Hundegeschichten

Der griechische Motorradhund

Er saß da, angekettet unter einem Olivenbaum und wedelte, als er mich saß. Er war ein mittelgroßer Jagdhund und es war fraglich, ob er jeden Tag etwas zu fressen bekam. Seine Mahlzeiten, wenn er sie einnehmen konnte, bestanden aus alten Bohnen und eingeweichtem Brot. Ich war ein Mensch, der ihm Liebe, Zuneigung und vielleicht etwas Futter schenken konnte, nicht mehr oder weniger. So wedelte er vorsichtshalber und ich hockte mich zu ihm und streichelte ihn. Er hatte viele Zecken, sein Fell war stumpf und staubig, unter seinem länglichem Fell fühlte ich die Rippen. Seine Augen leuchteten und er leckte meine Hände, da er sich verstanden fühlte.

Mein griechischer Inselurlaub war eine Pauschalreise - zwei Wochen Sonne tanken und eine andere Kultur kennen lernen, nun, hier war ich und hier war der Hund. Er wurde zur Jagd gebraucht, befand sich mein Urlaubsdomizil doch auf einem griechischen Bauernhof und es war Jagdzeit. Wahrscheinlich liebte er das, ich hoffe es für ihn.

Er war jung, vielleicht zwei Jahre und er hatte Ähnlichkeit mit einem Deutschen Münsterländer. Doch er fühlte sich gut an und seine braunen Augen leuchteten glücklich und erwartungsvoll, seine Kette klirrte auf dem trockenen Boden.

Von diesem Tag an brauchte ich ihm, dem Namenlosen, jeden Tag etwas vom Abendessen mit und klar, er liebte mich dafür.

Eines Nachmittags kamen wir früh nach Hause und mein Freund wollte gern etwas schlafen, mich dagegen lockten die griechischen Berge, der klar blaue Himmel, die Düfte nach Thymian und Rosmarin. Kurz entschlossen fragte ich mit Händen und Wörterbuch, ob ich mit diesem Hund spazieren gehen könne. Man nickte desinteressiert, klar, die verrückten Deutschen, warum also nicht.

Als ich den Hund von seiner Kette löste und ihn aufforderte mit mir zu kommen, verstand er das vor Wonne erst gar nicht. Nein, er verstand sehr wohl, er glaubte es nur zuerst nicht. Doch dann sprang er los, schlug Harken, lachte, umrundete mich und war MEIN Hund. Wir waren uns absolut einig, da gab es keine Zweifel.

So wanderten wir los, hoch in die Berge hinter dem Bauernhaus, ich zu mindestens wusste nicht, wohin mich der staubige trockene wunderschöne Weg führen würde. Der Hund war absolut glücklich und die Zeit verrann, die Sonne wanderte, die Natur und der Hund war herrlich. Nach langer Zeit kamen wir beide an einem kleinen Haus in der Bergeinsamkeit vorbei, wo ein griechisches altes Ehepaar vor dem Haus unter ihrer Weinlaube saß. Sie winkten mich her und außer "Jassu!" wusste ich nichts zu sagen. Sie waren wie aus einem Bilderbuch und wie in einem solchen, bewirteten sie mich mit kühlem Weißwein und frisch gepflückten Weintrauben, die über unseren Köpfen wuchsen und wie der Wein herrlich schmeckten. Wir lachten, lächelten, redeten jeder in unserer Sprache aber fühlten uns wohl miteinander. Der Hund kam sogar eine Schale mit Wasser vorgesetzt und kuschelte sich dann zufrieden an meine Füße. Wieder verging Zeit, die Sonne senkte sich unübersehbar - und mein Weg ins Tal war weit. So sagte ich ihnen, diesmal nur mit den Händen "Auf Wiedersehen" und zeigte auf die Sonne. Nun wurde ich unruhig. Wie lange war ich eigentlich meinen Weg aufgestiegen? Das alte nette Paar zeigte ebenfalls auf die Sonne, ihre Gesichter sahen besorgt aus. Als ich ging, winkten sie und ich fühlte mich, als würde ich den Garten Eden verlassen. Hatte ich das gerade wirklich erlebt?

