Hundegeschichten aus Katalonien

Mein geheimer Freund

Jaro

Wenn ich an seinem Grab stehe, denke ich zärtlich an ihn. Ich habe ihn Jaro genannt und kann noch immer nicht wirklich fassen, dass er nun tot ist - er, mein geheimer Freund. Ich denke oft an ihn, denke an die alte Kette mit der er an die Wand eines Stalles angekettet war. Bei Sturm oder bei Regen, bei brennender Sonne oder bei Frost. Ich denke an seine schönen sanften braunen Augen, die in seinem schwarzen Fell so wunderbar leuchteten. Er war schwarz, doch er hatte zwei weiße Vorderpfoten. Sein Schicksal hat es nicht gut mit ihm gemeint, nein, dass ist zu gelinde ausgedrückt. Es ist unfassbar, was sein Leben war, unfassbar, wie viel Qualen, Schmerzen, Krankheit, wie viel Durst, Hunger und Einsamkeit er ertragen musste, bis der Tod ihn erlöst hat. Und mir hat Jaro Liebe geschenkt und diese Liebe mir Tränen und ein wundes Herz.

       

Jaro im März 2001

Es gibt viele Gründe warum man einen Hund in sein Leben lässt. Wohl der schönste Grund ist, dass man ihn liebt und eine lebenslange Freundschaft mit ihm aufbaut.

Der Grund warum Jaro gehalten wurde, war ein anderer. Ein starker großer schwarzer Hund ist abschreckend und das ist manchem Hundebesitzer recht. Ein Gedanke was ein Hundeleben ausmachen könnte und was dann die bittere Wahrheit davon ist, diesem Gedanken stellt sich Jaros Herrn nicht.

Wie ich Jaro kennenlernte ...

Eines Tages beim Spazierengehen habe ich ihn gesehen, bin zu ihm hingegangen und habe ihn gestreichelt. Wir waren uns vom ersten Augenblick an vertraut, so, als würden wir uns schon lange kennen. Er lebt an einer 1,50 m langen Kette, die er zu dem Zeitpunkt niemals verlassen hat und bewachte einen alten Schweinestall. Er war so mager und sah mich aus treuen lieben braunen Augen an, die mir durch und durch gegangen sind. Als ich ihn am nächsten Tag mit Hundefutter aufsuchte, fiel er hungrig darüber her. In kürzester Zeit hatte er alles verschlungen und konnte sein Glück gar nicht fassen, so dankbar und ungläubig sah er mich an. Erst dann begriff ich, dass er kein Wasser hatte. Er befand sich in der prallen Sonne Kataloniens angekettet und hatte nichts zu trinken? Ich fand eine Regentonne mit Wasser in der Nähe und füllte einen alten verbeulten Kochtopf mit Wasser. Als ich ihm ihn vor die Nase stellte, stürzte er sich winselnd darüber und hat ihn ohne Pause leergetrunken. Immer wieder wimmerte er und sein Wimmern ließ mir Tränen in die Augen treten. Ich hatte daran gedacht, das er Hunger haben müsste, doch das er halb verdurstet war, dass begriff ich erst jetzt. Ich Närrin.

Jaro im März 2001 

Seit diesem Tag brachte ich ihm Futter und Wasser und der schwarze Hund wollte mich schon bald nicht mehr fortgehen lassen. Er nahm meine Hand sanft in sein Maul und hielt mich fest. Wir schmusten jeden Tag lange zusammen, doch irgendwann musste ich ja immer gehen, doch meine Gedanken blieben stets bei ihm zurück. Manchmal kam ich zwei Mal am Tag, obwohl es stets ein weiter Weg bis zu ihm war. Er war so wundervoll und zärtlich und begann mich schon bald aus ganzen Herzen zu lieben. Ich behandelte seine wunden Augen und rieb ihn mit einem Antizeckenmittel ein. Bald stellte ich fest, dass sein Halsband, ein viel zu enger Lederriemen, einfach mit einem Draht zusammengehalten wurde, der ihm unaufhörlich in seinen Hals stach. Seine Haut darunter war vereitert, haarlos und wund. Heimlich schlichen mein Freund und ich zu ihm, und während mein Freund sein Halsband richtete, ging ich das erste mal mit ihm spazieren. Jaro schwebte ihm siebten Himmel, lief mit strahlenden Augen schnuppernd umher und wollte alles zugleich aufnehmen.

