Hundegeschichten aus Katalonien
 Nukas Wachhundkarriere

  

Nuka war eine Deutsche Schäferhündin, nicht ganz rasserein doch deutlich als ein solches Exemplar zu erkennen. Das war den neuen Herren wichtig, denn mit einem Deutschen Schäferhund verband man hier vor Ort viel. Er besaß das Image von Stärke und Wachsamkeit und das war Nukas neuen Besitzen besonders wichtig, als sie sorgsam aus dem Wurf an der Seite der Mutter ausgewählt wurde. Nukas weiterer Vorteil war, dass sie billig war. Für die neuen Besitzer war dies ein entscheidender Vorteil.

Die junge Hündin, die in einer Scheune, in der Obhut der Mutter gelebt hatte, begann nun ihr neues Leben. Sie wurde in den Kofferraum eines Jeeps gesperrt, wo sie jämmerlich wimmerte und dann nach Welpenart lauthals zu jammern begann. Doch was auch immer sie tat, nichts geschah, um ihre Angst zu mildern. 

In den Kurven wurde sie hin und her geschleudert, sie kratzte und keuchte. Als die Fahrt endlich ihr Ende fand, wurde sie mit einem Lachen am Halskragen emporgehoben. 

Sie wand sich und krümmte sich, doch eine andere Hand legte ihr einen Lederriemen um, der ihr fast die Luft abschnürte und der sie in Panik versetzte. Zugleich wurde sie zu Boden gesetzt, um ein schweres Gewicht an ihrem zarten Hals zu fühlen. Das war ihre Eisenkette, für einen Welpen von vier Monaten eine sehr schwere Last, die sie in den kommenden Jahren stets begleiten würde. Ob sie wollte oder nicht zwang man sie eine riesige Halle zu betreten, in der es nach Öl und Maschinen roch, eine Welt, die der jungen Hündin wie ein Alptraum vor kam. Doch sie hatte Glück, es war Sonntag und die Arbeit war für einen Tag niedergelegt. Ihr würde es zeitlebens egal sein, ob die Fensterreinigungsmaschinen, die aus diesen Hallen stammten einen weltweiten Namen hatten, oder nicht, diese Halle wurde ihre neue und einsame Heimat.

Nun hockte sich ein Mann zu ihr, legte ihr eine Decke zurecht und stellte ihr Trockenfutter vor die Nase, doch Nuka wusste vor Angst und Verzweiflung nicht was sie machen sollte und dachte gar nicht ans Fressen. Immerhin begann der Mann sie zu streicheln, redete auf sie ein und nannte sie Nuka, während ein anderer das andere Ende der Kette an eine Walzmaschine anbrachte. Nuka zitterte, war aber über die Nähe des freundlichen Menschen dankbar. Sie steckte ihr Köpfchen zwischen die Schenkel des Mannes, der darauf lachte.

"Na, da haben wir aber ein temperamentvolles Frauchen erwischt. Die weiß wo es lang geht!"

Der andere Mann lachte zustimmend, sie waren mit dem Kauf sehr zufrieden. Der alte Hund lag heute Morgen nach zwölf Jahren Wachdienst tot an Nukas jetzigen Platz und es war ihnen einfach erschienen, einen bekannten Bauern ausfindig zu machen, der Schäferhundwelpen zum Verkauf anbot.

Nuka wurde noch eine ganze Weile gekrault, bis sie sich fast beruhigte, dann ließen die Männer sie alleine. Plötzlich war es dunkel und schrecklich um sie. Sie war allein, entsetzlich allein, noch nie in ihrem Leben war sie so allein gewesen. Stets waren ihre Mutter und ihre Geschwister um sie gewesen, alles war vertraut und roch, wie es riechen musste. Hier stank alles nach Gerüchen, die ihrer Nase weh taten und die im Laufe der kommenden Jahre ihren Geruchssinn einschränken sollten. Nur wie aus weiter Ferne nahm sie unklar den Geruch eines alten Rüden wahr, doch sie konnte den Geruch ihres Vorgängerhundes nicht einordnen.

Nuka litt in der folgenden Nacht entsetzlich. Sie zerrte an der Kette, erwürgte sie fast, verstand nicht was ihr die Bewegungsfreiheit raubte und kämpfte dagegen. Zitternd gab sie nach Stunden erschöpft auf und suchte nach frischem Wasser, doch das hatte sie in ihrem Kampf umgestoßen.

Das neue Tageslicht brachte neue entsetzliche Schrecken mit sich. Auf einen Schlag wurden die Halle taghell erleuchtet, denn man hatte das Neonlicht angeknipst. Die Maschinen um sie wurden angeschmissen und alles erwachte zu einem Alptraum. Zitternd drückte sie sich auf den Boden, machte Pipi vor Angst und jammerte um ihr Leben. Plötzlich waren ganz viele Männer um sie herum, die sie mit lauten Stimmen begutachteten. Der Mann von gestern kam wieder, lachte auch, und begann sie zu streicheln. Ein anderer Mann brachte ihr Wasser und noch einer hielt ihr ein Stück Wurst hin, das sie trotz der Angst fraß, doch von dem sie später Durchfall bekam. So begann ihr tristes Leben in der Fabrik.

