Geschichten mit und über Herro ...

Doppelgänger 

Schon wieder! Eine unbekannte Frau blieb stehen und lachte mich an. "Na, wir haben uns doch erst gerade getroffen." Damit ging sie weiter. Aber sie war nicht der erste Mensch in der Dortmunder Fußgängerzone, der das sagte. 

Herro und ich hatten heute meine "alte" Studienstadt Dortmund besucht und bummelten Seite an Seite über den Ostenhellweg. Für Herro waren das ganz viele neue Eindrücke und Gerüche, ich dachte an früher und blinzelte dann und wann zu altvertrauten Geschäften hin. Nur das Eine war merkwürdig, mehrer Menschen hatten behauptet, wir hätten uns gerade schon mal getroffen.

Ich wurde neugierig. Irgendetwas war sehr merkwürdig. 

Dann geschah es wieder. Ein fremder Mann lächelte mich an und fragte: "Na, wie haben Sie das denn nur gemacht? Eben waren Sie noch vor der Reinoldiekirche und jetzt sind Sie hier!"

"Wer?", fragte ich hastig, "Wer war vor der Reinoldiekirche?"

Der Mann verzog verwirrt sein Gesicht. "Na Sie und ihr schwarzer Hund!", sagte er und ging weiter. Reinoldiekirche, da musste ich also so schnell wie möglich hin! Mit beschleunigtem Schritt, Herro musste dann und wann sogar traben, eilten wir der Kirche entgegen. Es war ja eigentlich sehr merkwürdig, was ich da tat und doch war ich unruhig geworden. Wenn mich so viele Menschen angesprochen hatten und mich für jemand anderen hielten, musste ich wissen für wen. Selbst Herro wurde nun von meiner Unruhe angesteckt und hielt seinen Kopf abwartend erhoben, eine unbekannte Ursache musste sich ihm sicher bald zu erkennen geben. Nun, das tat es auch. 

Es ist eine sehr eigenartige Erfahrung, wenn man ganz plötzlich seinem Spiegelbild gegenüber steht. Herro sah sie zuerst, die schöne schwarze Hündin, die so aussah wie er. Er erkannte sie jedoch nicht als Spiegelbild sondern als eine attraktive Hündin, die ihn anzog. Ich folgte seinem Blick und blieb stehen, vollkommen überrascht. Meinem Spiegelbild ging es nicht anders. Die schwarze Hündin war jetzt ebenfalls auf Herro aufmerksam geworden und zog ebenfalls auf ihn zu. Deshalb hielt eine große, junge schlanke, blonde Frau inne und sah nach der Ursache. Und sie sah uns: Herro und mich. Verwirrt blieb sie ebenfalls stehen, dann schritten wir hastig aufeinander zu. Wir sahen uns neugierig und völlig erstaunt an, dann lachten wir aus vollsten Herzen und die Hunde begrüßten sich ebenso herzlich.

Nun, die junge Frau war etwas kleiner als ich und von Nahem hatte ihr Gesicht Ähnlichkeit mit dem meinen - aber es war eben nicht mein Gesicht - aber dennoch: wir waren beide gleich gekleidet, schwarze enge Hose, schwarzen Pullover, hatten beide mittelblondes offenes langes Haar und sogar dieselbe Frisur. Verblüfft musterten wir uns und sahen dann auf unsere Hunde. Da waren zwei Herros, Herro eben und dann die schwarze Hündin, die ebenfalls bernsteinfarbene Augen hatte, kurze Schlappohren, dasselbe schwarze Fell und - ja sogar auch eine kupierte Rute. 

"Das ist ja Wahnsinn!", lachte die junge Frau und ich nickte und erzählte ihr von den vielen Menschen, die meinten, sie hätten mich gerade schon einmal gesehen - meinen Hund und mich. Als würden wir uns schon lange kennen, plauderten wir darauf los und so erfuhr ich, dass ihre Hündin eine Mischung aus Labrador und Dobermann war. Sie hätte sie schon als Welpe zu sich genommen und leider hätten ihre Freunde ihr da schon den Schwanz abgeschnitten gehabt. Aus den Erzählungen erfuhr ich, dass sie sogar Herros Charakter hatte. Ich erzählte Herros Geschichte und nicht nur Herro und seine Doppelgängerin sondern auch wir Frauen fanden uns sehr sympathisch. Schließlich wurde uns gewahr, dass sich ein Ring Menschen um uns gebildet hatte, der uns neugierig anstarrte. Sie starrten von ihr zu mir und zu den beiden Hunden und musterten verwirrt, was sie sahen.

Wieder lachten wir und verabschiedeten uns. Seine Doppelgänger trifft man eben nicht alle Tage, aber es ist ein schönes Erlebnis, wenn sie so nett sind.

Ina Erwien, 2003