Erfahrungsberichte von Hunden und ihren Menschen

Cane war ihr Schicksal

Vielleicht hätte ich ohne diese Begebenheit bis heute noch keinen Hund, obwohl ich mir einen gewünscht habe, seitdem ich 'Wau Wau' sagen konnte.

Aber die Umstände ließen es nicht zu: Früher, als Kind, durfte ich keinen Hund haben. Und später ging ich arbeiten und dachte immer, für einen Hund ist keine Zeit - der ist ja den ganzen Tag allein und das ist nicht gut für einen Hund. Also hatte ich keinen - dem nicht vorhandenen Hund zuliebe.

 

Aber - wie es das Schicksal so will - kam dann doch alles ganz anders:

Ich verbrachte einen 4-wöchigen Urlaub in Namibia: bei einem Bekannten namens Michael, in dessen Haus ich wohnen und dessen Auto ich benutzen konnte. Dadurch konnte ich viel mehr Hintergrund-Wissen über das Leben in diesem Land erfahren als ein 'normaler' Tourist. An den Wochenenden machten wir Trips durch das weite Land - teilweise mit Übernachtungen im Auto oder auch in Hotels.

Am dritten, also meinem letzten Wochenende, fuhren wir mitsamt einem weiteren Freund, Uli, zum Brandberg, ein Berg mit der berühmten Felsenmalerei mit der weißen Frau. Es gab furchtbar viel 'Gegend' zu sehen, kaum ein Baum, ein Haus oder gar eine Siedlung. Nur Gegend. Und eine Straße, sowas von schnurgerade wie man es sich kaum vorstellen kann. Dort, in Namibia, lautet eine präzise Wegbeschreibung in etwa: 'fahre 1 Stunde geradeaus, dann kommt ein Baum, und dort biegst Du links ab' ....

Wir waren inzwischen von der asphaltierten Straße runter und fuhren eine kaum sichtbare Schotterstraße entlang. Hin und wieder war außer Steinen und Schotter und den Bergen im Hintergrund auch ein einsamer Busch oder ein Vogel zu sehen.

Namibia

Plötzlich sahen wir etwas größeres in der Ferne am Straßenrand. 'Das wird wieder mal ein Schakal sein' war unsere übereinstimmende Meinung. Im Vorbeifahren sagte Uli: 'das war ja ein Hund!'. Wir fuhren weiter, aber uns plagte die Neugier und ein wenig das schlechte Gewissen. Wem mochte er bloß gehören? Weit und breit war niemand zu sehen und ein Haus war auch nicht in der Nähe. Wir wendeten und fuhren das kurze Stück zurück.

Ich stieg sofort aus und ging auf ihn zu. Unsicher blickte er zu mir auf. Da ich keine Vorstellung davon hatte, wie sich afrikanische Hunde Fremden gegenüber verhalten, holte ich mir inzwischen angetrocknetes Toastbrot aus dem Auto und hielt es ihm mit lang ausgestrecktem Arm hin. Gierig und dankbar wurde es verschlungen. Der Hund, oder besser gesagt das Hundchen, denn es war kaum größer als eine Katze, war stark abgemagert, völlig verwahrlost und hatte auf der einen Gesichtshälfte keine Haare, sondern schuppige 'Elefantenhaut'. 'Komm, pack ihn ein', tönte es aus dem Auto. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen! Meine rosa Shorts und das weiße T-Shirt nahmen durch den Hund auf dem Schoß sofort eine sehr gräuliche Farbe an und meine Staub-Allergie machte sich bemerkbar.

Nach einigen Stunden Fahrt wieder zuhause in Windhoek angekommen, steckten wir das Hundchen erstmal in die Badewanne und bearbeiteten es mit unserem eigenen Shampoo, denn sonst war nichts vorhanden. Er, es war ein Rüde, war außerdem voller Zecken und blutete an beiden Ohren. Am Rücken waren zwei große Narben, etwa 5 cm lang und 1 cm breit. Sicher wurde er mißhandelt. 

Wir gaben ihm aus unserem Kühlschrank etwas zu essen, was wir für einigermaßen als Hundefutter geeignet hielten. Er war nicht sonderlich wählerisch, sondern schlang alles gierig in sich hinein. Anschließend schlief er erschöpft auf einem Sessel ein.