Es flogen die Metallspäne um sie, mit denen sie sich gleich am ersten Tag ihre samtigen Welpenpfoten blutig trat. Den ganzen Tag hämmerten die Maschinen um sie und erst am Nachmittag verlor sie ihre gröbste Angst. Später sollte sie sie zu schätzen wissen, denn noch schrecklicher als der Lärm und der Gestank war die Stille und die Einsamkeit der Nacht. Die Arbeiter waren nicht schlecht zu ihr. Dann und wann fütterten sie sie und besonders in der Zeit da sie jung und niedlich war, ließen sie sie in der Mittagspause von der Kette und tollten mit ihr vor dem Fabrikgebäude. Das waren die schönsten Momente in ihrem Leben, die aber immer seltener wurden, je älter sie wurde. Dann und wann nahm sie jemand mit der Kette nach draußen und schritt mit ihr um die Fabrik, doch ihr Auslauf war kurz und unregelmäßig, Sonntag kümmerte sich niemand um sie. Am Sonntagvormittag stellte ihr ein älterer Mann wortlos Futter und Wasser hin und Montagmorgen füllte man es auf. Manchmal allerdings kam niemand Sonntag zu ihr, dann musste sie hungern und dursten. Sie gewöhnte sich mit der Zeit an den Lärm und an den Tagesablauf, freute sich morgens riesig, wenn die Arbeiter kamen und lernte durch treue Blicke ihnen ihr Pausenbrot abzubetteln. Sie lernte mit wenig zufrieden zu sein, und das wenige als normal anzusehen, sie kannte es ja nicht anders. Ihre Erinnerungen an eine Zeit voller Wärme, Liebe und Nähe verblasste, doch die Sehnsucht nach der Nähe blieb. Die Einsamkeit war das Furchtbarste, was sie marterte. Und sie hatte keinen Menschen, der wirklich zu ihr gehörte, dem sie gehorchen und lieben konnte. So liebte sie alle Menschen und versuchte von allen Menschen einwenig Liebe zu erbetteln.

Ihr Platz lag weit in der Halle, doch in der Ferne konnte sie das Tageslicht sehen. Nachts durfte sie frei in der Halle laufen, denn ihre Aufgabe war es, das Werksgelände zu bewachen, tagsüber war sie an ihrer kurzen Kette. Sie war so kurz und die Metallschneidemaschine so nah, dass drei mal Eisenplatten auf sie herunter fielen, denen sie nicht ausweichen konnte. Sie zertrümmerten ihre Hüfte, doch niemand gab ihr einen anderen Platz. Sonntags saß sie deshalb stets im Halbdunkeln. Als ihre erste Läufigkeit einsetzte, besuchten sie plötzlich streunende Hunde. Es war ihr erster Kontakt mit anderen Hunden, seit sie ihre Mutter und ihre Geschwister verlassen hatte, doch als Folge dessen, war sie trächtig. Als es sich nicht mehr verleugnen ließ, dass sie Babys bekommen würde, schimpften und fluchten die Männer wütend. In der Werkshalle bekam sie zwei braune Welpen zur Welt, doch am nächsten Morgen wurden diese ihr entrissen und kamen nie wieder zu ihr zurück. Nun quälten sie ihre unbefriedigten Muttergefühle und die Milch in ihren Zitzen ließ ihr Gesäuge wund und schwer werden. Sie bekam Fieber und wurde krank, doch niemand nahm das zur Kenntnis. Die Männer wunderten sich nur, warum sie so ruhig war, nichts fressen wollte und sehr viel schlief.

Als es ihr wieder besser ging, nahm sie ihr altes Leben wieder auf, bis sie zur nächsten Hitze wieder trächtig wurde. Es wiederholte sich alles, Jahr für Jahr, doch niemals durfte sie ihr Babys aufziehen, niemand schützte sie vor den eindringenden Rüden, die ihre Zeit sehr gut kannten. Sie wurde in ihrer Zeit als Fabrikhund sieben Mal trächtig und sieben mal quälte sie sich mit der Zeit danach, in der sie ihre getöteten Welpen vermisste.

