Erfahrungsberichte von Hunden und ihren Menschen

TORRI, der etwas andere Hund

Nach 20 Jahren Hundeerfahrung, der zukunftsnahen Verwirklichung einer eigenen Hundeschule und jeder Menge Idealismus, war es nun soweit. Ich hatte mich nach reiflicher Überlegung entschlossen einen Zweithund anzuschaffen, der möglichst aus dem Tierheim Manresa kommen sollte.

Meine sechsjährige Deutsche Schäferhündin, Aika, sollte einen Lebensgefährten bekommen, der gut zu ihr passt. Nach weiteren langen Überlegungen stand dann irgendwann fest, es sollte ein kleiner, jedoch robuster und quirliger Hund sein. Aika liebt alle Jack Russel Terrier, etwas in der Richtung wäre nicht schlecht.

Im Oktober 2002 entdeckte ich dann Torri auf der Homepage des Tierheims Manresa.

Die von Ina Erwien geschilderte Geschichte war herzzerreißend. Jedoch hat nicht nur die Geschichte, als viel mehr der Blick dieses Hundes den Ausschlag gegeben. Diese Augen können nicht lügen, dachte ich mir und eine Zeit der endlosen e-mails zwischen Ina und mir begann. Ina kümmerte sich rührend um Torri und konnte mir wertvolle Informationen zukommen lassen. Nach einigen Wochen hatte ich das Gefühl alles über Torri zu wissen. Ich fühlte mich gewappnet für das Abenteuer einen Hund, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, aufzunehmen.

Torri wurde als sehr lieb, jedoch auch sehr ängstlich beschrieben. Da er 11 Monate eingesperrt war und wohl auch misshandelt wurde, war dieses nicht verwunderlich. Besonders vor Männern sollte er starkes Angstverhalten aufweisen. Desweiteren wurde er als kinderlieb , hunde- und katzenverträglich beschrieben und er sollte keinen Jagdtrieb haben. (ich führe diese Punkte hier an dieser Stelle auf, da die spätere Entwicklung unglaubliche Gegensätze zeigt).

Keiner der genannten Punkte schien mir unüberwindlich und mit jeder e-mail habe ich mich ein Stückchen mehr in den kleinen Hund verliebt, so dass ich schließlich gemeinsam mit meinem Freund den Entschluss gefasst habe Torri bei uns aufzunehmen.

Torri kam dann in der Nacht des 23. Novembers 2002. Ich war gerade drei Tage vorher operiert worden und nicht in der besten Verfassung. Dennoch war klar, der Hund kommt in jedem Fall, ich konnte doch jetzt nicht alles verschieben.

Wir sind dann früh am Morgen nach Hückelhoven gefahren und haben Torri bei Herrn te Laak abgeholt. Als Torri dann aus dem Auto sprang und uns begrüßte als würde er uns schon lange kennen, war ich überglücklich. Er zeigte keine Spur von Angst oder Scheu auch meinem Freund gegenüber nicht.

Die nächste Hürde galt dann, Aika und Torri bekannt zu machen. Alles verlief ohne größere Probleme. Aika hat ihn kurz angebrummt, aber nach einem gemeinsamen Spaziergang durfte Torri dann mit ins Auto einsteigen und wir fuhren nach Hause.

Zu Hause wurde dann Hürde Nummer zwei, der Garten, mit Bravour gemeistert. Schließlich ließen wir beide Hunde ins Haus und ich glaube, Aika war zu verdutzt um sich darüber aufzuregen. Mir viel ein Stein vom Herzen, es gibt nämlich nur sehr wenige Hunde, die Aika im Haus duldet, obwohl sie ansonsten ein sehr verträglicher Hund ist. Torri hatte gewonnen, die beiden tollten über den Rasen und hatten Spaß. Die Rangfolge war von der ersten Sekunde an klar und Torri hat sie bis heute nie in Frage gestellt.