Cane am ersten Tag

Am nächsten Tag, ein Montag, marschierte ich mit ihm durch Windhoek zur Tierklinik. Da mir ja keine Hundeleine zur Verfügung stand, wollte ich ihn tragen oder hinter mir her locken. Der Weg führte an einer kleinen Zoohandlung vorbei. Dort erstand ich erstmal eine kleine dünne Hundeleine. Wahrscheinlich hatte er noch nie in seinem Leben eine Leine an, denn er stellte sich an wie ein Welpe, der das erst noch lernen muss. Eine Unterführung war ein großes Problem: es stand ihm deutlich in seinem Hundegesicht geschrieben, dass er noch nie eine Treppe gesehen hatte. Und dann noch eine, die so tief nach unten führte. Ich musste ihn tragen.

Das erste, was der Arzt in der Tierklinik zu mir sagte, als ich ihm die Geschichte des gefundenen Hundes erzählte, war: 'und daraus soll ich jetzt wieder einen Hund machen?'. Er bekam als erstes eine Tollwut-Spritze und ich ein Bademittel, das seiner kranken Haut am Kopf helfen sollte. Nach Schätzung des Tierarztes war er ungefähr 5 Jahre alt.

Mittlerweile war der Tenor bei sämtlichen Freunden und Bekannten in Windhoek, dass ich den Hund mit nach Deutschland nehmen sollte. 

Cane, das Häufchen Elend

Michael hatte sich zwar um einen Hund kümmern wollen, aber der sollte als Wachhund geeignet sein und eine solche Aufgabe konnte dieses kleine Häufchen Elend kaum wahrnehmen.

Nun, wenn es mein Hund werden sollte, dann musste er auch einen Namen bekommen. Aber welchen? Leicht rufbar, er sollte was mit Afrika zu tun haben und auch irgendwie auf die schicksalhafte Begegnung anspielen. Kurz vor meiner Abreise nach Namibia gab es im Fernsehen einen alten Film mit Humphrey Bogart: 'Die Caine war ihr Schicksal'. Und Cane heißt der Zuckerrohr-Schnaps in Namibia. Leicht rufbar war es auch und so wurde 'Cane' sein Name.

Den Rest der Woche verbrachte ich damit, von Amt zu Amt zu laufen und zu versuchen eine Genehmigung zu erhalten, den Hund mit nach Hause nehmen zu dürfen. Wer um Himmels willen ist für sowas zuständig? Ich war auf dem Konsulat, beim Veterinäramt, fast täglich in der Tierklinik, beim Landwirtschaftsamt, .....

Aber alles nutzte nichts, denn eines stand fest: man muss bei der Einreise in Deutschland vorweisen, dass der Hund vor mindestens 4 Wochen gegen Tollwut geimpft wurde, und das war nicht möglich.

Michael erklärte sich bereit, den Hund noch weitere 3 Wochen zu beherbergen, bis er mir per Fracht nachgeschickt werden konnte.

Schweren Herzens flog ich am Freitag nach Hause um sofort von dort aus alles mögliche zu unternehmen, den Transport nach Deutschland zu beschleunigen. Beinahe hätte ich sogar 'BILD kämpft' eingeschaltet. Viele verschlungene Pfade führten mich nach Wiesbaden zum Sozial-
Ministerium. Dort erstand ich für ganze 8 DM eine Einfuhr-Genehmigung (was das Sozial-Ministerium mit der Einfuhr von Hunden zu tun hat, habe ich bis heute nicht begriffen). Diese Genehmigung ließ ich kopieren und von einem Notar beglaubigen. Diese mit einem prunkvollen Wachssiegel versehene Kopie schickte ich zu Michael nach Windhoek, der sie dort dem Veterinäramt vorlegte. Mit dem Kommentar 'ich müsste einen Onkel im Amt haben', der mir diese Genehmigung beschafft haben sollte, erteilte er Michael widerwillig seinen Segen zur Ausfuhr von Cane. Mittlerweile waren 6 Wochen seit meiner Abreise aus Namibia vergangen.

Am Tag der Ankunft gab es im Büro sehr sehr viel zu tun und mein Chef ließ mich nur ungern früher gehen. Viel zu spät eilte ich zum Frankfurter Flughafen, um Cane abzuholen. Hektisch suchte ich auf dem riesigen Gelände nach dem richtigen Gebäude. Endlich hatte ich es gefunden: Als ich nach meinem afrikanischen Hund fragte, deutete man hinter dem Tresen auf den Boden: mit einem so dicken Seil, dass man eine Kuh damit hätte festbinden können, hatte man ihn an einen Schreibtisch festgebunden. Ich hätte nie geglaubt, dass er mich nach so vielen Wochen und nur 5 gemeinsamen Tagen in Afrika wiedererkennen würde. Aber weit gefehlt: er freute sich so sehr, wie sich nur ein Hund freuen kann!
Schnell noch die Formalitäten beim Zollamt erledigen (welchen Wert gibt man für einen halbverhungerten verwahrlosten Mischling aus Afrika an??) und dann schnell nach Hause.

