Hundegeschichten aus Katalonien
 Der alte Hund

Als ich mit meinen Hunden und Oso, einem jungen schwarzen halbwüchsigen und Schäferhundmix eine nachmittägliche Wanderung am nahen Fluss des Tierheims Manresa unternahm, war es mehr als heiß. Es war Mitte Juli und meine drei Hunde stürmten fröhlich dem Wasser entgegen. Oso, mein liebster Tierheimhund, brauchte viel Aufsicht, da er sehr ängstlich war. Lachend stellte ich fest, dass er meinen jungen Rüden Pedro immer wieder zum Spielen aufforderte und sich dabei genauso verhielt, wie Pedro einst vor zwei Jahren, als er in dem Alter war.
Plötzlich aber stürmten alle drei Hunde nach vorne und ehe ich mich versah hatten sie einen uralten Beagle gestellt, der von der Situation sichtlich überfordert war. Ich beobachte den alten Hund neugierig, während mir bewusst wurde, dass man diesen alten Jungen hier ausgesetzt haben musste. Der alte Hund war durch schlechtes Fell und einen mitgenommenen Körper gezeichnet. Freudig wedelnd mich zu sehen, stapfte er steif auf mich zu und begrüßte er mich, als würde er mich kennen. Dabei übersah er die drei schwarzen Riesen einfach, die um etliches größer waren als er.
Ich streichelte ihn nachdenklich und wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Wenn ich den alten Kerl ins Tierheim brachte, würde er in die städtische Auffangstation kommen und innerhalb der nächsten Woche nach Barcelona zum Töten gebracht werden, also wäre es für ihn besser, wenn ich ihn nicht zum ...

Betreten schritt ich mit meinen Jungs erst einmal weiter, doch der alte Hund folgte mir treu und tapfer. Zwar war er nicht so schnell wie meine anderen, doch da diese immer wieder schnüffelten, spielten oder durch ein kühlendes Flussbad aufgehalten wurden, erreichte uns der alte Beagle mit einer fast penetranten Sicherheit. Nach einigen Kilometern zeichnete es sich dann doch deutlich ab, dass er der Wanderung nicht mehr stand halten würde können. Ich hatte ohnehin beschlossen umzukehren, da es auch für die anderen Hunde deutlich zu heiß wurde. Alles hechelte und die Zungen hingen rosa und lang herunter. Wir alle nahmen, natürlich ausgenommen von mir, ein weiteres erfrischendes Flussbad, dann ging es zurück.
Der Beaglerüde dagegen verweilte länger am Fluss als die anderen und wir ließen ihn zurück. Ich ermutigte meine Hunde sogar schneller zu gehen, denn was hatte der alte Hund für eine Chance in der tödlichen Auffangstation? Nun, eben keine, und ich aber sah mich gezwungen die Schicksalsmacht spielen. Deshalb eilte ich voraus, wissend, dass ich ein altes einsames Hundeherz zurücklassen würde. Dennoch lauerten meine Gedanken hinter mir und über kurz oder lang brachte ich es dann doch nicht mehr fertig, dem alten Hund davon zu laufen. Umgeben von meinen drei Hunden setzte ich mich in den Schatten eines Baumes und wartete, während ich alle ausgiebig streichelte.
Oso, der Tierheimhund, war im siebten Himmel, meine beiden Rüden beobachten den Weg und als sie ihn dann endlich entdeckten, bellten sie. Der alte Beagle sah mich, wedelte und nahm keuchend Kurs auf mich. Glücklich und erschöpft eilte er auf mich zu und begrüßte mich, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.

Meinem gebundenen Händen und seinem Schicksal ausgeliefert, folgte er mir schließlich ebenso selbstverständlich bis zum Tierheim. Er trabte neben mir durch die Tierheimpforte, ließ sich von mir begeistert Wasser geben, ehe er mir folgsam in einen leeren Zwinger der Auffangstation folgte. Ich schluckte, als er mir mit traurigen Augen nachsah, als ich ihn dort allein ließ. Nun war er mir soweit gefolgt und hatte alle Strapazen und Mühen auf sich genommen ... und ich ließ ihn allein. Seine großen braunen Augen verfolgten mich bis sie mich nicht mehr sehen konnten, dennoch folgten sie mir weiter, weiter bis ich Zuhause war, weiter auch die folgenden Tage. Nun, eine Woche würde dem alten Hund bleiben bis er städtisch entsorgt würde, doch was hätte ich tun sollen als ihm seinem Schicksal zu übergeben?

Nach Ablauf der Gnadenfristwoche telefonierte ich mit meiner Freundin Andrea, die aufgeregt wundersames berichtete:
Eine in Manresa lebende Frau hätte sich in den alten Beagle verliebt, ihn adoptiert und noch am selben Tag zu sich nach Hause genommen. Es war derselbe Tag, an dem der alte Hund entsorgt worden wäre ...

Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen und machte innerlich einen Luftsprung. Nach vielen Windungen des Lebens hatte er ein Zuhause gefunden, war also wirklich im letzten Moment gerettet worden. Das Leben war wunderbar, besonders für den alten tapferen Hund, der ausgesetzt und dem sicherem Tod geweiht, einen Mensch gefunden hatte, der zu ihm hielt und für ihn da war.

 

Ina Erwien