Als ich Torri dann das erste mal gefüttert habe, dachte ich, ich traue meinen Augen nicht. Der Hund ist komplett ausgeflippt, hat sich wie ein Kreisel ständig gedreht ist so hoch gesprungen, dass er mit in die Augen gucken konnte (er ist 33 cm hoch). Anschließend hat er ,innerhalb von 10 Sekunden seinen Napf leergefressen. Als er dann Aika beim Fressen behilflich sein wollten hat sie ihn erstmals heftig in seine Schranken verwiesen. Das konnte ja heiter werden dachte ich mir. Aika hat dann einige Tage so schnell gefressen, dass alles wieder herauskam. Wie wir dieses Problem gelöst haben, werde ich etwas später schildern.

Die erste Nacht mit Torri war total problemlos. Er hat sich auf den ihm zugewiesenen Platz gelegt und bis zum nächsten Morgen durchgeschlafen.

Kaputt gemacht hat er auch nichts, keine Mülleimer ausgeräumt ( die ich gegen Anraten von H. te Laak nicht weggestellt hatte), nach drei Tagen habe ich ihn ohne Leine laufen lassen und das Alleinebleiben war nach langsamer Steigerung auch kein Problem.

Hört sich doch alles toll an , oder? Wie bei jeder Geschichte gibt es auch hier ein ABER:

Neben den genannten positiven Aspekten gab es leider auch echte Probleme. nach zwei Wochen war ich so mit den Nerven am Ende, dass ich mich gefragt habe, ob es richtig war Torri aufzunehmen.

Es sah so aus, dass Torri mich vierzehn Stunden am Tag verfolgt hat. Er hat sich NIE hingelegt, wenn wir zwei Stunden spazieren waren und jeder normale Hund sich mal hinlegt und schläft, hat er mich weiter verfolgt. Torri ging mit in den Keller, auf’s WC, rannte einfach immer hinter mir her. Rannte hier rannte da, sprang ständig hoch (einmal stand er auf dem Küchentisch - aber nur einmal!) Man konnte ihn als hyperaktiv bezeichnen.

Immer wenn man ihm etwas abverlangte oder vielleicht ein wenig lauter sprach fing er an zu pinkeln - aus Angst. Grundsätzlich war er stubenrein, jedoch ständig pinkelte er aus Angst, bei einer schnellen Bewegung, wenn er etwas nicht durfte usw. Das Pinkeln hörte nach ca. 6 Wochen auf. Viel schlimmer war jedoch anfänglich sein Geschrei. In den ersten Tagen hat er immer geschrieen wenn man z.B. zu schnell mit der Hand von oben auf ihn herunter kam um ihn z.B. zu streicheln oder wenn man ihn festhalten wollte. Gott sei Dank hat er recht schnell gemerkt, dass ihm nun nichts mehr passiert und nach ca. 2 Wochen hat er dann überhaupt nicht mehr geschrieen. Heute passiert es noch manchmal, wenn man irgendwelche Bewegungen macht und nicht darüber nachdenkt, dass es für Torri evtl. zweideutig sein könnte. Man kann nur erahnen was diese kleine Hund erlebt hat, wenn man diese Verhaltensmuster beobachtet.

Nach ein paar Tagen fing Aika dann auf einmal an Torri zu mobben und ständig wurde er ziemlich rüde runtergeputzt. Sie war eifersüchtig, alles drehte sich um Torri, dass ging ihr auf die Nerven. Also habe ich Torri wieder ein wenig zurückgestellt und Aika bewusst stärker beachtet, gespielt etc. Auch diese Phase hat sich dann wieder gelegt.

Wie gesagt, nach den ersten 14 Tagen, war klar ich musste etwas verändern. Eigentlich sollte Torri genug Zeit bekommen sich einzuleben und dann wollte ich Schritt für Schritt mit der Erziehung beginnen. Dieses Vorhaben musste ich dann ändern und Torri bekam einen Crashkurs, denn so ging es nicht weiter. Er fing an uns auf der Nase herumzutanzen und mit seinem ach so hinreißenden Blick immer wieder zu besänftigen.