So schnell es mein Wanderschritt zuließ, eilte ich mit meinem vierbeinigen Begleiter abwärts. Doch die Sonne sank nun mehr als schnell und ich wurde zusehends nervöser. Mein Freund würde sich sicher Sorgen machen. Wie lange würde ich brauchen? Würde ich in die Nacht hereinlaufen? Nun, hätte ich bei all der Grübelei besser aufgepasst, hätte ich sicher meinen Weg nicht verfehlt, so aber musste ich mir irgendwann eingestehen, dass ich vor einiger Zeit HIER nicht vorbei gekommen war. Ich hatte mich verlaufen!

Ich blieb stehen. Das konnte doch nicht sein, das konnte mir doch gar nicht passieren. Ich ging ein Stück zurück, es war fast dunkel, ich wusste nicht, wo ich mich befand. Was sollte ich nun machen? Sicher, der jetzige Weg führte auch abwärts, doch wohin? Ich geriet in eine sanfte aber bestimmte Panik, sah meinen Freund auf mich warten, sah mich in der Nacht in den griechischen Bergen. Der Hund stupste mich an, dann stellte er die Ohren auf und wendete den Kopf. Ich streichelte ihn und sah, dass er lauschte. Ich lauschte nun auch, hörte aber nichts, doch dann ... Ein leises monotones Brummen kam auf mich zu. Es wurde lauter und lauter, nein kein Irrtum, nun hörte ich deutlich. Fasziniert sah ich meinen Weg zurück und erkannte nach einiger Zeit den alten Mann mit dem ältesten Motorrad, was ich je fahrtüchtig gesehen hatte, auf mich zukommen. Er grinste mit seinem zahnlosen Mund über beide Ohren und hielt an. Dann zeigte mit den Finger in Richtung Tal und danach auf sein Motorrad. Nun winkte er und deutete mir an, dass ich aufsteigen sollte. Ich verstand, dass er mir absichtlich gefolgt war, um mich ins Tag zu fahren.

Ich, allein mit meinem Begleiter auf vier Pfoten, konnte das zuerst gar nicht fassen. Ich zeigte auf den Hund und er Mann zeigte auf das Motorrad. Der Hund folgte unseren Händen mit den Augen. Was sollte ich tun? Der alte Grieche kam mir wie ein rettender Engel vor. Zögernd stieg ich auf das Motorrad hinter ihm und was machte der Hund? Als sei es selbstverständlich, sprang er mir auf den Schoss und schon ging es abwärts. Der Hund tat, als hätte er nichts anderes getan, als sein ganzes Leben Motorrad zu fahren. Er drängelte sich an mich und lachte. Seine Lefzen waren geöffnet, sein Gesicht strahlte, seine Schlappohren wehten. So fuhr der alte hilfsbereite Grieche seine sonderbare Fracht munter und vor sich hinsummend behutsam ins Tal. Wenn ich bei einer starken Kurve abwärts gegen ihn rutschte, lachte er, der Hund nahm alles gelassen. Er genoss ungemein, was mit ihm geschah. An einer Kreuzung hielt der alte Mann an. "Agassi!", sagte ich, er nickte und bog nach rechts. Einwenig später erstrahlten die ersten Lichter des kleines griechischen Inselortes Agassi auf und er hielt wieder an, um mir anzudeuten abzusteigen. Er zeigte auf einen Weg, den ich wiedererkannte. Von hier waren es fünf Minuten bis zu dem Bauernhaus. Ich fühlte mich wie in einem Traum. Mein griechischer Hund sprang von dem alten Motorrad und ich drückte dem alten Griechen einen Kuss auf die Wange. Dieser lachte vergnügt, strahlte mich mit besonderem Blick an und fuhr summend davon.

Mit dem Hund eilte ich nun auf das Bauernhaus zu, schon bald kam mir mein Freund aufgebracht entgegen. Er hatte sich Sorgen um mich gemacht und war dementsprechend beunruhigt. Als ich im mein kleines Abenteuer erzählte, war er noch immer etwas wütend, nahm mich dann aber erleichtert in die Arme. War mir das wirklich passiert?

Der Hund strahlte mich an. Unglücklich brachte ich ihn an seine Kette unter dem Baum zurück, streichelte ihn lange und brachte ihm später eine große Portion meines Abendessen. Ein paar Tage später flog ich in meine deutsche Heimat zurück. Er blieb zurück, seinem ungewissen Schicksal überlassen. Ich denke noch so oft an ihn, meinem griechischen Motorradhund.

Ina Erwien