Alte Hunde

Für meinen alten Freund

Es tut so weh zu sehen, wenn du nicht mehr so kannst, lieber Freund. Wenn deine Bewegungen steif werden, es dir schwer fällt die Treppe hoch zu steigen. Es ist so schwer zu verstehen, das deine so wunderschönen Augen trübe werden, zuerst unmerklich, und dann doch ohne es übersehen zu können. Und es schmerzt wenn ich sehe wie du mit diesen schleichend daher kommenden Veränderungen umgehen lernst - ja wenn du vielmehr so tust, als sei alles wie es immer war. Du willst nicht, dass ich mir deinetwegen Sorgen mache und ich bin gerührt deshalb.

Ich sehe Fotos von früher an, auf denen du noch jünger warst, und deine Schnauze nicht grau. Du warst so stark und stolz. In deinen Augen lag der Schalk. Mir fällt so heftig deine Veränderung auf, weil ich dich ja Tag für Tag an meiner Seite weiß, und wenn wieder ein neues graues Haar über deinen Augen erscheint, mir es zuerst verborgen bleibt. Die Fotos zeigen dich und erinnern mich an die vielen unvergessenen Momente, Kleinigkeiten und große Dinge, die uns so verbinden und verbunden haben. Warme Gefühle steigen in mir auf - und zugleich die schleichende Angst. Ist es wirklich schon Jahre her, als wir diesen Moment, den das Foto zeigt, so erlebt haben?

Du hast mir so viel gegeben und ohne dich kann ich nie wieder sein. Ja, wie kann das Leben ohne dich weitergehen? Mir wird Angst und Bang, doch deine lieben Augen sehen mich an und ich weiß, das es nicht wahr ist, was ich denke. Du wirst immer bei mir sein, in meinem Herzen, in meinen Gedanken, in meinen Träumen wirst du mir folgen, wirst mich hüten und begeleiten. Ich werde lachen mit dir und darüber, was du einst getan hast, für mich. Ich werde stets wissen, was ich empfunden habe, als ich dich in meinen Armen hielt. Und wer weiß, vielleicht werden wir uns wiedersehen, eines Tages, wenn sich auch meine Augen trüben werden und auch ich merke, das die Lebenskraft und meine Zeit verrinnt.

Eine große Ehre wurde mir zu Teil, dich an meiner Seite haben zu dürfen. Ich danke dafür, und dir, das du was auch immer gekommen ist, du zu mir gehalten hast, oft als einziges Wesen. Im Sonnenschein wie im Sturm warst du für mich da, hast mich gestärkt, und niemals, nicht eine einzige Sekunde hast du gezweifelt. Lass dich streicheln, mein lieber Freund. Lass dir sagen wie schön deine Augen sind, wie ich es genieße dir über den Kopf zu fahren, wie ich fühle das du fühlst was ich empfinde. Lass dir danken, für alles und für noch viel mehr. Lass dir sagen, wie stolz ich auf dich bin. Jeder Moment ist kostbar, jetzt noch viel mehr und ich werde annehmen lernen, was nicht änderbar ist. Du bist mein Freund und niemand kann uns nehmen, was uns verbindet, auch nicht die Zeit. 

Du seufzt und streckst dich neben mir. Nun hebst du den Kopf und siehst mich an, ruhig und weise, voller Liebe. Du fühlst und du weißt und ich lächle dir zu.

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Ina Erwien. 2003