmen sehr viel und fuhren eines Tages mit dem Schiff auf die Insel Poros. Da wir immer sehr viel zu Fuß unternehmen und uns die kleine Insel so gut gefallen hat, haben wir spontan beschlossen dort eine Nacht im Freien zu übernachten. Wir ließen uns mit dem Taxi bis ans Ende der Hauptstraße fahren (dahinter begann Natur pur) und dann suchten wir uns eine Möglichkeit, die Nacht - weitab vom Tourismus - ungestört unter freiem Himmel zu verbringen. Während unseres Fußmarsches schloss sich uns auf einmal ein aus dem Nichts auftauchender, großer schwarz-weißer Hund an. Er verfolgte uns in sicherem Abstand. Blieben wir stehen, blieb er ebenfalls stehen und beobachtete uns. Ich liebe Tiere sehr, doch in diesem Moment wurde mir schon etwas mulmig. Ich wusste, dass es in ganz Griechenland sog. "Streunerhunde" en masse gibt und nicht alle sind auch friedlich. Aber ich dachte positiv. Gingen wir weiter, so ging auch der Hund weiter. So ging das einige Zeit. Endlich hatten wir dann eine winzige Bucht am Meer gefunden - der ideale Schlafplatz also. Wir waren ungestört und schlugen in aller Ruhe unser Nachtlager auf (nur eine Decke am Boden, denn eine Übernachtung war ja nicht geplant). Der Hund setzte sich in die Nähe eines Busches uns beobachtete uns weiter. Nach kurzer Zeit musste ich "mal um die Ecke gehen". Ich stand auf und wollte mir einen geeigneten Busch in der Nähe suchen. Als ich aufstand, stand der Hund ebenfalls auf und ging mit mir mit. Ich hatte das Gefühl, dass er auf mich aufpassen wollte. Er setzte sich in ein paar Meter Entfernung hin und wartete, bis ich fertig war. Das Gleiche machte er dann bei meinem Mann. Er ging ebenfalls mit ihm mit und passte auf ihn auf. Als wir uns dann hingelegt haben um zu schlafen, legte sich auch der Hund (in ca. 2 m Entfernung) hin.

Ich hatte innerlich schon längst eine Beziehung zu diesem Hund aufgebaut. Ich wusste nach einiger Zeit einfach, dass er uns nichts tun würde und es war für mich eine Ehre, dass er auf uns aufpasste. Woher kam er? Er sah nicht so aus, als ob er zu jemanden gehörte. Das Fell war stark verfilzt, er war klapperdürr und er hatte ganz bestimmt Flöhe, denn er musste sich ständig kratzen. Nach einiger Zeit haben wir angefangen zu frieren. Es war erstaunlicherweise viel zu kühl für eine Sommernacht. Na toll - und wir hatten kaum etwas zum Zudecken. Ich konnte vor lauter Kälte nicht mehr einschlafen. Langsam ärgerte ich mich über unsere spontane Entscheidung, einfach mal im Freien zu übernachten. Als ich so in Gedanken meinem Ärger etwas Luft machte, hörte ich auf einmal ein komisches Geräusch - als ob jemand am Boden "entlangrobben" würde. Ich öffnete die Augen und versuchte im Dunkeln das Geräusch zu orten. Als sich meine Augen einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, musste ich mir auf einmal ein lautes Lachen verkneifen. Ich sah unseren Beschützer-Hund ganz langsam auf mich "zurobben" - anscheinend war dem Ärmsten auch kalt. Als er direkt neben mir war, sah er mich kurz abwartend an und legte schließlich ganz vertraut seinen Kopf auf meinem Bauch.  Für einen Augenblick kamen mir seine Flöhe und Zecken in den Sinn - aber ich dachte mir "was soll's".

Nach ein paar Minuten wusste ich die Nähe dieses lieben Hundes zu schätzen, denn es wurde wunderbar warm und mein Frieren hielt sich von nun an in Grenzen. Der Hund merkte, dass ich ihn mochte und schmiegte sich dann ganz eng mit seinem ganzen Körper an mich. So schliefen wir eng aneinander gekuschelt ein. Mein Mann hat das dann auch mitbekommen und versuchte zwischendurch, den Hund auf seine Seite zu locken, denn ihm war mittlerweile ebenfalls kalt. Aber der Hund blieb bei mir. Im Morgengrauen erwachte ich wieder, weil mir wieder kalt war. Als ich meine Augen öffnete und "meinen" Hund suchte musste ich feststellen, dass er die Fronten gewechselt hatte. Er wanderte irgendwann in der Nacht auf die Seite meines Mannes. Jetzt hatte er es schön warm. Ich muss sagen, ein Hund mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn!


Ich war froh, als die Sonne aufging und unsere abgekühlten Körper wieder gewärmt wurden. Wir packten unsere Sachen zusammen und haben beschlossen, dem Hund beim nächsten Metzger eine Belohnung zu kaufen. Er sollte ein richtig großes Steak bekommen. Wir machten uns also auf den Weg Richtung Zivilisation. Als die ersten Häuser auftauchten, rannte unser Hund auf einmal los. Weiter vorne sahen wir den Grund: Dort waren noch mehr herrenlose Hunde. Wir lockten ihn zurück, denn wir wollten ihm ja etwas beim Metzger kaufen. Er drehte sich noch einmal zu uns um, verabschiedete sich, indem er kurz bellte und lief dann mit seinen Freunden davon.


Er hatte sich kurzzeitig von seinen Freunden getrennt, um auf uns aufzupassen. Dann ist er wieder zu seinen Freunden zurückgekehrt. Ich war sehr traurig. Ich wollte ihm mit dem Futter doch so gerne eine Freude machen.


Ich denke heute noch sehr oft an diesen einen wunderschönen Abend auf dieser Insel. Es ist jetzt ganze 17 Jahre her. Der Hund ist bereits über die Regenbogenbrücke gegangen, doch in meinem Herzen lebt er für immer weiter.

 

Maria Regler