Hundegeschichten aus Katalonien

Der Arbeitshund

Was für eine hübsche Hündin sie war, ein Huskymischling, braun-weiß mit blauen Augen. Jeder der sie sah, bestätigte das ihrem Besitzer, der sie liebevoll überall mit hinnahm. Ohne Leine begleitete sie ihn und selbstständig schien sie die Regeln der Straße zu kennen.

 

Mit ihren mandelförmigen Augen verfolgte sie stets jede Bewegung ihres Herrn. Dieser war im Frühjahr nach Cardona gekommen, weil ihn ein Freund eine schöne Zeit und auch Arbeit versprochen hatte. Eine schöne Zeit hatten Herr und Hündin bestimmt, mit der Arbeit klappte es jedoch nicht. So saßen beide des öfteren und während den hier besonders langen Nächte in der Fira-Bar, im Stadtkern von Cardona und immer wieder fiel es auf, dass der junge Mann seine Hündin mehr als liebevoll behandelte, was ja den hiesigen Hunden aus Cardona eigentlich eher seltener passierte. Diese Hündin hatte Glück gehabt, so schien es zuerst. 

 

Die Zeit verging und parallel dazu wohl auch das vorhandene Geld in der Börse des jungen Mannes. Arbeit gab es leider noch immer nicht und sein Gesicht zeichnete das auch wieder.

Aus Barcelona war er hergekommen und mit ihm die schöne Hündin. Bei aller Unsicherheit und wohl auch Zukunftsängsten hatten sie sich wenigstens selber, so schien es, aber eines Tages lief die hübsche Hündin alleine durch die engen mittelalterlichen Gassen Cardonas - ohne Begleitung ihres Herrn.

 

Verwundert beobachteten die Menschen sie, denn sie begann an den Metzgereien mit gierigen Augen zu betteln und auch die wohlduftenden Bäckereien wurde ab sofort täglich aufgesucht. Ihren Herrn sah man nicht mehr an ihrer Seite. Eine Woche verging, bis man sich verwundert eingestand, dass er sich auch nicht mehr in der Fira-Bar aufhielt, die Hündin aus Gewohnheit aber wohl. Alleine war sie dort aber kein gerngesehener gast mehr.

 

Ab sofort sah man sie alleine durch das Städtchen streunen und wäre man sich nicht so sicher gewesen, dass da doch irgendwo ihr Herr sein musste, hätte man sie für einen Streuner halten können. Sie wurde immer dünner, ihr Körper fiel ein, ihr Fell war schmutzig und struppig. Nach drei Wochen ohne männliche und auch menschliche Begleitung, erinnerten sich die Menschen aus Cardona kaum noch mehr an den jungen Mann, die Hündin hatten sie aber täglich vor Augen. Sie begann das Missfallen der Menschen zu erregen, sie, die nun einsam, verwirrt, hungrig und mit hängenden Kopf dahertrottete. Wie anders war ihr Blick gewesen, als er noch stolz war - ihre blauen Augen - zwar noch blau - schienen nicht mehr dieselben zu sein.

 

Die Menschen fragten nun beunruhigt nach dem jungen Mann, niemand wusste wo er sich aufhielt - in Cardona jedenfalls nicht. Es gingen Beschwerden beim Ajuntamiento ein und immer öfter und heftiger wurde sie davon gejagt. Es gab aber auch Hundefreunde, die sie schon längst fütterten und eine Familie setzte sich sehr für sie ein.

 

Ein weitere Monat verging, als die Stadt beschloss: der Hund müsse weg. So überlegte die Familie nicht lange und wollte die einsame Hündin adoptieren. Dann aber, es kam alles zusammen, war er plötzlich wieder da - ihr liebevoller Herr, so als sei er niemals weg gewesen und neben ihm saß die schöne Hündin, nun wieder mit strahlenden Augen in der Fira-Bar, wo er jedem erzählte der es hören wollte, dass er fast drei Monate in Frankreich gewesen wäre - um zu arbeiten. Seine Geldbörse war wieder aufgefüllt und seine Hündin hätte es hier in Cardona sicher besser gehabt als dort. Was hätte er auch dort mit ihr anfangen sollen?

Eine lange Arbeitszeit war vorüber gegangen - für die Hündin muss sie sehr lang gewesen sein. Herr und Hündin verließen Cardona sehr bald. Die Familie die sie adoptieren wollte, blieb etwas traurig zurück.

Und sie, die Hündin? Wie mag ihr Leben weitergegangen sein?

Wie lang mochte ihre nächste Arbeitszeit geworden sein und wo mag er sie als nächstes zurückgelassen worden sein - von ihrem ach so treuen Herrn?

 

 

Ina Erwien, 2004