Hundegeschichten aus Katalonien

Der besondere Tag

Der Tag, als Duc an die Pforte des spanischen Tierheims gebracht wurde, woran angegliedert auch die städtische Auffangstation der Stadt liegt, war ein trauriger Tag für den hübschen Hund, doch das wusste er nicht. Daheim war er gebadet worden, sein Fell war gebürstet und er sah so wunderschön aus, dass die Menschen des Tierheims entsetzt die Köpfe schüttelten. Seinen Besitzern war Duc über geworden, er passte nicht mehr in ihr Leben und deshalb hatten sie ihn besonders schön hergerichtet, denn schön sollte er seinen letzten Weg gen Barcelona antreten. Es gibt für die Bürger jener katalonischen Stadt eine preiswerte Art, sich ihrer Lieblinge zu entsorgen. Sie übergeben sie der städtischen Auffangstation, die an das Tierheim angegliedert ist, und werden so jeglicher Kosten die die Tötung eines Tieres sonst mit sich bringt, entbunden. Sie können sich den traurigen Weg des Einschläferns ersparen, denn den letzten Weg ihres Lieblings erleben sie ja nicht mit. Jeden Freitag wird die zu diese Zeitpunkt durch Streuner und herrenlose Hunde meist gefüllte Auffangstation gewissenhaft entleert, denn ein extra für diesen Zweck hergerichtetes Hundemobil übernimmt den Transport der hoffnungslosen Insassen des traurigen Ortes. Des öfteren allerdings sind es Hunde wie Duc, die den Vorteil des kostenlosen Transports ebenfalls schätzen oder nicht schätzen lernen dürfen.

Duc war für diesen Transport vorgesehen. Sein seidiges Fell schimmerte in der Sonne und seine Augen leuchteten, denn für ihn war es eine Besonderheit, wenn seine Herren ihn in ihrem Auto mitnahmen. Autofahren war für ihn immer etwas wundervolles gewesen und seine Herren hatten ihn in den letzten Stunden mit besonders viel Aufmerksamkeit bedacht, die er sonst nicht gewöhnt war. Zwar wurde er nicht gerne gebadet, doch wenn er seinen Menschen damit eine Freude machte, ertrug auch diese Prozedur. Er spürte, dass seine Menschen etwas Besonderes mit ihm vor hatten, dass er im Mittelpunkt stand und freute sich. Er fühlte, dass seine Menschen gerührt waren und das es mit ihm zusammen hing. Es war ein besonderer Tag für ihn, das wusste er.

Er freute sich, hielt sich stolz und wartet ab, was als weiteres geschehen würde.

Man führte ihn auf ein Zwingergebäude zu und hockte sich dann zu ihm herunter. Seine seidige Rute wedelte aufgeregt. Wie lieb seine Menschen zu ihm waren, wie aufgewühlt und gerührt sie ihn drückten.

Dann geschah etwas merkwürdiges. Seine Leine wurde in die Hand eines fremden zwar freundlichen Mannes gegeben, der ihn gegen seinen Willen von seinen Menschen fort zog und in einen nach Reinigungsmitteln, Urin und Kot riechenden Gang zog. Seine Menschen folgten ihm nicht. Ehe er sich versah, befand der sich in einem Zwinger, wurde ihm sein Halsband abgenommen, war er allein. Links und rechts bellten aufgeregt andere Hunde. Seine wedelnde Rute wurde schlapp und senkte sich, fassungslos starrte er auf die Gittertür. Er wusste nicht, was geschah. Wo waren seine Menschen? Er wollte hier nicht sein, er wartete, dann begann er zu winseln, starr fixierte er die Tür. Nichts geschah. Er wurde unruhig und sein Winseln wurde lauter. Er sah nach links und nach rechts, winselte immer heftiger und wartete, nichts geschah. Seine Menschen waren fort und hatten ihn nicht mitgenommen, sicher würden sie wieder kommen, er wartete geduldig. Trockenfutter befand ich in seinem Zwinger, doch er rührte nichts an. Er wartete.

Als er schließlich fremde unbekannte Stimmen hörte, schreckte er zusammen. Diese Stimmen mussten ihn zu seinen Menschen bringen, er wollte hier nicht sein. Die anderen Hunde bellten wild, er hatte sie bisher nicht einmal beachtet, nun fiel er erregt und verzweifelt in ihr Bellen mit ein. Das Bellen tat gut, er konnte sein Entsetzten und seine Einsamkeit dort hineinlegen. Er bellte wie besessen. Die Männer kamen auf die Zwinger zu, doch er spürte, dass sie seine Erregung und die Erregung der anderen Hunde nicht fühlten. Als sie ihn aus dem Zwinger holten, ging er brav mit. Brav ging er zu dem nahen kleinen LKW und folgsam wie er war, sprang er sogar freiwillig in eine kleine Box, die darauf sofort verschlossen wurde. Das Bellen der anderen Hunde wurde dumpfer, doch sein Bellen war verstummt, er wartete auf die Menschen die er liebte und von denen er nicht wusste, dass sie ihn verraten hatten.

 

Ina Erwien. 2000