Hundegeschichten aus Katalonien

Der Schweinehund

Der Schweinehund war eigentlich ein Jagdhund und zudem eine Hündin. Sie war braunweiß und hatte grüne Augen. Sie war eine Podencomischlingshündin - einen Namen hatte sie nicht. Sie hatte raues kurzes Fell und ein zerrissenes Ohr. In ihrem Fell hatte sich der Geruch nach ranzigen Schweinemist eingebrannt, lebte sie doch mit sieben anderen Jagdhunden in einem alten Schweinestall in der Nähe von Cardona. In einer der verschmutzten Schweineboxen fristete sie ihr unbedeutendes Leben abseits eines Lebens, was ein Hundeleben ausmachen könnte. Im Sommer hechelten die angeketteten Hunde vor Hitze, im Winter zitterten sie in der eisigen Kälte des Stalles, der weder Schutz vor Hitze noch vor Kälte bot.

Zur Jagdsaison wurde sie gebraucht. Jeden Donnerstag, Samstag und Sonntag, denn das waren die offiziellen Tage der Jagd, hetzte sie an der Seite ihrer Hundefreunde und ihres Herrn Kaninchen und es war die wundervollste Zeit ihres Lebens. Nach Ablauf der Jagdzeit Ende des Herbstes und Ende des Frühlings war sie eine Gefangene des stinkenden Stalls. Dort wo ihr Halsband um ihren schlanken Hals lag, war ihr Fell abgescheuert und ihre nackte Haut hart und ledrig. Ihre Kette, die sie an einen Schweinetrog kettete, war etwas über einen Meter lang und so kurz, dass sie sich nicht einmal mit ihren Hundefreunden beschnüffeln konnte. Trotzdem hatte sie in diesem Sommer Babies zur Welt gebracht, denn zur Zeit ihrer Hitze hatte sich ein alter halbblinder Jagdhund aus seinem Halsband befreien können und hatte sie bestiegen. Ihre Welpen, die sie ausgesaugt hatten,  fristeten nun ein Leben voller Angst, hatten sie doch niemals den Schweinestall verlassen können, kannten keine Menschen, keine Autos, keine Gerüche, kein Leben in Sonne und Wind. Sie waren namenlos wie sie, hinterließen wie sie ihren Kot an der Stelle wo sie angekettet waren und schliefen in demselben.

Ihr Herr kam fast jeden Tag um sie zu füttern. Die Zeit die er mit seinen Hunden verbrachte war kurz, ertrug er doch den stechenden Gestank des Schweinestalls nicht sehr lange. Nur wenige Male im Jahr reinigte er den dunklen Stall und in der Zeit ließ er einige der Hunde über die weiten angrenzenden Felder laufen. Für die Hündin war es wundervoll in der Freiheit den Körper zu strecken, mit den anderen zu spielen, durchzuatmen, den Wind im Fell zu spüren, zu riechen, zu sehen, zu leben. Es war das größte Glück, doch es war kurz, viel zu kurz und viel zu selten.

Manchmal sah ein Gesicht eines vorbeiwandernden Menschen durch die kleinen mit Draht abgegitterten Fenster. Die Schweinehündin bellte dann wie wild. Sonst geschah nicht sehr viel in ihrem Leben. Wie die anderen wartete sie voller Langeweile auf den nächsten Morgen, auf den nächsten Abend und dann wieder auf den nächsten Tag, in der Hoffnung, dass etwas geschehen könnte. Es geschah nichts.

Ihre Welpen waren erwachsen geworden, waren verschüchtert und verstört. Die alten Jagdhunde wollten sie nicht und auch die Hündin war ihrer überdrüssig geworden. Sie waren so hübsch wie ihre Mutter, doch niemand konnte das sehen. Zwei der fünf Welpen waren an andere Jäger abgegeben worden und lebten ein anderes aber ähnliches Leben, vererbte die Hündin doch ihr Jagdblut und ihr Aussehen.

Drei Jahre waren vergangen wie ein Tag, drei Jahre und ein Leben als Jagdhund in einem dunklen, vergitterten, stinkenden Schweinestall. Nach Ablauf der Jagdsaison fehlte die Hündin mit dem eingerissenen Ohr. An ihrem Platz nun lag ihre Tochter angekettet. Es war dieselbe Kette und dieselbe Schweinebox, es war dieselbe Augenfarbe und dieselbe Fellfarbe und der selbe verlassene Blick. Nur das Ohr war ganz, doch etwas der Hündin ohne Namen lebte durch ihre Tochter weiter.

Ein schlechtgezielter Schuss hatte sie anstelle des Kaninchens getroffen, das sie gehetzt hatte. Sie war auf der Stelle tot gewesen und sie war glücklich und in Freiheit gestorben, hatte sie doch ihre große Aufgabe erfüllen können, die ihr die Generationen ihrer Jagdhundevorfahren vererbt hatten.

Das Glück der Jagd trug auch ihre Tochter in sich, wenn sie in ihren Träumen Seite an Seite mit der Mutter auf der Hatz über die Felder jagten und im Anschluss von ihrem Herrn gelobt wurden.

 

Ina Erwien, 2000