Hundegeschichten aus Katalonien

Bobtail, oder das, was noch von Bobtail übrig war

An einem sonnigen Tag im Januar, fanden wir Bobtail an die Pforten der Tierheimtür Manresa angebunden, doch wir mussten genau hinschauen, ehe wir den Hund als einen solchen erkennen konnten. Gewiss, dieser Hund war einst ein Bobtail gewesen, doch nun starrten wir auf ein schmutziges Etwas, an dem riesige, total verfilzte Haarflechten, Zentimeter dicke Schichten von grauen harten Haarwülsten hingen und ihn zu Boden drückten. Wir waren alle sprachlos, denn der Anblick war so unglaublich, dass wir uns zuerst kaum rühren konnten, dann aber regte sich in unserer Sprachlosigkeit Wut, ob den Menschen, die ihm das angetan hatten. Wie viel Zeit brauchte es, um aus einem Hund ein "Etwas"  werden zu lassen, das so aussah wie Bobtail.

Bobtail wurde in die Zwinger der Auffangstation gebracht, wo er sich einfach nur hinlegte und in die Ferne starrte, ohne etwas zu sehen. Der Hund rührte sich nicht, war gebrochen unter der Last seiner schweren Filzflechten und von dem, was sein Leben ausgemacht hatte. Das aber konnten wir nicht sehen, nur erahnen.

Ihm war es egal, ob man mit ihm sprach oder nicht, ob er gefüttert wurde oder nicht, er hatte für sich entschieden.

Zwei Tage verbrachte er in seinem Zwinger mit dem starren fernen Blick, in dem er etwas sah, ohne zu sehen, dann legte er sich, es war ein Samstagabend, zu Boden, um nicht mehr aufzustehen. Schweratmend lag er da, und auch die größten Bemühungen brachten ihn nicht dazu, sich noch einmal zu erheben. In aller Eile fuhren wir mit dem Tierheimauto vor und hoben den Hund hinein. Er rührte sich auch dort nicht. In der Tierklinik angekommen, starrte uns die Tierarzthelferin entsetzt und mit deutlichen Missfallen an, war doch der Hund in ihren Augen alles andere als eine Augenweide und eine Belastung für die anderen "Patienten". So wies sie uns in einen Nebenraum des Behandlungszimmers, wo aber auch schon ein junges Pärchen mit ihrem Hund warteten. Diese waren genauso entsetzt beim Anblick Bobtail wie wir. Andrea versuchte verzweifelt den keuchenden am Boden liegenden Hund beruhigend zu streicheln, doch war die einzige Stelle wo sie ihn erreichen konnte, an der Stirn, denn dort hatte man ihm die Haare geschnitten. Es war ansonsten unmöglich, ihn unter seinem schweren Flechten auch nur anzufassen. Dem Hund war es egal ob er gestreichelt wurde oder nicht, sein Blick war weiterhin ins Nichts gerichtet.

"Macht mit mir was ihr wollt!", schienen seine Augen zu sagen, "doch SO will ich nicht mehr weiterleben!"

Um während Andrea noch ihren Blick abwendete, weil sie den Anblick des gebrochenen Hundes nicht mehr ertragen konnte und dabei zur Wand starrte, um wie zum Hohn genau über Bobtail einen wunderschönen rassereinen Bobtail mit seidigen, gekämmten Fell zu erkennen, betrat die Tierarzthelferin mit einem Duftspray das Wartezimmer, sagte zu dem mitleidigen Pärchen:

"Also, wenn Sie lieber das Wartezimmer wechseln wollen. Ich kann Sie nur gut verstehen, wenn ihnen der Hund zuviel stinkt!"

Und mit diesen Worten sprühte sie eine volle Breitseite Raumduftspray in das Zimmer. Wir waren sprachlos und auch die das Pärchen schüttelten den Kopf und blieben sitzen wo sie saßen. Wie konnte die Sprechstundenhilfe im Anbetracht des sterbenden Hundes so reagieren?

Als wir endlich Bobtail in das Behandlungszimmer tragen konnten, schlug der Tierarzt die Hände vor dem Gesicht zusammen. So etwas hatte er in seiner ganzen Tierarztlaufbahn noch nicht gesehen. Als Bobtail untersucht wurde, regte er sich nicht. Nichts, aber auch gar nichts drang bis zu ihm hervor, nur das Geräusch seines Atems wirkte schwer in unseren Gefühlen. Der Arzt sah keine Hoffnung für das gequälte Tier.

Bobtail war ungefähr acht Jahre und durch das viele Fell, was sich unter ständiger Last auf die Haut drückte, war die Blutzirkulation gleich null. Die Last hatte zu schwer auf den Hund gewirkt und seinen darunter mageren Körper zerdrückt. An einer Stelle am Bauch hatten seine Menschen versucht, ihm etwas von den Flechten abzuschneiden, doch zugleich ihm ein tiefe nun eiternde Wunde in die Haut geschnitten. Mindestens zwei Jahre dürfte ansonsten kein Mensch sich mit dem Fell des armen gequälten Hundes beschäftigt haben. Nun war es für ihn ein Gnade, von dem langen Leidensweg zu erlösen zu werden, der ihn ohnehin schon bald erstickt hätte.

Der Grund warum Bobtail aber letztendlich "entsorgt" wurde war ein anderer.

Bobtail war kein Rüde sondern eine Hündin und - sie war trächtig. Grund genug, den schmutzigen, durch das Fell verunstalteten Hund auszusetzen. Das war das Schlimmste für uns.

Bobtail hat den Tod hingenommen, ohne sich zu rühren oder gegen die Todesspritze anzugehen. Sie starb ganz ruhig. Sie lebte ohnehin schon in ihrer eigenen Welt, in die sie hoffentlich jetzt gekommen ist, mit wunderschönem, seidigem Fell.

 

Ina Erwien, 2000