Geschichten mit und über Herro ...

Tollwut in Düsseldorf 

Nachdem ich soviel geweint, gebangt und gehofft hatte, war es wahr geworden: Herro lebte bei mir in Düsseldorf und ich war unendlich glücklich (wie er). Für ihn muss es unvorstellbar gewesen sein: Liebe, Ruhe, er im Mittelpunkt von allem, tägliches Futter, eben alles was es braucht, einen Hund glücklich zu machen. Für mich war es unvorstellbar diesen wundervollen Hund an meiner Seite zu wissen. Ich dankte darum jeden Tag und floss dahin mit ihm. Er war viel wunderbarer als in meinen wildesten Träumen ...

Mit meinem damaligem Freund sind wir in eine hundefreundliche Wohnung in Rheinnähe gezogen und das Leben mit Herro entpuppte sich einfach nur als schön. Ein großer Traum war wahr geworden, für Herro als auch für mich. Wir unternahmen weite Wanderungen den Rhein entlang und lernten viele andere Hundebesitzer kennen. Natürlich erzählte ich stolz allen Menschen die es hören wollten Herros außergewöhnliche Geschichte. Schon bald war er DER türkische Hund aus Volmerswerth.

Und dann kam die hammerharte Nachricht. Ein türkischer Hund hatte die Tollwut nach Düsseldorf gebracht, ja schlimmer noch. Auch er stammte aus Volmerswerth und hieß Pascha, was die Menschen aber nicht interessierte. Türkische Hunde in Volmerswerth gab es ja nicht so oft ... Und ich hatte stolz allen von meinem Türken erzählt ...

Es begann so: eines Vormittages im Frühsommer 1995 führen Polizeiwagen durch Bilk, wo ich arbeitete und wo sich auch Herro befand, schließlich hat er mich schon längst an meinen Arbeitsplatz begleitet. 

"Achtung, Achtung, weichen Sie Hunden aus. Ein freilaufender tollwütiger Hund befindet sich in Düsseldorf! Achtung, Achtung ..." und so fort. Über Rundfunk, Fernsehen und allen öffentlichen Medien wurden Warnungen ausgegeben, ja ein Lokalsender hielt Life das aktuelle Geschehen fest, Streifenwagen fuhren mit Sprechbändern auf und ab. Schnell sickerte es auch durch, dass es sich um einen aus der Türkei importierten Hund handelte. Die Verbindung von unwissenden Menschen, die Herro und mich dann denunzierten, war schnell hergestellt. 

In der Mittagspause war ich noch an der Düssel entlanggegangen und Herro hatte sich mit einem freilaufenden Hund beschnuppert, den ich nicht kannte. So hörte ich dann die unglaubliche Suchmeldung im Lokalsender Düsseldorf:

"Achtung! Gesucht wird die blonde große junge Frau mit dem schwarzen großen Labradormischling, die sich zu Uhrzeit XY an der Düssel aufgehalten hatte! Meldungen können bei der örtlichen Polizei und bei dem Lokalsender gemacht werden ..."

Bumm, das saß wie ein Hammerschlag. Im Radio hatten sie auch berichtet, dass schon mehrere Hunde und Katzen unter Karantäne gesetzt worden bzw. eingeschläfert waren.  Ein Hund hatte sich mit jenem Pascha gerauft, der wohl noch immer unauffindbar war und da er keine Impfpapiere aufzuweisen hatte, war er getötet worden. Natürlich war Herro geimpft und doch war ich den Tränen nahe, begann zitternd Herro zu streicheln, der neben meinem Computer saß und sah schon die ersten Mitarbeiter ins Büro stürmen. 

"Hast du das im Radio gehört, Ina? ..." Ja hatte ich. Nun stürmten die wildesten Bilder in meinem Kopf. Herro wochenlang in Karantäne oder gar schlimmer, und wer wusste nicht alles, dass er aus der Türkei stammte ...

Mir war schlecht. Panisch saß ich da, als mein wunderbarer Chef mit einen Vorschlag machte.

"Wir sind ja eh mit dem Mediaplan durch, nimm dir doch den Rest des Nachmittags frei und verlasse Düsseldorf! Wir haben ja Freitagnachmittag"

Das taten wir dann auch, Herro und ich. Eine hilfsbereite Arbeitskollegin fuhr uns nach Hause, dort packte ich eilig ein paar Sachen ein, rief meinen Freund an und fuhr über das Wochenende zu meinen Eltern, nur weg von Düsseldorf. Es war wie eine Flucht. Von Lünen aus hielt ich dann Wache über die Geschehnisse.

Herro und ich wurden nicht wieder öffentlich gesucht und schließlich wurde auch der bedauernswerte Pascha gefangen und getötet. Eine türkische Familie hatte ihn ungeimpft mit aus der Türkei nach Deutschland gebracht.

Unsicher kehrten wir nach Düsseldorf zurück.

Alle Hunde erhielten in Düsseldorf nun drei Monate lang Leinenzwang, den ganzen Sommer. Wer sich nicht daran hielt, wurde mit hohen Geldstrafen belegt. Der Impfausweis musste nun immer mitgeführt werden und Streifenwagen fuhren unaufhörlich auf und ab. Viel schlimmer war dann die Ächtung der Mitmenschen. Man wurde beschimpft und bedroht. Zu mir sagte man in den folgenden Wochen oft: "Sie haben doch den tollwütigen türkischen Hund. Ist der denn noch nicht getötet?"

Eine Familie wurde gesucht, die Kontakt mit dem Hund hatten und nach Portugal aufgebrochen war. Viele Menschen ließen sich unnötiger Weise gegen Tollwut impfen. Es war wie im Krieg - Hundekrieg eben.

Herro hatte eine lange Laufleine bekommen und oft fuhr ich mit ihm aus Düsseldorf heraus, damit er frei laufen konnte. Mit der Zeit verlief sich dann alles im Boden. Kein weiterer Tollwutfall - wie befürchtet. Ruhe kehrte ein. Ich aber erzählte nicht mehr so ohne weiteres, dass mein Hund Türke sei. Dieses schöne Wissen behielt ich lieber für mich, denn ich habe am eigenen Leib kennen gelernt, wie schnell Menschen eine Wahrheit zur Unwahrheit verdrehen und sie gegen dich verwenden.

Ina Erwien, 2003