Als erstes musste er "Platz" lernen. Bei meiner Schäferhündin, habe ich dafür seinerzeit zehn Minuten und drei Kommandos gebraucht. Bei Torri habe ich 1 ½ Stunden auf dem Boden verbracht bevor er nicht mehr aufgestanden ist. (so ist das eben mit Terriermischlingen). Heute ist "Platz" ein Kommando, dass er zuverlässig befolgt. Nun hatte ich endlich die Möglichkeit ihn abzulegen und ihm somit Zwangspausen zu verschaffen. Er hat dann tatsächlich auch tagsüber mal die Augen geschlossen.

Das zweite wichtige Kommando war "Bleib" (spring nicht aus dem Auto, renn nicht in den Keller, aus der Haustür usw) Auch hier war Konsequenz alles. Es würde an dieser Stelle zu weit führen weitere Einzelheiten zu schildern, ich kann nur sagen - es war hart. Mit meiner perfekten Schäferhündin, wusste ich gar nicht mehr wie mühsam es sein kann einem Hund das kleine Einmal eins beizubringen, noch dazu einem unverkennbaren Terriersturkopf, der sein erstens Lebensjahr unter katastrophalen Bedingungen verbracht hat. Das wichtigste ist Konsequenz und noch mal Konsequenz. Das schwierige ist nur die Balance zu finden zwischen Lob und Tadel oder positiver und negativer Konditionierung, wie man ja heutzutage sagt.

Bei einem psychisch geschädigten Hund, ist es immer ein schmaler Grad den Hund nicht zu überfordern oder erneut zu verunsichern und einer konsequenten Erziehung.

Das erwähnte Fütterungsproblem hat sich mit dem Kommando "Platz" ebenfalls erledigt.

Torri muss "Platz" machen während ich das Futter zubereite. Aika bekommt selbstverständlich zuerst ihren Napf und erhält dann einen kleinen Vorsprung. Dann erst bekommt Torri das Freikommando und darf zu seinem Futternapf. Beide Hunde sind dann in etwa gleichzeitig fertig und Aika gestattet Torri, dass er ihren leeren Napf ausleckt.

Das hört sich vielleicht kompliziert an, ist es aber überhaupt nicht. Mittlerweile steht ein Automatismus dahinter, Torri legt sich hin, sobald ich das Futter heraushole und wartet bis er fressen darf.

Mit der Zeit hat Torri natürlich mehr Selbstbewusstsein und leider auch mehr Selbständigkeit entwickelt. Anfänglich blieb er beim Spazierengehen immer dicht bei mir, irgendwann wurde der Radius größer und ehe ich mich versah, wurde das erste Kaninchen und das erste Reh gejagt. Einige Wochen an der Schleppleine mit entsprechendem Training haben leider nichts gebracht. Wenn ich eine Sekunde zu spät reagiere ist er weg. Das finde ich bestimmt nicht toll, aber da meine Hunde bisher immer starken Jagdtrieb hatten, sollte es wohl so sein und ich komme damit klar. Wir werden weiter daran arbeiten dieses Problem zumindest einzuschränken.

Das Thema Ängstlichkeit beschränkt sich einzig und allein auf den Kontakt mit fremden Menschen. Trifft er auf fremde Menschen oder kommen diese zu Besuch, zeigt er extreme Angst, bellt und knurrt, zieht sich zurück und schnappt tatsächlich wenn diese versuchen ihn anzufassen. Besonders bei dicken Männern wird er leicht hysterisch. Ich kann mir aufgrund des Verhaltens in etwa vorstellen, wie sein Peiniger ausgesehen haben muss.

Wenn wir fremden Besuch bekommen, bitte ich die Leute einfach Torri nicht zu beachten.

Nach einiger Zeit beruhigt er sich dann und kommt von sich aus, oder auch nicht.