Tag und Nacht grübelte ich darüber, was ich tun könne. Einen dritten Hund in mein Leben lassen? Einen starken jungen großen Rüden meinem alten herzkranken Herro vor die Nase setzten? Und doch liebte ich diesen armen wundervollen Kettenhund. Wir versuchten Kontakt zudem Besitzer aufzunehmen, doch es war schwieriger als erwartet. Er kam angeblich jeden Abend herunter zu dem Schweinestall, wo er noch etliche andere halbverhungerte Hunde, Kaninchen, Hühner und ein Wildschwein eingesperrt hatte. Ich traf ihn jedoch nie an, und die Tatsache das Jaro eben nicht immer etwas zu trinken hatte, von Futter ganz zu schweigen, sprach eben auch dafür, dass sein Herr nicht jeden Tag kam. Kam er auch nicht, ich ahnte noch nicht war für eine perverse kranke Natur sein Besitzer wirklich hatte. Ach hätte ich Jaro doch zu diesem Zeitpunkt geklaut und ihn nach Deutschland geschmuggelt, wie auch immer, ich hätte so sein Leben retten können. Ich habe es nicht getan, weil ich glaubte, ich könnte ihm auf einem offiziellen Weg helfen. Wie konnte ich aber auch ahnen, wer sein Besitzer wirklich war. Sein Besitzer, Ramon Gili, pervers, depressiv und der größte Tierquäler, den ich in meinem Leben kennen lernte. Jaros Elend begleitete mich über zwei Jahre lang, Stück für Stück ist er vor meinen Augen gestorben - und ich konnte nichts tun ...

Dann bahnte sich meine dringend notwendige Reise nach Deutschland an. Zehn Tage Jaro seinem Schicksal überlassen? Der Vater meines Freundes bot sich an ihn jeden Tag zu füttern und ihm Wasser zu geben, doch als ich am letzten Tag vor meiner Abreise zu ihm wollte um mich von ihm zu verabschieden, war er fort, seine Kette leer. Stattdessen war sein Platz über und über mit Blut bespritzt. Ich geriet in Panik und wusste sofort: etwas Schreckliches war geschehen. Zitternd lief ich den Hof ab, rief nach ihm, suchte ihn und traf ganz plötzlich auf den Mann, den ich schon so lange treffen wollte: Jaros Besitzer. Von verschiedenen Leuten hatte er schon über meine Besuche bei seinem Hund erfahren und erzählte nun, dass gestern Abend ein fremder Hund über seinen Schwarzen hergefallen sei und ihm seine Hinterpfote zerbissen hatte. Halb verblutet hätte er ihn noch in der Nacht in eine Tierklinik in die Nachbarstadt gefahren, wo er sich jetzt noch befinden würde. Gegen Abend würde er ihn wieder abholen, und ich könnte ja am späten Abend noch einmal vorbeischauen ...

Es war ein freundlicher einfacher Mann mit lieben Augen, dachte ich: wie man sich doch in einem Menschen täuschen kann, ich sollte es aber herausfinden.

Das was er sagte, entsetzte mich sehr. Später telefonierte ich in der genannten Stadt alle Tierärzte ab, doch von Jaro wusste niemand etwas. Wie auch, Jaro hat nie einen Tierarzt in seinem Leben besucht. Den ganzen Tag verbrachte ich als Nervenbündel, gegen Abend fuhren mein Freund und ich dann noch einmal ins Tal hinab. Jaro befand sich wirklich dort, diesmal angekettet in dem Stall. Er trug einen gar nicht professionellen Verband, war aber genauso glücklich mich zu sehen, wie ich ihn. Was ihm genau zugestoßen war, konnte ich nicht sehen.

Wir fragten ob wir ihn kaufen könnten, doch sein Besitzer verneinte. Er würde einen Hund den er einmal hätte nicht abgeben und dieser Hund würde ihn sehr am Herzen liegen, ha. Dennoch hatte er nichts dagegen, wenn ich mich um ihn kümmern würde. Wenn ich wieder aus Deutschland zurück wäre, dürfte ich sogar mit ihm spazieren gehen. Morgen würde er ihn wieder draußen anketten ...

