Plutos eisblaue Augen passen wundervoll zu dem außergewöhnlich schönen, reinrassigen Siberian Husky. Tag für Tag sind sie mit sehnsüchtigem Blick auf die Straße vor der Toreinfahrt gerichtet. Dann und wann winselt Pluto auf, doch meistens liegt er nur resigniert in seiner Einfahrt neben dem wunderschönen Haus, was wunderbar zu dem schönen Hund passt - oder der Hund zu dem Haus, wie man es gerne sehen will.

Pluto besitzt zu dem eine sehr hübsche Hundehütte, mit der Öffnung nach Süden, also wunderbar geeignet, besonders auch im heißen katalanischen Sommer, stets Sonne abzubekommen. Sein Name steht dafür dick auf seinem schmucken Haus, an dem auch seine dicke lange Eisenkette befestigt ist, Tag und Nacht, Sommer wie an Wintertagen, Jahr um Jahr. Braunweiß ist sein dickes Fell, braunweiß sind Villa und Hundehütte, das teure Auto weiß, doch die Sitze von innen aus Leder und braun. So passte alles zusammen, ist geschmackvoll aufeinander abgestimmt und hübsch anzusehen.

Und doch, irgendetwas stimmt überhaupt nicht, wenn ich in die traurigen eisblauen Augen Plutos sehe, der gerne mit meinen Hunden gespielt hätte, der gerne über Felder gefegt wäre, der gerne lustig gewesen wäre.

Pluto ist nicht lustig und wenn ich dann und wann bei ihm stehen bleibe, um ihn in die Augen zu sehen, sehe ich zweierlei. Ich glaube eine weite Tundra zu sehen, atemberaubende Natur und atemberaubende Weite. In der Ferne wird der Horizont eins mit dem Himmel, schneebedeckte Berge schimmerten dort blau im Zwielicht der Nordpolarsonne. Der Wind ist eisig und spielt mit Plutos Fell, der in Freiheit und Weite mit seinen Artgenossen am Rande des Hauses seines Herrn tollt.

Das Bild verblasst schnell, besonders im der unbarmherzigen Sommersonne Kataloniens, vor der Pluto keinen Schutz findet, liegt der Eingang seiner Hütte doch nach Süden, hält ihn seine rasselnde Kette doch davon ab, seinem Bewegungsdrang nachzukommen.

Dann sehe ich wieder nur die Traurigkeit in seinen Augen, die Sehnsucht nach langen Spaziergängen, nach Artgenossen und einem Herrn, der liebevoll zu ihm ist.

Einmal in der Woche wird er dann wirklich an der Kette fünf Minuten spazieren geführt, der Höhepunkt in seinem Leben, ohne wirkliche Höhe.

In Manresa und Umgebung gibt es unzählige Plutos. Die einen leben wie er in Hofeinfahrten an der Kette, in eingezäunten Gärten oder auf kleinen Balkonen, so dass sie ihre Freiheit sehnsuchtsvoll oberhalb des Straßenmiefs fristen können, die anderen leben im Tierheim Manresa, da sie zwar weiterhin wunderschön und in Mode sind, doch auch schnell zur Last werden. Wohin sollen die Balkonhuskies mit ihrem Bewegungsdrang, wo können sie ihre Energien abbauen? Im Tierheim können sie das sicherlich auch nicht, doch dann sind sie eben keine Last mehr für ihre einstigen Besitzer. Andy, Buster, Goku und Pasqui aber sind so wenigstens den Balkonen und dem Straßenabgasen entkommen und können auf ein besseres Leben hoffen und im Tierheim vor sich hinträumen.

Pluto werde ich weiterhin in seine eisblauen Augen sehen können, das wunderschöne Prestigeobjekt. Allabendlich darf ich so den Hauch der Weite der Tundra des Nordens verspüren, oder einen dumpfen Stich, wenn die eisblauen Augen sich mit Sehnsucht füllen.

Ina Erwien, 2000