Pedro in Manresa

Am 29. Juni 98 besuchte ich die "tötliche" Auffangstation der Stadt Manresa und sah einen schwarzen Welpen. Noch niemals zuvor hatte ich einen so armseligen jungen Hund gesehen: voller Zecken, verhungert, schwach.

Was auch immer es war, er rührte mein Herz und meine Seele. So kam Pedro in mein Leben und das war gut so.

Pedro am 29. Juni in der Auffangstation des Tierheim Manresa - San Pedro

Als ich meiner Freundin Heidi von dem Welpen berichtete, war sie zuerst wenig erbaut. Der Tierpfleger Alfred meinte zudem, dass er der Schwächste der drei Geschwister sei, und seine Aussicht zu überleben sehr, sehr gering.

"Tu dir das nicht an, Kind!", mahnte Heidi besorgt, "ich weiß wie weh das tut, wenn die kleinen Würmchen sterben. Und sie sterben jämmerlich und qualvoll  ... aber wenn du es tust, dann weine mir nicht die Ohren voll, ich weiß wie schrecklich das ist!"

Ja, sicherlich hatte Heidi recht, aber wenn ich in die Augen des Welpen sah, wusste ich, dass ich ohnehin keine andere Wahl hatte. Das Eigenartige war, dass ich den schwarzen Welpen angesehen hatte und seinen Namen wusste: Pedro! Und noch eigenartiger war, dass heute San Pedro war, der Namenstag des Heiligen Peter oder Pedro.

"Ich möchte ihn mit nach Düsseldorf nehmen!", sagte ich bestimmt, "und wenn er mir krank wird, werde ich alles für ihn tun, dass er überlebt. Wenn er mir trotzdem stirbt, bin ich bereit den Schmerz zu ertragen:"

"Vale!", sagte Heidi und nickte, so wurde der 29. Juni ein denkwürdiger Tag in der Geschichte des kleinen Rüden, dessen Leben hier nicht viel galt. Heidi und Alfred sprachen aus Erfahrung, denn die meisten der schlecht ernährten, herrenlos und ausgesetzten Welpen starben. Zwar wurden sie geimpft und bekamen Welpenfutter, doch waren sie oftmals verhungert, voller Ungeziefer, ihre Mütter hatten wenig Milch, da sie selber halb verhungert waren und wer weiß wie viele Tage es dauerte, ehe sie in die Obhut des Tierheims gelangten. So waren sie sehr anfällig für die gefürchtete Parvo und Infektionskrankheiten.

Pedro hatte schlechte Aussichten, doch ich packte den kleinen Welpen und fuhr ihn, zusammen mit meinem Hund Herro (der mich überall hin mit begleitet) zur Tierklinik nach Manresa wo er geimpft und entwurmt wurde. Vor allem aber bekam er Papiere und seine beiden Schwestern auch, für die ich die Impfungen mit zum Tierheim nahm.

Beim Tierarzt kaufte ich auch gleich Welpenpowerkost und wieder im Tierheim, fütterte ich meinen Kleinen mit dem besten Futter, was er sicherlich jemals bekommen hatte. Er war so gierig und wurde kaum satt, nur sein kleines Schwänzchen wedelte unaufhörlich vor Freude, Wonne, Glück und purem Genuss.

Pedro war ein sehr ängstliches Hundebaby, viel ängstlicher als seine Schwestern die aussahen wie kleine Schäferhunde, braun schwarz. Wenn ich anfangs in den Zwinger kam, drangen die Schwester begeistert mir entgegen, Pedro aber wich zurück und hatte Angst. Das aber änderte sich bald.

Er wusste vom ersten Moment an, das für ihn "das Wunder" stattgefunden hatte: er hatte seinen Menschen bekommen, nur für ihn. Und war er doch noch so klein, vielleicht fünf oder sechs Wochen, so wusste er das doch ganz genau. Seit diesem Tag sah er keinen anderen Menschen mehr an (und das hat sich nie geändert), er hatte nur Augen für mich, lief hinter mir her als sei er durch unsichtbare Fäden an mich gebunden und machte schon bald lauthals Radau, wenn ihn irgendwer davon abhielt mir zu folgen.

Ich setzte mich oft mit ihm und Herro in den Schatten und sah zu, wie er entspannt schlief. Alles war wie bei meinem großen lieben Herro, nur eben in klein. Was für süße Lefzen er hatte, und wie zart die Partie seines Kopfes war. Ich konnte ihn gar nicht genug ansehen, nur manchmal kam eine schleichende Angst in mir hoch, dass Heidis Warnung sich bewahrheiten könnte.

Pedrito in Manresa

Als ich am 30. Juni zum Tierheim kam, lief mir Alfred aufgeregt entgegen.

Es gäbe einen Pedro 2, sagte er, Männer hätten ihn am Morgen ins Tierheim gebracht. Wir besichtigten das zweite Häufchen Elend und wirklich, da waren zwei Pedros, wenn ich auch sofort  meinen Kleinen erkannte. Nun überlegte ich, ob ich beide mit nach Deutschland nehmen sollte, entschied mich aber dagegen, doch schwor ich mir, wenn Yago überleben sollte, ihn später nach Düsseldorf zu holen und ihm ein neues gutes Zuhause zu suchen. Heute leben Yago und Schwester Dinna beide in Düsseldorf, die andere Schwester ist gestorben.

Als ich am Sonntag ins Tierheim kam, also eine Woche nach Pedros Ankunft, was sie krank, erbrach Schleim und hatte orangefarbenen Durchfall. Trotz Medikamente war sie am nächsten Morgen tot.