Als ich nach zehn Tagen Deutschland wieder da war, befand sich Jaro noch immer in dem Stall, angekettet und viel dünner als vor meiner Abreise, da er ja von meinem Schwiegervater in dem Stall nicht gefüttert werden konnte. Über drei Wochen befand sich der arme Hund ohne medizinische Hilfe in diesem dunklen stickigen Stall angekettet. Heimlich bin ich in den Stall eingebrochen und konnte nun sehen, das seine Hinterpfote einen Kreuzschnitt hat, der bis auf den Knochen herunterklafft. Sie ist weder genäht noch behandelt worden. Jeden Tag desinfektiere ich sie nun mit Jod und nach drei Tagen habe ich nun sogar die Erlaubnis des Besitzers erhalten, offiziell in seinen Stall einzutreten, was ich ja ohnehin getan habe.

Irgendwann ging es ihm besser und eines Tages war er dann wieder vor dem Stall angekettet. Ich ging nun fast jeden Tag mit ihm spazieren und schon bald akzeptierten sich auch meine beiden Rüden und er. Das muss die schönste Zeit seines Lebens für Jaro gewesen sein! Wenn er mich von weitem gehört hatte, begann er nun wie wild zu winseln und zu schreien. Das ist auch seinem Besitzer aufgefallen.

"Der Hund liebt dich ja", hat er gesagt und ich habe nur traurig genickt und geantwortet: "Ich ihn auch!"

Jaro im März 2002

Ich habe gehofft, dass Jaro eines Tages mein Hund sein könnte, doch der Sommer kam und ging, brachte viele viele Zecken und Parasiten, die Jaro trotz Schutzmittel zu Tausenden überfielen. Ich dachte der erste Sommer sei schlimm, doch dann kam der zweite und Jaro war mehr braun von den Zecken als schwarz. Sie kochen über den Boden, an den Wänden, ja, die Mauern schienen sich bewegten, so viele waren es. Sie saugten Jaro aus, sein Fell fiel aus, war braun und stumpf. Er bekam kahle Stellen, wie auch die anderen Hunde hatte er zum Schluss Räude. Jaro war den Herbststürmen und dann dem eisig kalten Winter ausgesetzt. Über drei Wochen lag Schnee und in einer solchen bitterkalten Winternacht, verfror seine zerbissene Pfote. Sie wurde armdick, brach dann auf und war eine einzige blutende Wunde. Ich konnte ihm nicht helfen. Zwar brachte ich ihm eine Unterlage aus Stoff und Wasser und Futter, denn sein Besitzer machte sich nicht die Mühe in der ersten Woche herunter ins Tal zu gehen (fahren war ja wegen des Schnees nicht möglich). Nachts lag ich wach und dachte an ihn, verzweifelt, hilflos. Ich bot seinem Besitzer 800 DM, damit er ihn mir verkaufen solle, doch dieser sagte: "Wenn ich dich nicht haben kann, dann bekommst du ihn auch nicht! "Ja, das war’s. Dieser Scheißkerl konnte wohl nicht akzeptieren, dass ich wegen seinem Hund und nicht wegen ihm zu seinem elenden Schweinstall ging, mit der Zeit hat er sich dann eingebildet, ich wollte was von ihm. Die Sache wurde immer komplizierter. Ich habe sooft auf ihn eingeredet, doch er fing dann an von seiner Depression zu reden. Irgendwann werde ich noch mal vom Dach springen, wenn ich nicht so eine Muchacha wie dich bekomme ... Warum ist er denn nicht gesprungen, bis heute warte ich auf den Tag, doch heute nützt das Jaro auch nichts mehr.

 

... und so lebten und leben die Hunde hinter dieser Tür ...  