Es war im zweiten Jahr nach Nukas Wachhundkarriere, als ein junger dunkelhaariger Mann in der Fabrik zu arbeiten begann, der sich immer öfter zu ihr setzte und sie kraulte und mit ihr sprach. Sie freute sich stets sehr, wenn er sie besuchen kam und wartete auf ihn. Er fütterte sie selten, doch war es ihr wundervoll, wenn er sie besuchen kam und sie liebkoste. Sie jammerte ihm hinterher wenn er ging und wartete stets auf ihn. Er war ein Lichtblick in ihrem grauen Leben. Ein Jahr nach seinem Arbeitbeginn, kam ein weiterer Hund auf das Fabrikgelände, eine muskulöse Deutsche Schäferhündin, der das Leben als Kettenhund nicht so hinnahm, wie Nuka. Sie war riesig und stark, hieß Gondular, und hatte ihr leben in einer anderen Fabrik gefristet, die nun aber geschlossen worden war. Gondular war durch das hundeunwürdige Leben bösartig und hinterhältig geworden, denn im Gegensatz zu Nukas sanften Wesen hatte sich die Hündin durch unzählige Ungerechtigkeiten ganz in sich zurückgezogen und war unberechenbar geworden. In ihrer Vergangenheit hatte sie viele traurige und schmerzhafte Erlebnisse durchleben müssen. Sie war in einer anderen Halle angekettet, doch dann und wann erlaubte man Nuka mit ihr zu spielen. Mit der Zeit aber wurde sie immer grimmiger, was die Männer dazu veranlasste, sie immer mehr zu necken. Gondular reagierte immer gereizter und besonders eine Frau in der Abteilung der Geschäftsleitung empörte sich Tag für Tag mehr über sie und somit auch generell über die Hundehaltung im Fabrikgebäude. 

Im Mai, Nukas viertem Lebensjahr, ging die Frau durch Gondulars Hallenrevier und die Hündin nutzte die Gunst der Stunde. Sie lag in einem riesigen Leitungsrohr und wartete auf den Moment, da die Frau, von der sie die Abneigung deutlich spürte, nah daran vorbeiging. Da schnellte Gondular aus ihrer metallenen Röhre und biss die Frau ohne Warnung in die nagelneue Hose. Diese schrie vor Schreck und vor Angst laut auf, alle Männer kamen zusammen und lachten, genau wie Gondular, mochten auch die Männer die hochnäsige und gekünstelte Frau nicht sonderlich. Die ganze Firma war in Aufruf, alles lief zusammen, die Frau kreischte und die Männer amüsierten sich.

Als der Spaß für die Männer vorbei war, begann alles über die Hunde zu tuscheln. Nuka wurde in der Situation mit Gondular gleichgestellt und obwohl sie niemals geschnappt oder gebissen hatte, galt auch sie als gefährlich. Niemand interessiert sich dafür, warum die andere Hündin gebissen hatte, sie hatte eben gebissen.

Eine Woche wurde über die nun unmögliche Situation geredet, dann gab die Werksleitung bekannt, dass die Hunde von dem Firmengelände binnen einer Woche verschwunden sein mussten. Wenn niemand der Arbeiter sie haben wollte, würde sie eingeschläfert werden. Die Arbeiter beredeten nun eingehen die Situation, denn es gab Hundefreunde und Hundefeinde unter ihnen. Den meisten war es aber egal. 

Nuka wusste von allem nichts. Sie war wieder hochträchtig und freute sich unendlich, dass der junge dunkelhaarige Mann nun immer öfter zu ihr kam und sie voller Liebe streichelte. Es war ihr wundervoll, von ihm so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Die anderen kümmerten sich nicht mehr um sie, doch die Zuneigung dieses einen Mannes war ihr mehr als das Paradies. Sie wusste nichts von den Seelennöten des jungen Mannes, der ja den ganzen Tag hart arbeitete und keine Zeit für einen Hund hatte. Sie wusste nichts von seinem Mitleid für sie, doch fühlte sie eine nie gekannte Wärme, die ihr galt. In der Woche brachte sie ihre Welpen zur Welt, ein Welpe war tot. Sie fraß ihn auf, dann kümmerte sie sich um den lebenden Welpen, eine schwarze Hündin, die ihr zum ersten Mal nicht entrissen wurde. Nuka wusste nichts davon, dass sie entweder mit ihrem Welpen den Tod finden würde oder mit ihm leben konnte.

Doch nach dem Ende der Woche, tat sich eine ganz entscheidende Wandlung in ihrem Leben auf. Der junge Mann löste sie von der Kette, legte ihr eine Leine um, nahm ihr Baby und führte sie zu seinem Auto. Dort durfte sie zu ihrem Welpen auf den Rücksitz springen und wurde für immer von dem Ort fortgefahren, an dem sie zu vergessen gelernt hatte, was ein Hundeleben eigentlich bedeuten könnte. Sie war aufgeregt und glücklich, denn mit dem jungen Mann den sie liebte und mit ihrem Kind, was zum ersten Mal leben durfte, fuhr sie einer unbekannten Zukunft entgegen, in der sie zukünftig ihren Schwanz nicht einklemmen würde und ihre Ohren nach oben stellte: sie hatte ein Zuhause bekommen und einen Menschen.

Ab diesem Tag lebte sie tagsüber in einem Garten und schlief nachts am Bett ihres Herren, ab diesem Tag war sie ein glücklicher Hund. Nukas Wachhundekarriere war beendet, ein wirkliches Hundeleben konnte beginnen.

 

Ina Erwien, 2000