Wieder war ein Bad nötig - aber die Haare am Kopf waren dank Michaels Behandlung mit dem Mittel von der Tierklinik nachgewachsen. Er blieb problemlos den ganzen Tag alleine zuhause, machte nichts kaputt, war sofort stubenrein (woher wusste er das bloß?) und der liebste Hund der Welt. Was er überhaupt nicht mochte, war Regen: so ein vorwurfsvoller und zugleich leidender Blick, wenn er im Regen Gassi gehen sollte! Niemand konnte so traurig gucken wie Cane!

Er war ohne sonderliche Erziehung sehr folgsam und war völlig auf mich fixiert; vertrug sich mit der Katze meiner Eltern und wurde schnell der Liebling der ganzen Familie. Ein nicht verwackeltes Foto herzustellen gelang nur mit Mühe, denn unablässig wedelte er freundlich mit seinem Schwanz. Nur mit der Leine am Halsband ziehen durfte man nicht. Als ich nach einigen Tagen ihn in einem Einkaufszentrum kurz vor der Ladentür festband, weil in diesem Laden keine Hunde mit rein durften, wollte er mir folgen und schrie wie am Spieß, als er den Druck am Halsband merkte. Auch seine Pfoten in die Hand nehmen, ließ er nur sehr widerwillig zu und Krallen schneiden konnten wir nur im tiefsten Wald. Er schrie dabei so sehr, dass das ganze Ort sonst sofort den Tierschutz-Verein zusammengetrommelt hätte. Welche Misshandlungen hatte man ihm nur zugefügt?

 

Die tiefen Risse an beiden Ohren schienen wie mit einer Schere hineingeschnitten. Unvorstellbar. Bei einer Narkose wegen Gebiss-Sanierung wurde ein Stück vom Ohr abgenommen, weil es immer wieder weiter einriss und blutete.
Wir wurden Stammkunden beim Tierarzt. Dieser vermutete, dass Cane früher mal Staupe gehabt haben könnte. Auch von Leishmaniose war die Rede. Auch die Demodex-Milbe schien zu Gast zu sein. Und ständig hatte Cane mit Husten zu kämpfen. Er bekam häufig Cortison.

 

Im Laufe der Zeit wurde aus dem kleinen Häufchen Elend ein kleiner selbstbewusster Hund. Manchmal ließ er sich sogar dazu hinreißen, mit einem Stofftier zu spielen. Jedoch nie mit anderen Hunden.

Dezember 1987

Er wurde so selbstbewusst, dass er sich nichts mehr gefallen lassen wollte. Besonders Kindern gegenüber wurde er so sehr ablehnend, dass er nicht nur geknurrt hat, sondern ich später Angst davor bekam, dass er irgendwann mal zubeißen könnte.

Zweieinhalb Jahre lang war Cane bei mir und stand mir in privat schweren Stunden zur Seite. Er war oft mein einziger Halt. Wir waren unzertrennlich. 

Bei einem Spaziergang an einem Sonntag im Januar wollte er nicht mehr laufen, aber ich konnte nicht erkennen, wieso. Als er am Abend auch nichts mehr fressen wollte, machte ich mir die größten Sorgen. So verhungert, wie er mal war, war Fressen immer seine Lieblings-Beschäftigung und nichts hatte er verschmäht. Am Montag ging ich mit ihm (wieder mal) zum Tierarzt und bekam die niederschmetternde Diagnose, dass er einen Lebertumor hätte. Man konnte ihn wegen schwachem Herz auch nicht mehr operieren; er hatte starke Untertemperatur und am Mittwoch musste ich mit ihm seinen letzten Gang antreten.

Als ich vor lauter Kummer völlig in Tränen aufgelöst war und mich überhaupt nicht mehr beruhigen konnte, sagte mein damaliger Partner zu mir: 'Du stellst Dich an, als sei Deine Mutter gestorben'. Diesen Satz habe ich ihm nie verziehen.

 

Cane ist dort im Garten begraben. Auch wenn ich nie wieder sein Grab besuchen kann und heute Chico und Kallemann den Platz an meiner Seite eingenommen haben, so werde ich ihn doch nie vergessen.
 

© Gudrun Brusch
www.hunde-poesie.de

 

      

Juli 1986                                          Herbst 1988