Hundegeschichten aus Katalonien

Der kleine Hund

Der kleine Hund hieß Bobby und lebte auf einer großen Terrasse vor einer kleinen Straße in Cardona mit einem großen Zaun, der aber so groß war, das Bobby jederzeit hindurch schlüpfen konnte, um Leute und Hunde zu verbellen, die an seiner Terrasse vorbeigingen. Bobby konnte sich dann fürchterlich aufregen und wild dabei fletschen. Wäre der kleine Hund nicht so winzig gewesen, sondern hätte er die Größe einer Dogge gehabt, wäre sicherlich niemand mehr an seiner Terrasse vorbeigegangen. So aber nahm Bobby niemand wirklich ernst, was den kleinen Hund maßlos ärgerte. Die großen Hunde niesten nur verächtlich und übersahen ihn, war er doch so klein das es sich wirklich nicht lohnte sich über den kleinen Kläffer auch nur in irgend einer Form aufzuregen.

Doch Bobby hatte wiederum auch Glück so klein zu sein, war er doch für die kleine Tochter des Hauses angeschafft worden, die schon nach drei Wochen die Lust an ihm verloren hatte. Die Eltern hatten Bobby nie gewollt und wäre er ein großer Hund gewesen, wäre ihnen das tägliche Futter sicherlich viel zu teuer gewesen, so aber durfte Bobby trotzdem bleiben und nachts sogar in der Diele schlafen, wo er eine kleine Decke besaß. Mit der Zeit waren seine Menschen sogar stolz auf ihn, hatte er es doch schon zwei Jahre geschafft, den oft schnell fahrenden Autos auszuweichen. Die Straße war zwar kleine, doch das hielt die Autofahrer nicht davon ab, schnell zu fahren. Bobby schnellte immer wieder von seiner Terrasse über die Straße, um vermeintliche Opfer zu attackieren. Wenn das wieder einmal erfolglos war, weil er wieder einmal übersehen wurde, hob er sein Bein und schritt mit steifen Gang und stets unbefriedigt auf seine Terrasse zurück. Kein Löwe hätte mutiger sein können als er, wenn er seine Geranien und den schmucken Springbrunnen verteidigte, hatte er doch sonst keine Aufgabe oder Ansprache.

Zwei Jahre hütete er schon seine Terrasse, bis eines Tages im Januar seine Besitzer einsehen mussten, dass Bobby doch nicht die Regeln der Straße verstand. Lauernd saß der kleine Hund auf seiner Terrasse und hatte sein Opfer schon im Visier. Er wartet nur auf den richtigen Moment, setzte zum Spurt an und schnellte unter seinem großen Zaun hervor, wagte es doch wieder einmal, ein großer brauner Hund an seinem Eigentum vorbeizugehen. Der Moment war kein guter Moment, denn während Bobby nur auf den fremden großen Hund achtete, kam von oben ein Auto mit viel zu hoher Geschwindigkeit angefahren. Es gab einen dumpfen Knall und der fremde braune Hund sprang erschrocken zur Seite, der kleine Hund aber blieb zuckend auf dem Asphalt liegen, das Auto fuhr unbekümmert weiter. Es gab keine Notwendigkeit für einen Hund zu bremsen oder anzuhalten, wenn man den Hund auch überfahren hatte. Bobbies kurze Beine vollführten Bewegungen, als wollte er noch immer auf den fremden Hund zulaufen, während sich um ihn langsam eine rote Blutlache bildete, in die die Sonne Lichtreflexe zauberte. Als Bobbies Beinchen nicht mehr laufen wollten, begann sein kleiner Körper wild zu zucken und aus tiefster Hundeseele erschallte der wilde weite Ruf seiner Ahnen. Er heulte wie ein großer wilder Wolf aus tiefster Kehle, so das der braune Hund, der entsetzt stehen geblieben war und zu dem sterbenden kleinen Hund herüber witterte, Stehhaare bekam und sich fürchtete. So starb Bobby als tapferer Hund, der zum ersten Mal in seinem Leben ernst genommen wurde. Stolz verstummte sein Wolfsgeheul, der kleine Körper erschlaffte und der große Hund galoppierte in Panik davon.

Einige Zeit später fanden Bobbies Besitzer den kleinen Hund tot auf der Straße liegend. Sie schüttelten bekümmert den Kopf und sagten: "Wie schade!" Dann nahmen sie ihn an den Hinterbeinen, war er doch blutbeschmiert, und trugen ihn auf seine Terrasse, wo er mit traurigem Blick in die Mülltonne geworfen wurde.

Wenn die großen Hunde nun an Bobbies Terrasse vorbeigehen, bleiben sie verwundert stehen, denn in Wirklichkeit hatten sie den kleinen Hund doch immer wahr genommen. Sie hatten sich das nur nicht eingestehen wollen.

 

Ina Erwien, 2000