Nach Weihnachten brachte man ihm eine Huskyhündin mit braunen Augen, Daisy, die er nach zwei Wochen erschossen hat. Er hat sie nicht begraben, er hat sie verfaulen lassen. Im Sommer, als sie nur noch ein Klumpen As war, haben die anderen Hunde sie vor Hunger aufgefressen. Wer will es ihnen verübeln, sie waren ja selber mehr tot als lebendig. Es kam eine kleine braun-weiß-schwarze Hündin hinzu, ich habe sie Tini genannt. Sie ging von nun ab immer mit spazieren und lief mir sogar bis zur Haustür nach. Sie war nicht angekettet. Irgendwann wurde sie trächtig. Als der Kerl ihre Jungen nach der Geburt getötet hat, wurde sie scheinträchtig, bekam Räude und war eines Tages tot. Später war ein Boxer da, ein prächtiger starker Boxer, der sich mit den anderen Hunden biss, eingepfercht vergessen wurde und dann nur noch ein Gerippe war, Haut und Knochen. Er ist drei Tage nach Jaro gestorben.

Daisy im Sommer 2002, erschossen im Januar 2002

Der letzte Sommer hat dann Jaro den Rest gegeben, er hat sich nie wieder von ihm erholt. Die vielen Zecken, der Hunger, der Durst. Immer wieder bot ich seinem Besitzer Geld um mir Jaro zu überlassen, Freunde wollten das ich ihn klaue und zu ihnen nach Deutschland bringe. Doch es war ja ganz offensichtlich, wer es gewesen wäre. Mein Städtchen ist ein Dorf und jeder hier wusste, dass ich diesen Hund wollte. Ich rang mit mir, habe es aber nicht getan. Die letzten Spaziergänge mit Jaro hatte ich im November 2002.

im Frühsommer 2002

Jaro bekam Gleichgewichtsstörungen, kippte einfach um, sein einst schwarzes Fell war ein brauner strohiger Fetzten. Er hatte am ganzen Körper offene Stellen und war (trotz meinem Futter) ein Gerippe auf vier Pfoten. Ich konnte auch nicht mehr mit ihm spazieren gehen, er konnte nicht mehr, war am Ende. Ich weinte sooft, wenn ich von ihm kam. Ich konnte sein Elend nicht mehr ertragen, nicht den Gestank dieses Ortes, nicht die Qual. Sehen und nichts tun können ... Die letzten zwei Monate seines Lebens war Jaro ohne Kette. Er konnte ja ohnehin nicht mehr gehen. Er lag nur noch im Gras, er war wie querschnittsgelähmt. Es ging so nicht weiter, schließlich wollte ich ihn erlösen. Kurz vor Weihnachten habe ich eine Freundin gebeten, mir ein Schlafmittel und dann eine Todesspritze zu besorgen. Es ging aber nicht so schnell. Wenn ich zu Jaro kam, lag er nur noch und klopfte mit dem Schwanz auf den Boden. Jedes Mal dachte ich, er sei tot, wenn ich zu ihm bin, doch dann hörte ich dieses Klopfen und wusste, er lebte noch ... bis ich sein Klopfen nicht mehr hörte. Es war wie ein Schock, als ich Jaro am 3. Januar 2003 tot vor mir liegen sah. Er ist in Frieden gestorben. Es sah erleichtert aus und ich bin sicher, das der Tod im Schlaf gekommen ist. Ich brach weinend über ihm zusammen und habe seinen erstarrten Körper gestreichelt. Es ist besser, es ist besser, mein schwarzer geheimer Freund, lauf mit den Wölfen, habe ich gedacht, sei frei. Es tat doch so weh.

Drei weitere Tage ging ich zu Jaro, um zu sehen, was mit Jaro geschehen würde. Es geschah nichts. Sein perverser Besitzer hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihn zu begraben. Nein, dich fressen die anderen Hunde nicht, nicht wie Daisy, dich nicht, hatte ich ihm schon vorher versprochen und ich hielt mein Wort.

Und dann habe ich es endlich getan: ich habe seinen Körper in der Dämmerung des 6. Januars gestohlen, endlich! Ich habe ihn dort beerdigt, wo er immer so gerne mit mir war, ja, im Tod habe ich es getan.

Sein Hundeleben hieß Einsamkeit, Dunkelheit, Hunger, Durst, Hitze und Kälte, Trostlosigkeit, Schmerz und Krankheit - aber auch Liebe, denn ich habe ihn geliebt. 

Leb wohl, mein Jaro!

 

Ina Erwien, im Jahre 2003