Hundegeschichten aus Katalonien

Der Herr des Strandes

Er hatte den Eindringling genau im Visier. Klein, so unverschämt klein, erdreistete er sich sein Revier, seinen Strand zu betreten. Das tat er zwar in Begleitung einer großen blonden Frau, aber dennoch: dieser unverschämte Winzling betrat seinen Strand. So ging das ja nun wirklich nicht und schon gar nicht mit so stolz erhobener Rute und so selbstbewusstem Trippelschritt.

Er, der Herr des Strandes, die Wellen brachen sich heute besonders hoch in seiner Bucht, erhob sich mit angespannten Muskeln und begann dominant auf den Unverschämten zuzuschreiten, herrisch, überlegen, seinen Besitz deutlich als "Sein" zu beanspruchen. Jeder Schritt zeigte an, dass er nicht dulden konnte, dass der Winzling so dreist sein Revier betrat, denn ihm gehörte hier nämlich alles und es sollte dieser kleine Wurm nur wagen, seinen Besitz zu betreten, unvergessen sollte es ihm bleiben.

 

Der Winzling dagegen hatte ihn noch nicht einmal bemerkt, war er doch so winzig klein. Er, der Herr des Strandes, weiß mit dichtem Fell, kochte vor Wut, erhöhte seine Geschwindigkeit ebenso wie die bewusst erhobene Rute und nahm Kurs auf den Kleinen. Die Einzige die ihn wahrnahm, war jedoch die blonde Frau mit ihrer schwarzen Kleidung. Diese blieb zwar stehen, grinste ihn aber nur an. Der kleine Hund blieb nun auch stehen und starrte hingebungsvoll zu ihr auf, er der Herr des Strandes sah das wohl und wurde für Sekunden vorsichtig. Doch er stolzierte in seiner Imponierhaltung weiter, hob seine Rute noch höher und sträubte sein weißes Fell noch mehr. Fast hatte er den Eindringling nun erreicht. Die Frau konnte ihn auch nicht davon abhalten, sein Revier gebührend zu verteidigen. Nun hatte ihn auch der Winzling endlich wahrgenommen und starrte ihn erschrocken an, seine Rute senkte sich und er blicke unsicher von ihm zu der Frau.

Die Frau jedoch verhielt sich nicht wie die anderen fremden Menschen, die mit ihren Hunden in sein Reich eindrangen. Sie schrie nicht wie diese, tat keine merkwürdigen Dinge wie diese, sie schwang auch nicht wild ihre Strandtasche, sie tat nichts. Das aber verunsicherte den Herrn des Strandes mehr, als all die merkwürdigen Verhaltensweisen, die er nur zu gut kannte.

Die Frau wirkte nicht einmal nervös, sie beobachtete ihn nur - genau wie der kleine braune Hund. Und dann begriff er plötzlich, dass er in eine Falle geraten war. Hinter dem kleinen tat sich ein weiterer Hund auf, riesengroß und schwarz kam er lässig dahergetrabt, stockte nur kurz und erreichte den Herrn des Strandes sofort und mühelos.

 

Oh, welch ein Irrtum! Sofort senkte er seine stolz erhobene Rute auf halbe Höhe, das gesträubte Fell blieb wie es war. Der schwarze Rüde war viel großer als er, jung und stark, doch um "sein Gesicht" nicht zu verlieren, begann er nun mit gestelzten Beinen aufreizend um den Schwarzen herumzuschreiten. Seine königliche Haltung machte sofort klar, wer er war, auch wenn er sich plötzlich gar nicht mehr so unbesiegbar fühlte. Aber schließlich war er ja der Herr des Strandes - und wie ungerecht es war, ihn mit so einem daher gelaufenen Winzling hinter das Licht geführt zu haben.

Neugierig und unbeteiligt sah de Frau dem weißen und dem schwarzen Hund zu, genau wie der kleine braune Hund, der alles plötzlich sehr interessant fand. Seine Rute stand mittlerweile so hoch, dass es höher nicht ging.

 

So drei bis vier Runden umeinander hatte er dem Schwarzen bereits schon gegönnt, völlig konzentriert, denn schließlich konnte es ja jederzeit zum erbitterten Kampfangriff kommen - wenngleich der Schwarze ihn auch irgendwie nicht wirklich ernst zu nehmen schien und scheinbar gar nicht angreifen wollte -  als er plötzlich gutmütig aber sehr bestimmt von der Seite an der Schulter angestoßen wurde.

Der Herr des Strandes fuhr herum und erstarrte. Er vergaß sogar seine Imponierhaltung beizubehalten. Hinter ihm stand ein weiterer riesiger schwarzer Rüde, mit angespannten Gliedern zwar, aber zugleich mit belustigt grinsenden Gesichtsausdruck, genau wie die Frau hinter ihm. Dem Herren des Strandes blieb das Herz stehen, während sich der zweite riesige schwarze Hund gutmütig über ihn beugte und ihm seelenruhig im Nacken beschnupperte. Da konnte der Herr des Strandes nun wirklich nicht länger die Nerven bewahren. Gar nicht heldenhaft kniff er seinen Schwanz ein und galoppierte so schnell er es vermochte von dannen, unter dem neu hinzugekommenen schwarzen Hund hindurch, nur weg von den beiden, weg von der Frau, weg von dem kleinen braunen Hund.

 

Als er wahr nahm, dass ihm nicht einmal gefolgt wurde, so unwichtig war er, blieb er in Reichweite seines Zuhauses stehen und begann hemmungslos zu bellen, wütend, zornig bellte er sich seinen verletzten Stolz aus dem Leib und den zugezogenen Schreck aus den Lungen, um zugleich aus der Ferne mit anzusehen, wie die Frau die zwei riesigen schwarzen Rüden liebevoll zu sich rief, sie zärtlich drücke und dabei auch nicht vergaß, den Winzling zu streicheln.

Verächtlich nieste der Herr des Strandes noch kurz, dann drehte er sich um und schritt auf "seine" Terrasse zu. Wie man ihn hatte nur so hereinlegen können. Er setzte sich auf in Warteposition und seufzte. Hier war er nämlich wirklich der Herr und es sollte nur jemand wagen ...

 

Ina Erwien, 16.03.04

 Eine sehr nette Erinnerung an einen wundervollen Tag am Meer im März 2004 in Palafrugell mit Herro, Pedro und Ninu