Hundegeschichten aus Katalonien

Der große Hund

Eines Tages war er da. Er saß in der Auffangstation des Tierheims Manresa und starrte mich an - aus traurigen wunderschönen Augen. Das ist nun leider keine Seltenheit, denn wenn man durch die Zwingeranlagen des Tierheim Manresas geht, kann man sich vor traurigen anstarrenden Augen ja gar nicht retten. Doch sein Blick traf mich wie ein Geschoss und ließ mich einhalten - ich, mit der Kamera versehen, um Hunde abzulichten.

Ich starrte ihn an und trat wie benommen auf ihn zu. Er war anders als die anderen, sprang nicht wie verrückt und voller Begeisterung in seinem Zwinger auf und ab, er sah mich mit einem tiefen wissenden Blick an und bewegte sich nicht. Als ich vor ihm stand, erfüllte mich ein ungläubiges Staunen. Er war der größte Hund, der mir je so tief in die Augen geschaut hatte - und zudem der magerste. Jeder Knochen stakste aus seinem schwarzem Fell hervor, seine Augen aber sprachen eine Sprache, die ich verstand.

21. Oktober 2003

Ich drückte mich wie er gegen die Zwingerstäbe und streckte dann meine Hände hindurch und streichelte ihn. Er war so sanft, so riesig und so sanft. Wissend und fragend starrte er mir in die Augen, die von einer tiefen Traurigkeit umschattet waren.

Fragend stand ich kurze Zeit später vor der jungen Frau, die die Tiere am Nachmittag betreute und die mir berichtete, dass er heute Morgen von der Polizei ins Tierheim gebracht worden war. Sein Besitzer war in eine psychatrische Anstalt eingewiesen worden, der Hund war seit Tagen in dessen Wohnung allein zurückgeblieben. Wie allein? Ohne Futter und Wasser? Wie lange? Niemand wusste es. Es gab noch die Eltern des Besitzers, doch niemand wusste, ob sie sich um den Hund kümmern wollten oder was mit ihm geschehen sollte.

Drei Tage später war ich wieder im Tierheim und als mein Fototermin beendet war, trat ich zu dem riesigen schwarzen Hund mit der weißen Schnauze, holte ihn aus dem Zwinger und stellte fassungslos fest, wie riesig und zugleich wie sanft er war. Und schon kurze Zeit danach war er der größte Hund, mit dem ich jemals in meinem Leben gekuschelt und gespielt hatte. 

Wir gingen, vertraut wie wir uns waren, in den großen eingezäunten Auslauf des Tierheims. Hier konnte er sich entleeren und laufen, rennen, tollen, schnüffeln und mit mir schmusen. Er war wundervoll, bei aller Riesengröße so sanft und liebevoll, aufmerksam und voller Liebe.

Und er liebte mich. Wir spielten verstecken, also ich versteckte mich hinter Olivenbäumen, wenn er seine Bogen allzu weit schlug. Sofort ließ er alles stehen und liegen und suchte mich aufgeregt. Hatte er mich gefunden, schmiegte er sich zärtlich an mich. Einmal sprang er mich an und seine Pfoten lagen auf meinen Schultern. Er war so groß wie ich, und ich bin 1,80 m groß. Ich drückte ihm und sagte, dass er das doch nicht tun solle, also er wäre ja nun wirklich riesig. Und er lachte, drückte sich an mich, nahm meine Hand, ganz sanft, und nippte an ihr.

Als ich ihn in seinen Zwinger zurück brachte, weinte er mit rauer Kehle, wollte mich nicht gehen lassen, jammerte mir verzweifelt nach. Sein Jammern und sein riesiger Hundekörper verfolgten mich, des Tages und in der Nacht. 

Heute bin ich wieder ins Tierheim gefahren, einzig und allein um mit ihm zusammen zu sein. Wir haben ihn gemessen und gewogen. Er ist 80 cm hoch und wiegt "nur" 46 kg. Er sollte bestimmt an die 60 kg wiegen ... Extra für mich ist er auf die viel zu kleine Tierheimwaage gestiegen. Er vertraut mir, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Vor Händen hat er Angst, vor meinen nicht mehr. 

Wir sind lange spazieren gegangen und es ist ein Genuss mit ihm zusammen zu sein. Als wir eine Pause gemacht haben, hat er sich in der warmen Oktobersonne Kataloniens an mich gedrückt und sein Kopf war viel höher als der meine. Ich habe ihn zärtlich gestreichelt und er hat sich nur noch fester an mich gedrückt.

Wieder im Tierheim, hat er mir lange nachgejammert, mit seiner rauen Stimme, die er nur einsetzt, wenn es wirklich nötig ist. In dem Moment war sie es. Sie rief mich zurück, verzweifelt und verliebt, doch ich musste gehen, ihn alleine lassen, denn sein Schicksal ist ungewiss.

Wie sein Leben weiter gehen wird? Morgen wird die junge Frau des Tierheims bei der Polizei anzurufen. Werden ihn die Eltern des psychisch gestörten Besitzers nehmen, diesen unglaublich großen und dünnen Hund? 

Riesiger, schwarzer, sanfter Hund, möge das Glück in dein Leben einkehren, ich wünsche es dir so ...

 

Ina Erwien, am 23. Oktober 2003

 

Nachtrag: am 30 Oktober wurde "er" von seinem Besitzer und in Begleitung der Polizei wieder abgeholt.