Hundegeschichten aus Katalonien

 Der vergessene Hund

Es war eine schöner sonniger klarer Tag, als ich mit meinen beiden Hunden einem langen Spaziergang unternahm und dabei einen neuen Weg entdeckte, den ich noch nicht kannte. Nun, ein Weg war es eigentlich nicht, denn es sah so aus, als hätte diesen Ort seit vielen Jahren niemand mehr betreten. Das dies die bittere Wahrheit war, sollte ich sehr bald erfahren. Einst wurde hier wohl terrassenförmig Wein und Obst angebaut, nun war alles wild verwachsen, ungepflegt, urig verwuchert. Die Natur war dabei sich zurückzuholen, was man ihr vor Jahren entrissen hatte. Ich war von der Wildheit des Hügelberges angetan, auf den ich geführt wurde. Schließlich stand ich vor einer halb verfallenen Steinhütte, vor der das Unkraut und Dornenpflanzen die Tür halb verwuchert hatten. Von hier hatte man eine wunderschöne Sicht auf die nahen Pyrenäen und das zu Füßen der Hütte liegende Tal. Ich war begeistert, meine Hunde schnupperten an der Holztür, die morsch und morbide wirkte. 

Was wohl einst diese Hütte beherbergt hatte? Schon oft war ich hier in Katalonien auf verlassene Hütten, jahrhundertealt, gestoßen, die Keramiktöpfe und Trinkgefäße bargen. Langsam drückte ich gegen die Tür, die willig und knirschend unter meinen Händen nachgab - nein, das alte Schloss blieb wo es war, nur das Holz schien in viele Einzelteile zu zerbersten. Düsternis, muffiger Geruch und Staub drang mir entgegen - und dann überfiel mich eine Gänsehaut und zugleich ein Gefühl der Bedrückung. Warum? Als sich meine Augen an die Dunkelheit der Hütte gewöhnt hatten, sah ich schon bald, was ich wünschte. Ja, diese Hütte war voll von Keramiktöpfen und alten Käfigen. Der Boden war ausgelegt mit muffigem Stroh, überall hingen riesige verstaubte Spinnengewebe. Zuerst sah ich nur die Keramiktöpfe, doch als ich einen Blick in den mir am nächsten Käfig warf, stockte mir vor Schreck der Atem. In ihm sah ich halbmumifizierte Gerippe von fünf Kaninchen liegen, die Körper verzerrt, die Münder aufgerissen. Wieder bekam ich eine Gänsehaut und voller böser Vorahnung schaute ich in die anderen verstaubten Käfige. Überall kleine und große Kaninchengerippe, dreißig vierzig, ich konnte es kaum glauben und war wie versteinert.

Und dann sah ich ihn, er lag da, verkrampft, den schönen edlen Kopf auf das Stroh gebettet: ein Hund. Es war ein Podenco gewesen, kniehoch vielleicht. Seine Haut zog sich ledernd und eingetrocknet über seinen Schädel, malte scharf die Konturen seiner Knochen nach. Die leeren Augen auf einen Blick ins Nichts gerichtet. Ein Hund, vergessen, vertrocknet, einen jämmerlichem Tode preisgegeben, hilflos, ausgeliefert, gestorben hinter einer seit vielen vielen Jahren verschlossenen Tür. 

Ich war so fassungslos, dass ich meinen Blick nicht von dem Hundekörper nehmen konnte. Ich war wie gelähmt. Es war unglaublich und doch war es so. Gedanken schossen mir durch den Kopf, Bilder. Ich sah den Hund tagelang an der Tür kratzen - doch nichts geschah, niemand kam, niemand öffnete die Tür für die vielen unschuldigen Kaninchen und den Hund. Ich sah ihn halb wahnsinnig vor Durst und Verzweiflung sich auf die Stelle Stroh zu legen, die er nie wieder verlassen sollte. Ich sah die Kaninchen vor Durst und Hitze verzweifelt hecheln. So viele Tiere hinter dieser einen Tür, die sich mir so willig geöffnet hatte. Und ich war die erste und einzige Zeugin dieser grausamen Tiermorde. Ich starrte den Hund an und mir stiegen Tränen in die Augen. Vielleicht hatte diese Hütte einem alten Mann gehört, der verstorben war und niemand hatte sich seiner Tier angenommen ... vielleicht ...

Benommen schwankte ich mit einem letzten Blick auf den Hund nach draußen, mir war nun, als stände die Qual dieser Hütte fast greifbar in der Luft. Keinen Moment länger konnte ich sie ertragen. Vergessen waren die Keramiktöpfe, vergessen der schöne verwunschene Ort, ich floh fast vor ihm den Berg herunter und meine Hunde waren scheinbar ebenfalls froh darum.

Der Hund wollte mir nicht mehr aus dem Kopf, sein vertrockneter Körper wurde lebendig in meinen Gedanken. Und ich forschte, ich wollte wissen was geschehen war - wollte ein WARUM!

Ein paar Tage später erfuhr ich dann das WARUM - unglaublich, unvorstellbar und doch wahr. Kein alter Mann, der plötzlich verstorben, nein, ein Mann wohl, doch lebendig, dick und unbezwungen in Cardona lebend, keine Schuldgefühle, keine Gedanken an das, was er den Tieren vor über fünfzehn Jahren zugefügt hat.

Diesem Mann mittleren Alters war es eines Tages zuviel geworden, seine Hütte, seine Tiere, seine Obstbäume und seinen selbstangebauten Wein zu besuchen. Von heute auf morgen hat er den Ort nie wieder aufgesucht und seine Tiere und alles sich selbst überlassen. Den Menschen aus Cardona hat er erzählt, dass er seine Hütte aufgegeben hätte. Es wäre ihm zuviel Arbeit gewesen ...

Ein Hundeschicksal hat ein Ende gefunden, ein bitteres, unglaublich verzweifeltes Ende. Was mag ein Hund fühlen, der hinter einer Tür langsam verdurstet und verhungert ist? Wie lange mag sein Todeskampf und der der Kaninchen gedauert haben? Mögen ihre Seelen hinter der nun geöffneten Tür Frieden finden und mögen die Menschen doch nur fühlen, was sie ihren Tieren antun ...

 

Ina Erwien, 2003