Nach einem Tierarztbesuch vor zwei Wochen hatten ihn jedoch die Erlebnisse etwas zurückgeworfen. Torri hatte eine schlimme Ohrentzündung und wir mussten ihn gewaltsam festhalten, da der Tierarzt sonst keine Chance gehabt hätten. Bei dieser Gelegenheit hat er mich vor lauter Panik erst einmal ordentlich in die Hand gebissen und ist total ausgeflippt. Bei der zweiten Behandlung haben wir ihn dann in Narkose gelegt, da ich ihm erneuten Stress ersparen wollte. Nach diesem Erlebnis war sein Misstrauen gegenüber Fremden wieder extrem und er ließ sich von keinen Fremden mehr anfassen. Sogar mein Schwiegervater (eben auch ein dicker Mann) hatte keine Chance.

Nach zwei Tagen war aber alles wieder gut und sogar der Tierarzt durfte ihn wieder anfassen, nachdem das Ohr abgeheilt war.

Da ich mit meiner Hündin Aika schon viele Jahre aktiv Agility betreibe, wollte ich natürlich wissen, ob Torri sich hierfür ebenfalls eignen würde. Seltsamerweise hatte er überhaupt keine Berührungsängste mit all den verschiedenen Geräten. Er ist ein echtes Naturtalent, hat schon sehr viel gelernt und verdutzt selbst eingefleischte Hundesportler.

Im Herbst soll er seine Begleithundprüfung ablegen, damit er im nächsten Jahr auch bei Agility Turnieren starten kann. Wer hätte das gedacht.

Zusammenfassend kann ich jetzt nach einem halben Jahr sagen, die Mühen haben sich gelohnt. Torri ist jetzt ein ausgeglichener Hund, der völlig entspannt in der Wohnung liegt.

Das Verhältnis der beiden Hunde untereinander ist sehr stabil. Aika verteidigt ihn, wenn es nötig ist, sucht ihn, wenn er sich mal wieder verkrümelt hat und weist ihn zurecht, wenn er Blödsinn angestellt hat. Trotz des enormen Größenunterschiedes können sie perfekt miteinander spielen und toben, da beide Hunde sehr grob und wild spielen.

Wenn ich Torri heute beschreiben müsste, würde ich dieses wie folgt tun:

Er ist super lieb und schmusebedürftig, extrem clever und aufgeweckt, sehr hundeverträglich, katzenunverträglich, hat extremen Jagdtrieb, sehr kinderlieb, läuft super am Fahrrad oder beim Joggen, hat einen typischen Terrier Charakter, stur und mutig, dann wieder sehr misstrauisch gegenüber fremden Menschen, ist halbwegs erzogen und ein toller Agilityhund.

Was wir sonst noch alles so mit Torri erlebt haben, sprengt den Rahmen dieser Homepage und ich könnte bald ein Buch darüber schreiben, es sind wirklich unglaubliche Geschichten dabei. Wer sich und seinen Hund in unserer Geschichte wiederfindet, wird verstehen was ich meine.

Torri ist wirklich der etwas andere Hund. Er ist anders als alle Hunde die ich bisher kennen gelernt habe. Irgendwie eine gespaltene Persönlichkeit. Er hat mein gesamtes Wissen über Hunde und Trainingsmethoden gefordert, der Erfolg zeigt mir jedoch, dass wir alles richtig gemacht haben. Ich glaube das viele Leute mit diesem kleinen, süßen Hund überfordert gewesen wären und ich bin sehr froh, dass er bei uns ist. Wir lieben ihn und nehmen ihn so wie er ist.

An dieser Stelle vielen Dank noch einmal an Ina Erwien, die Torri aus seinen schlimmen Lebensumständen befreit hat und an Heidi Straub und Heino te Laak die den Transport nach Deutschland möglich gemacht haben.

 

Sabine Skroch

email: Sabine.Skroch@t-online.de

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