Hundegeschichten aus Katalonien
 Eine Weihnachtsgeschichte

Für Chico begann das Weihnachtsfest wundervoll. Überall waren warme Hände, die ihn streichelten, Kinder die ihn drückten und mit ihm spielten und allerlei Leckerchen, die ihm gereicht wurden. Er hatte zwar seine Mutter und seine Geschwister verlassen müssen, doch man war so lieb zu ihm, dass er sein Leid schnell vergaß und sich an seinem neuen Leben erfreute. So viel Liebe, soviel Aufmerksamkeit und Glück, Weihnachten war wunderbar.

Doch die Zeit schreitet voran und es kann nicht immer Weihnachten bleiben, blieb es auch nicht. Chico ist ein kleiner brauner spanischer Wald- und Wiesenmischling mit süßen Klappohren, hellen, klugen, lustigen Augen und einer kleinen Stummelrute. Und Chico wuchs, er ist nicht wirklich groß geworden, im Gegenteil, doch größer als man es ihm zugedacht hatte. Schon bald wurde er aus der Wohnung in den Hof verdammt, wo er aus Langeweile die Geranien zerbiss und ebenso die Spielzeuge der Kinder. Das nahm man ihm übel, auch, dass er in denselben sein Geschäft verrichtete. Spazieren geführt wurde er nie, er wurde ja immer übersehen. Eines Tages erhaschte er ein Kleidungsstück von der Wäscheleine, um es voller Freude zu zerbeißen, schließlich roch es nach seinen Menschen und spendete vermeintliche Nähe. Das wurde ihm noch mehr übel genommen. Eigentlich wurde ihm mittlerweile alles übel genommen. Seine Anwesenheit war seinen Menschen ein Dorn im Auge, alles was er tat, was falsch und lästig und da er nur weggescheucht wurde, wurde er immer lästiger, bettelte er doch um Liebe und um Vertrauen.

Er wurde angebunden, doch er zerbiss den Strick. Er machte eben alles falsch und seine Menschen ärgerten sich Tag für Tag weiter über ihn, solange bis sie beschlossen, dass er eingesperrt werden müsse. Und das wurde er. Nun lebt Chico seit über vier Monaten in einem Stall unter dem Haus. Er hat ein Sichtfenster und kann nach draußen sehen, wenn jemand an ihm vorbeigeht ohne ihn zu sehen, kann den Kindern beim Spielen zusehen, oder seinen Menschen. Er ist nun fast 11 Monate alt und das Weihnachtsfest seit fast neun Monaten vorbei. Das Weihnachtsfest. Chico hat viel Zeit sich in seinen Hundeträumen zu versenken und von den warmen Händen zu träumen und von den glücklichen Tagen seines jungen einsamen Hundelebens, von den Gerüchen und den Stimmen, von der glücklichsten Zeit seines Lebens, schließlich war es ja Weihnachten.

Ina Erwien

PS: Und manchmal, manchmal schreitet die Zeit voran und kehrt sich zum besseren. Chico heißt jetzt Torri und lebt nun in Deutschland. Wie durch ein Wunder waren seine einstigen Besitzer einsichtig. Ich durfte ihn vermitteln. Ich habe ihn, mit Hilfe des Tierheims Manresa, ein Zuhause gesucht - eben ein Wirkliches und für immer. Chico-Torri lebt nun in Rheinnähe und hat Menschen, die ihn lieben. Er macht sich ganz toll in Agilitie und braucht nun nie mehr in einen Stall wie lebendig begraben sein Dasein fristen. Sein zweites Weihnachtsfest war ganz anderes als das erste, eben viel viel besser und für immer ... und das Foto zeigt, wie Torri heute lebt ...

 

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