Nun hatte ich entsetzliche Angst um Pedro. Er durfte nicht sterben, er sollte doch mit Herro und mir in der Rheinauen spazieren gehen, er war so ein wundervoller kleiner Welpe ...

Pedro bekam einen Einzelzwinger, wo er jämmerlich weinte, doch es war besser für ihn. Präventiv bekam er Medikamente, doch jeden Morgen, wenn ich zum Tierheim kam, hatte ich Angst, er könne tot sein.

 

Pedro in Düsseldorf

Doch er war nicht tot sondern nur unendlich verliebt in mich (und ich in ihn), als ich ihn am Donnerstag in eine kleine Reisebox gab, um mich gegen neun Uhr morgens zusammen mit zwei anderen Manreastierheimhunden und meinem geliebten Herro auf die große Reise - zurück nach Deutschland - machte. Zuerst  erbrach er sich, dann schlief er vierzehn Stunden als Beifahrer neben mir. Er war so brav, genau wie die anderen Hunde. Nach vier Pausen und 1.480 km kamen wir nachts im Regen in Düsseldorf an, wo wir zuerst einmal spazieren gingen. Dann erlebte er die erste Nacht in meiner Wohnung. Nachdem am nächsten Tag die anderen Hunde abgeholt worden waren, war ich mit meinen beiden, dem kleinen und dem großen Schwarzen allein und sehr sehr glücklich. Ein Stück Catalunya hatte mich nach Düsseldorf begleitet, ja, mein kleiner Pedro war wirklich hier und er lebte.

Nun bekam er Futter, Liebe und alles was er wollte im Übermaß und obwohl er noch sehr jämmerlich aussah, sah ich zuversichtlich in die Zukunft! Ich würde alles tun, was ihm gut tun sollte.

Nach zwei Wochen bekam er wirklich jenen gefürchteten Durchfall, doch nachdem er am Tropf war, überwand er Fieber, Durchfall und Krankheit, er wurde gesund und wuchs, wuchs und wuchs.

Das tut er immer noch. Er ist so schlau, ganz gelehrig und weicht mir auch heute nicht von der Seite. Er ist immer da wo ich bin und lässt mich niemals aus den Augen. Er liebt jeden Hund der ihm entgegen kommt, küsst ihn und läuft dann wieder zu mir. Auch Herro wollte er immer küssen, was mir großen Kummer machte, denn Herro wollte nicht geküsst werden. Er war sehr, sehr eifersüchtig und ich sehr unglücklich. Herro war mein ein und alles und ich hatte mir geschworen, dass wenn Herro mit Pedro nicht klar kommen sollte, ich Pedro nicht behalten könne. Und so sah es aus ...

Herro fand Pedros "Küsserei" nicht so toll ...

Ich war hin und her gerissen, doch zuerst wollte ich nichts anderes, als Pedros Leben. Als dann die Zeit der Gefahr gebannt war und selbst Heidi mir per Telefon Entwarnung gab, da fand ich für Yago ein neues gutes Zuhause. Er kam per Flugzeug, doch oh Schreck, was für ein Unterschied zwischen den Brüdern. Im Tierheim war Yago kräftiger gewesen, nun war er kleiner und mager, Pedro sah einen Monat älter aus. Yago hatte übrigens zwei Stehohren, Pedro hatte ein Steh und ein Klappohr.

Als ich nun Yago zu seiner neuen und sehr guten Familie brachte, wo er sich prächtig eingelebt hat, da brach es mir das Herz bei dem Gedanken, Pedro so einfach zu neuen Leuten zu bringen. Das würde ich nicht über das Herz bringen - meinen kleinen Pedro, um den ich so gebangt hatte und der für mich stets ein Stück meines geliebten Manresa war. Nein, der Gedanke war zu schrecklich. Und obwohl ich ihn offiziell nicht halten durfte und ich alleinstehend mit zwei großen Hunden war, beschloss ich ihn zu behalten.

Dann würde ich eben umziehen müssen ... nur Herro war mein großes Problem. Doch von dem Tag da ich mich für Pedro entschloss, wurde es immer besser mit den beiden und obwohl wir alle drei noch daran arbeiten.

Pedros Leben in Düsseldorf wird spielend angegangen 

Ich bin ja so stolz auf meine beiden Schwarzen, der eine Türke, der andere Spanier, und ich bin gespannt wie es weitergeht, gespannt, ob Pedros linkes Ohr sich noch aufstellen wird, gespannt wie groß er wirklich wird, denn die Prognosen im Tierheim hat er schon längst an Größe überholt.

Ich bin so stolz, dass ich nachhaltig an der Lebensgeschichte meiner beiden beteiligt bin, denn sowohl mein geliebter Herro als auch mein "Pedrito" wären ohne mich nicht mehr am Leben und ein wichtiger Mensch in meinem Leben hat einmal gesagt: 

"Wenn man das Leben eines Menschen oder eines Tieres rettet, ist man für alle Zeit fest mit einander verbunden!"

So soll es sein.

 

Ina Erwien

Düsseldorf im Jahre 1998

 

PS. Pedro ist ein wunderschöner folgsamer Hund geworden, der Herro abgöttisch liebt und ebenso geliebt wird. Pedro schläft am liebsten auf Herros Po und Herro ist froh, dass er den Pedro hat. Als alter Hund kann er sich ganz und gar auf ihn verlassen und das genießt er. 

Heute sind sie ein Team und die besten Freunde.