Alte Hunde

Loblied auf zwei alte Knaben

Rosco und Simon

 

Beinahe dreizehn Jahre war Carlo bei meinem Mann und mir gewesen, als er im Alter von knapp 15 Jahren starb. Er war unsere große Hundeliebe und sein Tod verursachte beträchtlichen Kummer und tiefe Trauer, doch erst nach und nach wurde uns richtig bewusst, welche Lücke er in unserem jetzt "hundelose" Leben hinterlassen hatte. 
Und so erregte ein halbes Jahr später eine kleine Zeitungsanzeige sofort meine Aufmerksamkeit und Neugier: Gesucht wurde ein "Altersruhesitz" für einen ruhigen Hund aus einem Tierheim. Ich rief an und führte ein freundliches Gespräch mit Frau te Laak, die mir Roscos kurze und traurige Lebensgeschichte erzählte: Er war in jungen Jahren ins Tierheim Manresa gelangt und dort neun lange Jahre einfach "sitzengeblieben"; keiner hatte ihn bemerkt, keiner hatte ihn zu sich geholt. Jetzt war er nicht mehr jung - elf oder zwölf - und te Laaks hatten ihn mit nach Deutschland gebracht in der Hoffnung, doch noch ein Zuhause für ihn zu finden. Ja, und das lief dann auch alles wie am Schnürchen. Nachdem wir von Roscos traurigem Schicksal gehört hatten, gab es kein Halten mehr - wir mussten ihn einfach sehen. 

Sein Aussehen war uns egal, wenn er nur unsere Katzen nicht abmurksen würde, aber auf eine solche gut gepflegte Hundeschönheit waren wir nicht gefasst: von gut mittlerer Größe, mit sanften dunkelbraunen Augen und einem herrlichen dichten, goldblonden Plüschpelz (der übrigens Selbstreinigungskraft besitzt - dieser Hund wird einfach niemals schmutzig!). Das war’s dann natürlich - Liebe auf den ersten Blick sozusagen. Und wir bekamen einen wundervollen, absolut unproblematischen und sanftmütigen Hund, in den wir heute, zwei Jahre später, noch viel verliebter sind als am ersten Tag unserer Bekanntschaft. Dass sich nicht alle Tierheimbesucher um ihn gerissen haben, ist uns bis heute unverständlich; er hat wohl einfach Pech gehabt.

Ich will nicht verschweigen, dass der lange Aufenthalt im Tierheim nicht spurlos an Rosco vorübergegangen ist: er ist ein wenig schrullig. So bellt er beispielsweise niemals, obwohl er es könnte, und erträgt auch das Bellen anderer Hunde nicht. Überhaupt hat er große Angst vor fremden Hunden (egal, wie diese sich verhalten), was sich bis zu einer gelinden Panik steigern kann. Rosco versucht bei einer solchen Begegnung zügig nach Hause zu laufen - unabhängig davon, wo wir uns befinden. Er schlägt einfach die Richtung ein, die er für richtig hält und wir müssen dann manchmal ganz schön rennen, um ihn einzuholen.

Um dieser "Eigenbrötelei" etwas entgegenzuwirken, haben wir uns vor einem Jahr entschlossen, einen zweiten Hund aufzunehmen - natürlich wieder aus Manresa. Ein Blick in die entsprechende Webseite und da war er: Simon mit den kurzen Beinchen, der selbstbewussten Haltung und dem munteren Straßenhunde-Gesichtchen. Der kleine Kerl war erst kurz zuvor der Auffangstation und damit dem sicheren Tod entgangen. Auch Simon war kein junger Hüpfer mehr - ob vier oder fünf, sieben oder acht Jahre alt, das bleibt sein Geheimnis und ist ja auch nebensächlich. Wichtig ist dagegen, wie gut sich die beiden Hunde verstehen. Natürlich schmusen die gesetzten älteren Burschen nicht mehr miteinander wie zwei Welpen, aber ein Beschnuppern hier und da, ein paar Schritte, die man Seite an Seite geht, das gemeinsame Liegen auf einer Decke, all das spricht für mehr gegenseitige Sympathie als wir jemals zu hoffen gewagt hätten, zumal Simon von völlig anderem Wesen als Rosco ist: Der Kleine musste sich möglicherweise sein Leben lang auf der Straße behaupten und verfügt über Durchsetzungsvermögen und - zumindest anfangs - eine gewisse Portion unterschwelliger Aggressivität (die sich jedoch nie gegen uns oder die anderen Tiere, sondern lediglich gegen fremde Hunde und ab und zu gegen ein altes Kissen richtete). Doch unsere friedliche Menagerie (mit Rosco, der Katzenbande und dem Minischweinchen) hat auch bei Simon ihre Wirkung gezeigt. Er ist ruhiger geworden, gelassener und vertrauensvoller und fordert jeden Tag stürmisch die Zuwendung ein, die er so lange entbehren musste.

Auch Roscos Entwicklung ist offensichtlich noch keineswegs abgeschlossen. Mit viel Interesse und Freude sehen wir, wie dieser doch schon alte und vom Zwingerleben geprägte Hund sich auch nach zwei Jahren immer mehr öffnet, noch zutraulicher und - auf seine sanfte Art - immer fröhlicher wird. Seine Angst vor fremden Hunden wird Rosco nicht mehr verlieren, er wird von uns nicht mehr erzogen und braucht keine "neuen Kunststückchen‘ mehr zu lernen, sondern soll die hoffentlich noch lange Zeit, die ihm bleibt, friedlich, geliebt und in Sicherheit mit uns verleben.

Und die "Moral von der Geschichte"? Die steht natürlich schon in der Überschrift! So wunderbar es ist, einen Welpen großzuziehen und ein langes Hundeleben mit ihm zu verbringen, mindestens ebensoviel Glück bedeutet es, einem älteren Hund eine letzte Chance zu geben. Vor dem Hintergrund der geschilderten Erfahrungen plädieren wir uneingeschränkt für den "Mut zu den alten Knaben (und natürlich auch Mädchen!)", und für große Geduld mit ihren manchmal kleinen Fortschritten, denn zum einen sind die Tiere ja nicht da, um unsere Vorstellungen und Wünsche zu erfüllen und andererseits - Spaß und Freude kommen auch beim Zusammenleben mit den grauschnauzigen Hundetieren bestimmt nicht zu kurz.

 

Carola Kasperek